Welthunger sinkt drittes Jahr in Folge – doch Fortschritt bleibt fragil
Der neue UN-Welternährungsbericht SOFI 2026 verzeichnet einen leichten Rückgang des Hungers weltweit: 645 Millionen Menschen waren 2025 betroffen, 14 Millionen weniger als im Vorjahr. Erstmals seit 2015 sinkt auch in Afrika der Anteil der Hungernden. Experten warnen jedoch vor neuen Risiken durch Konflikte und Klimaextreme.
31.07.2026
Der jüngst in Rom vorgestellte Bericht „The State of Food Security and Nutrition in the World“ (SOFI 2026) zeichnet ein zwiespältiges Bild der globalen Ernährungslage. Fünf UN-Sonderorganisationen – darunter die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO, das Kinderhilfswerk UNICEF und das Welternährungsprogramm WFP – dokumentieren einen anhaltenden, aber langsamen Rückgang des Hungers: 7,8 Prozent der Weltbevölkerung litten 2025 Hunger, nach 8,1 Prozent 2024 und 8,6 Prozent 2022.
Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung in Afrika. Erstmals seit 2015 ist dort der Anteil der Hungernden gesunken, von 20,3 Prozent im Jahr 2024 auf 20,0 Prozent 2025. Dennoch lebt mit rund 309 Millionen Menschen die größte absolute Zahl an Hungernden weltweit auf dem afrikanischen Kontinent, mehr als in Asien mit 292 Millionen. Verantwortlich dafür ist auch das schnelle Bevölkerungswachstum in vielen afrikanischen Staaten.
Noch gravierender fällt das Bild bei der Nahrungsmittelunsicherheit aus: 2,1 Milliarden Menschen mussten 2025 zeitweise auf Qualität oder Menge ihrer Nahrung verzichten. In Afrika betrifft dies mehr als die Hälfte der Bevölkerung, während der Wert in Nordamerika und Europa bei 8,7 Prozent liegt.
Kosten für gesunde Ernährung steigen weiter
Der SOFI-Bericht widmet sich in diesem Jahr erstmals ausführlich den Kosten einer gesunden Ernährung. Diese stiegen 2025 auf durchschnittlich 4,28 Kaufkraftparitäts-Dollar pro Person und Tag, nach 3,44 Dollar 2021 und 2,94 Dollar 2017. Zugleich sank die Zahl der Menschen, die sich eine gesunde Ernährung nicht leisten können, von 2,97 Milliarden auf 2,69 Milliarden. In Afrika verschlechterte sich die Situation jedoch deutlich: 66,6 Prozent der Bevölkerung können sich dort keine gesunde Ernährung leisten, mehr als doppelt so viele wie in Asien oder Lateinamerika.
FAO-Generaldirektor Qu Dongyu mahnte anlässlich der Veröffentlichung mehr Tempo an: Der Bericht zeige, dass Fortschritt möglich sei, doch müsse schneller gehandelt werden. Nötig seien politischer Wille, nachhaltige Investitionen und wirksame politische Maßnahmen.
Kritik an globaler Politik
Auch das katholische Hilfswerk Misereor kommentierte die Zahlen. Ernährungsexperte Lutz Depenbusch bezeichnete den anhaltenden Rückgang der Hungerzahlen als gute Nachricht, warnte aber zugleich vor einer zunehmend „egoistischen Weltpolitik“. Wörtlich sagte er, das Ausmaß des Hungers liege noch immer über dem Niveau vor der Corona-Pandemie, und bei der gegenwärtigen Geschwindigkeit würden 2030 noch immer mehr als 500 Millionen Menschen Hunger leiden. Handelsstreitigkeiten und Kürzungen bei der Entwicklungshilfe würden Fortschritte im Kampf gegen den Hunger ausbremsen, so Depenbusch weiter.
Diese Einschätzung deckt sich mit den Projektionen des SOFI-Berichts selbst. Die Autoren rechnen damit, dass 2030 noch zwischen 510 und 520 Millionen Menschen von Hunger betroffen sein könnten – abhängig davon, wie lange sich der Nahost-Konflikt auf die Preise für Energie und Düngemittel auswirkt. Wetterextreme wie ein mögliches El-Niño-Phänomen in den Jahren 2026 und 2027 sind in dieser Prognose noch gar nicht eingerechnet und könnten die Lage weiter verschärfen.
Kindergesundheit verbessert sich nur langsam
Auch bei der Ernährung von Müttern und Kindern kommt der Bericht zu einem ernüchternden Fazit. Weltweit sind noch immer 150 Millionen Kinder unter fünf Jahren von Wachstumsverzögerungen betroffen, nur 30,8 Prozent der Kinder zwischen 6 und 23 Monaten erhalten eine ausreichend vielfältige Ernährung. Gleichzeitig nimmt die Anämie bei Frauen im gebärfähigen Alter in fast allen Weltregionen zu, während die Fettleibigkeit bei Erwachsenen weiter steigt, von 12,1 Prozent im Jahr 2012 auf 16,2 Prozent 2024.
WFP-Chef Carl Skau brachte die Dringlichkeit auf den Punkt: Hinter jeder Zahl im Bericht stehe eine Familie, die die Kosten für Nahrung genau kalkulieren müsse. Konflikte und Klimaschocks würden diese Familien weiter an ihre Grenzen bringen.
Misereor, seit 1958 im Kampf gegen Hunger aktiv, setzt sich nach eigenen Angaben vor allem für die Stärkung kleinbäuerlicher Landwirtschaft und lokaler Ernährungssysteme ein und leistet in akuten Krisen Nothilfe.