Wie Kreislaufwirtschaft die Architektur verändert
Die Baubranche verursacht 6 Prozent der globalen CO2-Emissionen allein durch Betonproduktion – und gleichzeitig ist Downcycling in Deutschland die Norm. Ein neuer Sammelband zeigt, warum die nachhaltige Transformation der Architektur bei Baustoffen, Stadtplanung und einem neuen Verständnis von Gebäuden als Ökosystemen ansetzen muss.
11.09.2026
Architektur ist eine Mischung aus Kontinuität und Wandel – in ihren festen Formen verschmelzen Elemente, die seit über 5.000 Jahren existieren, mit solchen, die gerade erst erfunden wurden. Mit diesem Grundgedanken eröffnen Alexandra Hildebrandt und Gregor L. Hildebrandt ihr Kapitel im Springer-Sammelband „Architektur im Wandel nachhaltiger Entwicklungen“ (2026). Ihr Beitrag verbindet architekturhistorische Reflexion mit konkreten Handlungsempfehlungen für die zirkuläre Bauwirtschaft.
Die Ausgangslage ist klar: Enormer Ressourcenverbrauch, beträchtliche Abfallmengen und erhebliche Emissionen erfordern einen grundlegend neuen Umgang mit Baustoffen. Die Circular Economy gilt als Wirtschaftsmodell der Zukunft, weil sie Rohstoffe länger und häufiger nutzt und neue Geschäftsmodelle erschließt. In der Baubranche steckt das Konzept jedoch in der Praxis fest. Aktuelle Gesetze setzen kaum Anreize für zirkuläres Bauen, Akteuren fehlt die praxisnahe Befähigung, Prüfverfahren für Sekundärmaterialien sind unzureichend, und der Großteil der wiederverwerteten Baustoffe fließt in den Straßenbau statt in neue Gebäude. Hinzu kommen instabile globale Lieferketten, hohe Rohstoffpreise und eine erweiterte Herstellerhaftung, die bei der Wiederverwendung von Bauteilen den ursprünglichen Produzenten haftbar macht.
Dass es auch anders geht, zeigen die im Beitrag vorgestellten Praxisbeispiele. Rinn Beton- und Naturstein produziert seit 2014 als erster Hersteller von Betonsteinprodukten CO2-neutral an allen Standorten in Hessen und Thüringen – durch eigene Photovoltaik, Geothermie und Wärmerückgewinnung. Im Brüsseler Vorort Anderlecht rettet Rotor Deconstruction Materialien aus abbruchreifen Gebäuden und bereitet sie zur Wiederverwendung auf – von Massivholztüren aus dem historischen Rathaus in Antwerpen bis zu Keramikfliesen aus dem Bahnhof Brüssel-Nord. Für dieses Engagement erhielt Rotor 2018 den Schelling Architekturpreis. Der Hamburger Architekt Justus Asselmeyer entwickelte die „Identitätsarchitektur“, die schon in der Planungsphase Demontage- und Wiederverwendungsoptionen mitdenkt und die Identität eines Stadtteils in die architektonische Planung einbezieht.
Die Devise „Umbauen statt neu bauen“ formuliert der Berliner Architekt und Designprofessor Friedrich von Borries. In seinem Buch „Architektur im Anthropozän“ nimmt er die Perspektive künftiger Archäologen ein, die sich auf die Suche nach den charakteristischen Bauwerken unserer Gegenwart machen – und sie an den Rändern der Städte finden: Müllverbrennungsanlagen, Serverparks, Schweineställe. Er plädiert für ein Leben mit möglichst wenig negativen Folgen und fordert, die Folgen der Vergangenheit zurückzubauen, wenn Städte nachhaltig werden sollen.
Auch Ingenieur Achim Kampker, Mitbegründer der StreetScooter GmbH, drängt auf Tempo. Weniger als 10 Prozent des globalen Wirtschaftens würden derzeit im Kreislauf abgewickelt, warnt er. Die Baustoffe müssten neu definiert werden – aber auch die Art und Weise, wie Gebäude genutzt und zu integralen Bestandteilen des Ökosystems Stadt werden. Das Thema findet auch international Resonanz: Der Deutsche Pavillon auf der Expo 2025 in Osaka widmete sich unter dem Namen „Wa! Doitsu“ der Kreislaufwirtschaft. Die 7 kreisförmigen Baukörper aus Holz mit bepflanzten Dächern waren komplett wiedereinsetzbar oder recycelbar.
Die Autoren bündeln zahlreiche Handlungsempfehlungen: von der frühzeitigen Berücksichtigung der Kreislauffähigkeit in Bauprojekten über die Anpassung der Besteuerung bis zur Planung von Schwammstädten und Urban Mining. Architekten komme eine entscheidende Rolle zu – als Beobachter gesellschaftlicher Strömungen und als Verantwortliche für den gesamten Lebenszyklus eines Bauwerks, von der Planung bis zum Rückbau. Nachhaltige Architektur müsse sich in die Umgebung einfügen, Kreislauffähigkeit von Baustoffen sicherstellen und Materialien verwenden, die weder gesundheitsschädlich sind noch unter menschenrechtsverletzenden Bedingungen abgebaut wurden.
Quelle: Tobias W. Loitsch, Alexandra Hildebrandt (Hrsg.): Architektur im Wandel nachhaltiger Entwicklungen. Baukunst, Stadtentwicklung und Dritte Orte zwischen Vergangenheit und Zukunft. Springer Vieweg, Wiesbaden 2026. Softcover ISBN 978-3-658-50140-2, eBook ISBN 978-3-658-50141-9. Das Buch ist über den Springer-Verlag erhältlich.
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