Klimawandel verschärft die globale Schlangenbiss-Krise
Pro Jahr werden weltweit bis zu 5,4 Millionen Menschen von Schlangen gebissen, rund 138.000 sterben daran. Mit jedem zusätzlichen Grad Celsius Tagestemperatur steigt das Risiko. Forschungseinrichtungen melden bereits zunehmende Bissfälle und neue Verbreitungsgebiete giftiger Arten – während die globale Versorgung mit Gegengiften gefährlich dünn wird. Die Weltgesundheitsorganisation ruft zu nationalen Aktionsplänen auf.
03.07.2026
Wenn am Ramathibodi Poison Center in Bangkok das Telefon klingelt, ist die Anfrage oft dieselbe: Ein Mensch wurde gebissen, der Arzt am anderen Ende der Leitung weiß nicht, ob die Schlange giftig war und ob er ein Gegenmittel benötigt. Bis zu 130 Notrufe gehen pro Tag ein. Vor vier Jahren waren es jährlich rund 1.000 Schlangenbiss-Fälle, heute sind es 1.500 – mehr als die Hälfte davon durch hochgiftige Arten wie Königskobra, Malaya-Krait und Lanzenotter. Diesen Befund schildert die in Bangkok ansässige Journalistin Rebecca L. Root in einer Reportage für Dialogue Earth und Grist.
Schlangenbisse zählen zu den am meisten unterschätzten Gesundheitsproblemen weltweit. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation werden jährlich bis zu 5,4 Millionen Menschen gebissen. Die Hälfte erleidet eine sogenannte Envenomierung, also eine Vergiftung durch das eingebrachte Toxin. Rund 500.000 Betroffene leben anschließend mit dauerhaften Behinderungen, 138.000 sterben. Asien gilt als globaler Hotspot mit bis zu zwei Millionen Vergiftungsfällen pro Jahr.
Der Klimawandel verschärft die Lage messbar. Eine Untersuchung der Emory University belegt, dass die Wahrscheinlichkeit eines Bisses mit jedem zusätzlichen Grad Celsius Tagestemperatur steigt. Hitzewellen treiben Reptilien aus ihren Verstecken; Dürren zwingen sie an Wasserquellen, die Menschen ebenfalls aufsuchen; Stürme und Überschwemmungen schwemmen unterirdisch lebende Arten an die Oberfläche. Hinzu kommt die zunehmende Verstädterung: Wenn Landbevölkerung in die Städte abwandert, dringen die Tiere in Häuser, Gärten und Kanalsysteme vor.
Auch die Verbreitungskarten verschieben sich. Die Braunfleckige Lanzenotter, früher auf China, Taiwan und Indien beschränkt, wird inzwischen in Thailand gesichtet. Indiens vier wichtigste Giftschlangenarten – darunter die Indische Kobra und Russells Viper – breiten sich nach Norden und in die Westghats aus. Eine 2024 in The Lancet veröffentlichte Studie identifiziert neue Risikogebiete in Niger, Namibia, Nepal und Myanmar. Nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation verschieben sich räumliche und zeitliche Muster, in denen Mensch und Schlange aufeinandertreffen, mit der Erwärmung deutlich.
Während die Risiken wachsen, klafft eine globale Versorgungslücke bei Gegengiften. Nach einer im Fachjournal Toxins veröffentlichten Übersicht stellen weltweit nur 46 Hersteller solche Antivenine her. Bereits 2015 hatte der französische Pharmakonzern Sanofi Pasteur die Produktion seines panafrikanischen Präparats Fav-Afrique mangels Rentabilität eingestellt. Hinzu kommt ein geografisches Problem: Ein in Thailand gegen Kobragift entwickeltes Mittel wirkt nicht zwangsläufig gegen den Biss einer Kobra in Tansania.
Thailand zählt zu den wenigen Ländern, die das erkannt haben. Das mit dem Thailändischen Roten Kreuz verbundene Queen Saovabha Memorial Institute produziert sieben Weltgesundheitsorganisation-zertifizierte Gegengifte, die in allen großen Krankenhäusern des Landes vorgehalten und in Nachbarstaaten exportiert werden. „Die meisten Menschen haben Angst vor ihnen und töten sie zuerst – auch wenn sie ungiftig sind“, sagt der Veterinär und Institutsleiter Taksa Vasaruchapong, der selbst dreimal gebissen wurde. Die Weltgesundheitsorganisation hat sich zum Ziel gesetzt, die Zahl der Schlangenbisse bis 2030 zu halbieren – über nationale Aktionspläne, eine bessere Datenbasis und eine dedizierte Informationsplattform.
Für die internationale Klimapolitik liefert das Beispiel einen weiteren Beleg dafür, dass die Folgen der Erderwärmung weit über Kohlendioxid-Bilanzen und Wetterextreme hinausreichen. Schlangenbisse zählen formal zu den vernachlässigten Tropenkrankheiten und treffen vor allem ländliche, einkommensschwache Regionen, deren Anpassungsfähigkeit ohnehin gering ist. Wer Klimaanpassung ernst meint, muss daher auch Gesundheitsversorgung, Forschung und Arzneimittellogistik im Globalen Süden mitdenken. Sonst wird ein weitgehend lautloser Anstieg von Bissopfern und dauerhaft behinderten Menschen zu einem der stillen Preise der Erwärmung.