Kanada: 20 Milliarden Dollar für ein abgespecktes Klimaschutzprojekt
Kanada hat dem weltgrößten CO₂-Abscheidungskomplex grünes Licht gegeben – einem 20-Milliarden-Dollar-Projekt im Ölsand von Alberta, das fünf Ölkonzerne entwickeln. Was als Klimadurchbruch vermarktet wird, ist bei näherer Betrachtung ein politisch ausgehandelter Kompromiss: Das Abscheidungsziel wurde still und heimlich um ein Viertel gesenkt, und das Projekt kostet das Land gleichzeitig strengere Klimaregeln.
29.06.2026
Premierminister Mark Carney und Albertas Gouverneurin Danielle Smith inszenierten die Ankündigung in Calgary als historischen Energiedeal. Das Pathways-CCS-Projekt, entwickelt von der Oil Sands Alliance – einem Zusammenschluss der Ölgiganten Canadian Natural, Cenovus, ConocoPhillips, Imperial und Suncor – soll 20 Ölfeldanlagen zur CO₂-Abscheidung über ein Pipelinesystem mit einem zentralen Injektionshub nahe Cold Lake verbinden. Das abgeschiedene Gas wird tief im Untergrund verpresst. Die Bundesregierung preist das Projekt als Leuchtturm der Dekarbonisierung.
Doch im Kleingedruckten des Umsetzungsabkommens findet sich eine Zahl, die bei der Pressekonferenz nicht erwähnt wurde: Das ursprüngliche Abscheidungsziel von 22 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr bis 2030 wurde auf 16 Millionen Tonnen bis 2035 gesenkt – eine Kürzung um ein Viertel, fünf Jahre später. Zum Vergleich: Der gesamte Ölsandsektor emittiert laut Umweltbehörde Environment and Climate Change Canada derzeit rund 89 Megatonnen pro Jahr. Selbst das ursprüngliche Ziel hätte also lediglich ein Viertel dieser Emissionen abgedeckt. Das Pembina Institute, eine angesehene Umweltdenkfabrik, kommt in seiner Modellierung zum Schluss, dass der Gesamt-Deal die „höchsten absoluten Ölsandemissionen“ aller untersuchten Szenarien produzieren würde – auf Kurs zu 89 Megatonnen jährlich bis 2035.
Der politische Preis des Deals ist ebenfalls erheblich. Als Gegenleistung für das Ja zum CCS-Projekt bekommt Alberta Rückendeckung für eine neue Fernöl-Pipeline an die Westküste – für den Export in asiatische Märkte. Der National Observer dokumentiert, wie Ottawa gleichzeitig Umweltvorschriften lockert und sich von strengeren Klimaauflagen distanziert. Das Investigativportal DeSmog spricht bereits von einem „Boondoggle“ – einem teuren Projekt mit fraglichem Nutzen. Suncor verbuchte allein im letzten Quartal 2,1 Milliarden Dollar Gewinn, befeuert durch den Iran-Krieg und gestiegene Ölpreise.
Mark Kalegha vom Institute for Energy Economics sieht erhebliche finanzielle Risiken: Die Projektkosten sind bereits deutlich über den ursprünglichen 16,5 Milliarden Dollar, der tatsächliche Baubeginn bleibt ungewiss. Kendall Dilling, Präsident der Oil Sands Alliance, räumte ein, der Kohlenstoffpreis sei nach wie vor ein „Wettbewerbsnachteil“ für kanadische Produzenten – nur der Zugang zu asiatischen Märkten über die neue Pipeline könne die Wirtschaftlichkeit verbessern. Damit legt er offen, worum es im Kern geht: Das CCS-Projekt ist der Preis, den Ottawa für ein neues Exportinfrastrukturprojekt zahlt.
Kritiker werfen der Regierung vor, mit dem Klimaversprechen politisches Kapital für eine neue Ölinfrastruktur zu kaufen. Das CCS-Projekt ist real – aber es legitimiert Emissionen, die ohne es politisch vielleicht nicht mehr durchsetzbar wären. „Der Grand Bargain“ nennt sich das Abkommen selbst. Was es tatsächlich ist, entscheiden die Zahlen: 89 Megatonnen Emissionen jährlich, abzüglich 16 Millionen Tonnen Abscheidung – macht netto 73 Megatonnen, die weiter in die Atmosphäre steigen. Bis 2035.