Klima & Umwelt

Chinas Klimapolitik: Wird aus dem Beobachter ein Akteur?

Wenn die USA sich aus dem UN-Klimaregime zurückziehen, entsteht eine Führungslücke. Ob China sie füllen wird, bleibt eine „offene Frage“ – doch die empirische Basis für sie wird gerade präziser. Ein neues Forschungsprojekt der University of Bath dokumentiert erstmals systematisch alle globalen Umweltinitiativen, die seit den 1980er-Jahren von China angestoßen oder betrieben werden. Das Ergebnis: eine stetig wachsende Datenspur mit klarem Muster.

31.08.2026

Chinas Klimapolitik: Wird aus dem Beobachter ein Akteur?

„Führung ist ein sehr umstrittener Begriff in den Sozialwissenschaften“, so Sun im Interview. „Wir waren sehr vorsichtig bei der Namenswahl für diesen Datensatz, hielten ihn aber für eine gute Beschreibung dessen, was wir zu erfassen versuchen.“ Konkret gehe es dem Team darum, Chinas verändernde Rolle in der globalen Umwelt-Governance zu erfassen: von einem eher passiven Teilnehmer hin zu einem Akteur, der eigene Initiativen entwickelt und leitet. Erfasst wird ausdrücklich nur, was China jenseits seiner Grenzen tut – nicht die Innenpolitik.

Ein zentrales Ergebnis: Chinesische Initiativen setzen weniger auf Kapitaltransfer und stärker auf Wissenstransfer. „China versucht nicht nur, Geld bereitzustellen, sondern wirklich darüber nachzudenken, wie andere Länder unter praktischeren, pragmatischeren Bedingungen unterstützt werden können“, erläutert Sun. Häufigste Kategorien seien Informationsaustausch und Plattformbildung, gefolgt von Kapazitätsaufbau (etwa Trainings, die China für andere Länder anbietet) und Forschungskooperationen. Ausdrücklich am seltensten: reine Finanzierungsprogramme. „Das erklärt Chinas Logik, anderen beizubringen, wie man Dinge entwickelt, statt nur Geld zu geben.“

Grundlage der Analyse ist die neue Datenbank „China’s Global Environmental Leadership“ (CGEL) und ein Interview von Anika Patel mit Dr. Sun Yixian für Carbon Brief, veröffentlicht und geführt Anfang von Juli 2026 via Zoom. Sun ist Professor für Sustainability Governance an der University of Bath und Co-Autor der zugrundeliegenden Studie. Die Datenbank erfasst Initiativen, die entweder von China selbst initiiert wurden, in Ko-Kreation mit anderen Regierungen entstanden oder deren Operationen überwiegend von chinesischen Institutionen geleitet werden. Das Spektrum reicht von Forschungskooperationen über Süd-Süd-Klimafinanzierung bis zu hochrangigen politischen Signalen wie gemeinsamen Klimaerklärungen.

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Als konkretes Beispiel verweist Sun auf die Global Energy Interconnection Development and Cooperation Organization (GEIDCO), ursprünglich vom State Grid of China ins Leben gerufen, um saubere Energie und Netz-Interkonnektionen zu fördern. GEIDCO kombiniere hochrangige Grid-Planungsarbeit mit Entwicklungsländern, jährliche Konferenzen, internationale Plattformarbeit sowie COP-Nebenveranstaltungen. Chinesische Umweltinitiativen entstünden zudem oft in Zusammenarbeit mit dem Ministry of Ecology and Environment (MEE) und UNEP – etwa in Afrika und Südostasien für Anpassungs- und Resilienzprojekte auf lokaler Ebene.

Zeitlich ordnet Sun den Aufwärtstrend klar zu. Erste chinesische Initiativen habe es bereits Ende der 1980er und in den 1990ern gegeben, doch die Mehrheit entstand ab 2008/2009 und intensivierte sich in den 2010ern. Auch die vergangenen fünf Jahre ab 2021 zeigten weiter steigende Zahlen. Der Zeitraum korrespondiere mit Chinas Rollenwechsel „von einer eher regionalen Macht, einem großen Entwicklungsland, hin zu einer globalen Supermacht“ – analog zur Belt-and-Road-Initiative und der Global Development Initiative.

Zum Rückzug der USA aus dem UN-Klimaregime unter Präsident Trump äußert sich Sun vorsichtig: „Die Verschiebung der USA unter der zweiten Trump-Administration wird chinesischen Initiativen wahrscheinlich mehr Zugkraft bei internationalen Partnern verleihen.“ Ob dies zu neuen oder verstärkten Initiativen führe, bleibe eine „offene Frage“. Zugleich bekräftigt er Chinas multilaterale Grundhaltung: „Multilateralismus ist ein sehr wichtiges Prinzip, das in fast allen Initiativen vertreten wird. Das bedeutet, dass China die multilateralen Prozesse nicht aufgeben wird.“ Analysen zur Anschlussfähigkeit chinesischer Initiativen an bestehende UN-Institutionen und -Rahmenwerke zeigten „sehr enge Übereinstimmung“.

Die eigentliche Führungsfrage bleibt jedoch offen. Sun verweist auf Gespräche mit führenden chinesischen Experten in China: „Sie sagten, die Regierung – und auch die Menschen in China – sind nicht bereit, ein globaler Anführer zu werden. Aber gleichzeitig spielt China eine führende Rolle – in der Klimapolitik, aber auch in Lieferketten für saubere Energie.“ Ob dieser faktische Wandel sich in einem entsprechenden Selbstverständnis chinesischer Entscheidungsträger niederschlage, sei eine Frage, die China für sich selbst beantworten müsse. Für Beobachter der internationalen Klimapolitik markiert die CGEL-Datenbank einen methodischen Fortschritt: Sie erlaubt erstmals, chinesische Umweltinitiativen quantitativ zu tracken, statt sich auf Einzelanekdoten zu verlassen. Version 2 sei bereits geplant, erklärt Sun – in etwa zweijährigem Rhythmus. Beobachten lässt sich das an den kommenden UN-Klimakonferenzen, beginnend mit der COP31 im November 2026 in Antalya.

Quelle: UD
 

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