Gesellschaft & Politik

Zement aus Trümmern: Wie Gaza aus dem Schutt des Krieges baut

Israel blockiert seit Oktober 2023 sämtliche Baumaterialimporte nach Gaza. 81 Prozent aller Gebäude sind beschädigt, über 123.000 vollständig zerstört. Das von den Vereinten Nationen geschätzte Wiederaufbauvolumen beläuft sich auf 71,4 Milliarden Dollar. In dieser Lage haben Palästinenser begonnen, aus Trümmerstaub ihren eigenen Zement herzustellen – improvisiert, gesundheitsschädlich, kaum tragfähig, aber das Einzige, was bleibt.

25.06.2026

Zement aus Trümmern: Wie Gaza aus dem Schutt des Krieges baut

In einem niedrigen Zelt am Rand von Khan Younis siebt Ibrahim al-Aloul Staubmehl durch immer feinere Gitter. Als Atemschutz dient ihm ein Tuch, das er sich vor Mund und Nase gebunden hat. Draußen wartet ein abgemagerter Esel mit einem Karren, um das fertige Produkt zur nächsten Station zu bringen, wo es mit Gips, Kalk und Bindemitteln gemischt, in Mehlsäcke abgefüllt und verkauft wird. „Wir arbeiten lange, und der Staub ist erstickend“, sagt Aloul. „Aber es gibt keine andere Arbeit, keinen anderen Zement. Wir haben keine Wahl.“

Dies ist Gazas Zementindustrie – improvisiert aus der Not heraus und derzeit das einzige Bauwesen, das im belagerten Küstenstreifen noch funktioniert. Auf die Idee kam Saadi al-Sha'er, Alouls Arbeitgeber, als er bemerkte, dass sich in zerbombten Fabriken zementdurchsetzte Tonablagerungen angesammelt hatten. Vor dem Krieg produzierte er Glasfaserprodukte. Als diese Arbeit wegfiel, begann er zu experimentieren. Sein Gemisch besteht aus rund 60 Prozent Zementstaub, 15 Prozent Kalk, 10 Prozent Gips und einem Bindemittel – wenn das Bindemittel fehlt, ersetzt er es durch Holzleim. Täglich produziert er zwischen einer halben und zwei Tonnen, beschäftigt rund 30 Menschen. „Was wir machen, um zu bauen, ist kaum vorstellbar – gegen alle Widerstände“, sagt er. „Aber ich gebe nicht auf.“

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Sha'ers Betrieb ist keine Ausnahme, sondern Teil eines kleinen, verstreuten Netzwerks aus Unternehmern, Arbeitern und Ingenieuren, die Ruinen in Rohstoff verwandeln. Trümmerschutt wird von Hand zerschlagen, durch immer feinere Siebe gesiebt und mit Kalk und Gips zu einem Baustoffersatz verarbeitet. Die gesundheitlichen Risiken durch die eingeatmeten Feinstäube sind erheblich – doch Alternativen gibt es keine.

Das Ergebnis hat einen Preis: Ein Kilogramm kostet an der Quelle 12 bis 18 Schekel, nach dem Weiterverkauf hat sich der Preis auf 2.000 Schekel pro Sack vervielfacht – vor dem Krieg kostete ein Standardsack konventionellen Zements 40 Schekel. Für die verarmte Bevölkerung sind das oft unerschwingliche Summen. Wer sie aufbringen kann, bekommt ein Material, das für einfache Mauerarbeiten und Verputz verwendbar ist – aber nicht für tragende Konstruktionen. „Es erfüllt seinen Zweck in der aktuellen Phase, aber es ist nicht langfristig verlässlich“, sagt Ingenieur Mahmoud Ubeid, der Renovierungsarbeiten unter anderem am al-Wafa-Krankenhaus betreut. „Es versagt bei Belastungstests und darf nicht für tragende Teile verwendet werden. Aber als vorübergehende Lösung – um Leben und Eigentum zu erhalten – ist es das, was wir haben.“

Ubeid schätzt, dass die aktuelle Produktion weniger als ein Tausendstel des Bedarfs für einfache Verputzarbeiten in Gaza deckt. Hintergrund ist ein seit Jahren bestehendes System: Israel hat sogenannte „Dual-Use“-Materialien – darunter Zement, Stahl und schwere Geräte – mit dem Argument verboten, sie könnten auch militärisch genutzt werden. Seit Oktober 2023 gilt ein vollständiges Importverbot für Baumaterialien. Obwohl das Waffenstillstandsabkommen vom Oktober 2025 die sofortige Wiederaufnahme von Hilfsgütern und Baumaterialien verlangte, berichtet das Humanitäre Büro der Vereinten Nationen OCHA von anhaltenden Blockaden. Eine gemeinsame Schadensbewertung von Europäischer Union, Vereinten Nationen und Weltbank beziffert die Wiederaufbaukosten auf 71,4 Milliarden Dollar über das nächste Jahrzehnt. Gaza baut derweil aus dem, was übrig ist.

Quelle: UD
 

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