Indien: Warum Plastikverwertung oft mehr Probleme schafft als löst
Indiens informelle Mülltrenner bewältigen 60 Prozent des täglichen Plastikmülls von 26.000 Tonnen. Doch sogenannte grüne Lösungen wie Müllverbrennung, chemisches Recycling und Zertifikatehandel schaffen neue Probleme, bevorzugen Großkonzerne und unterhöhlen das einzige wirksame Mittel: weniger Plastik produzieren.
08.06.2026
Jharna Khatun sortiert Abfall in einer kleinen Wertstoffsammelstelle in einem informellen Siedlungsgebiet nahe Chanakyapuri. In den Sommermonaten kommen besonders viele PET-Flaschen herein, die sich gut verkaufen lassen. Khatun verdient 12.000 bis 13.000 Rupien im Monat, mehr als die Hälfte davon aus Plastik. Sie ist Teil eines Systems, das oft übersehen wird: Rund 1,5 Millionen informelle Abfallsortierer bewältigen in Indien etwa 60 Prozent des täglichen Plastikmülls von 26.000 Tonnen. Was als grüne Alternative zu diesem System propagiert wird, löst das Problem selten – und erzeugt oft neue.
„Falsche Lösungen werden von derselben Industrie propagiert, die das Problem geschaffen hat“, sagt Arpita Bhagat, Plastikpolitik-Expertin bei der Global Alliance for Incinerator Alternatives (GAIA) Asia Pacific, gegenüber Mongabay India. Sie zieht eine direkte Parallele zur Klimadebatte: Dort seien Großsolar- und Windkraftanlagen als Antwort auf Kohle vermarktet worden, ohne die Gerechtigkeitsfragen zu lösen – wer profitiert, wer verliert, wie Land angeeignet wird. Beim Plastik wiederhole sich dasselbe Muster. Neil Tangri, Wissenschafts- und Politikdirektor bei GAIA Global, beschreibt die Strategie der Petrochemieindustrie knapper: „Solange die Leute nach Reinigungslösungen suchen, wird niemand ihr Geschäft stören.“
Das Kernproblem des Recyclings ist chemisch-physikalisch und lässt sich nicht wegdiskutieren. Thomas Maes, Wissenschaftler bei der norwegischen Umweltorganisation GRID Arendal, erklärt: Beim Recycling brechen die Polymerketten auf kürzere Ketten herunter und verlieren an Qualität. Selbst PET, der am besten recycelbare Kunststoff, halte nur drei bis vier Recyclingdurchläufe durch. Ein Bericht des Centre for Climate Integrity aus dem Jahr 2024 fasst es noch direkter zusammen: Die meisten Kunststoffe außer PET und HDPE haben keine Abnahmemärkte – sie werden verbrannt oder landen auf Deponien. Außerdem erfordert Plastikrecycling mehr Zeit, Arbeit und Anlagen, um ein minderwertiges Produkt zu erzeugen, als die Neuherstellung aus fossilen Rohstoffen kostet. Die Petrochemiebranche wisse das seit den 1960er-Jahren, so Tangri – und habe den Recycling-Mythos dennoch propagiert.
Die in Indien verbreitete Alternative ist die thermische Verwertung: Müllverbrennungsanlagen und die Mitverbrennung in Zementwerken. Beide gelten in der Branche als „Kreislaufwirtschaft“. Die Realität ist eine andere. Müllverbrennungsanlagen emittieren laut Forschung zwischen 250 und 600 Kilogramm CO2 pro Tonne Abfall, vergleichbar mit Kohleverbrennung, dazu Dioxine, Furane, Schwermetalle und feiner Staub. Rund 27 bis 40 Prozent des Eingangsmülls bleibt als Asche übrig, die laut Berichten vielfach im Freien deponiert wird. Chythenyen Devika Kulasekaran vom Centre for Financial Accountability nennt das System ein „hungriges Biest“: Die Kommunen sind vertraglich verpflichtet, täglich bestimmte Abfallmengen zu liefern, sonst muss die Anlage Diesel zuführen. Das schaffe starke Anreize gegen jede Maßnahme zur Abfallreduktion an der Quelle.
Auch das politische Instrument der Erweiterten Herstellerverantwortung (EPR), das in Indien seit 2022 verpflichtend für Plastikverpackungen gilt, versagt in der Praxis. Produzenten, Importeure und Markeninhaber (PIBOs) müssen Recyclingzertifikate vorweisen, die nachweisen, dass ihre Verpackungsabfälle verwertet wurden. Doch das System ist löchrig: 2023 deckten die Behörden auf, dass drei Recycler in Gujarat, Maharashtra und Karnataka 600.000 gefälschte Zertifikate verkauft hatten. Rajesh Pahwa, Inhaber der Delhier Recyclingfirma 21st Century Polymers, beschreibt die systemischen Fehlanreize: Das EPR-Zertifikat für schwer recycelbares Mehrschichtplastik zahlt nur einen Rupie pro Kilogramm, während die realen Recyclingkosten bei 15 Rupien liegen. Die Maximalstrafe für nicht-konforme Marken betrage dagegen nur 5 Rupien, folglich zahlten Unternehmen lieber die Strafe.
Im Hintergrund dieser technischen und regulatorischen Debatten stocken die globalen Verhandlungen für ein Plastikabkommen. Bei den Plastikverhandlungen in Genf im August 2025 war der Produktionsdeckel die entscheidende Sollbruchstelle. Länder mit Interessen in der Petrochemie wollen keine Einschränkung der Plastikproduktion. Die internationale Debatte bleibt damit in der Logik gefangen, die die Industrie bevorzugt: Plastik als Abfallproblem, nicht als Produktionsproblem. Bhagat bringt es auf den Punkt: Wer nur Technologien zur Nachbehandlung von Plastik diskutiert, lässt die Frage unbeantwortet, ob es überhaupt sinnvoll ist, immer mehr Plastik herzustellen.
Am Ende der Lieferkette sitzt Jharna Khatun und sortiert PET-Flaschen. Das informelle Recyclingsystem, das sie und 1,5 Millionen weitere Sortierer tragen, hat keine Lobby, wird nicht subventioniert und erscheint in keinem Kreislaufwirtschaftszertifikat. Es funktioniert. Was es braucht, sind nicht teurere Technologien, nicht mehr Zertifikatehandel – sondern der politische Wille, weniger Plastik an der Quelle entstehen zu lassen, und ein fairer Ausgleich für jene, die das System tragen.