Gesellschaft & Politik

Was jenseits des BIP zählt

Am Rand des Hochrangigen Politischen Forums für Nachhaltige Entwicklung (HLPF) 2026 diskutieren Regierungen, UN-Organisationen und Philanthropie, wie sich „Beyond GDP“ von der Analyse zur Umsetzung wandeln lässt. Grundlage ist der im Mai 2026 veröffentlichte Bericht der UN-Expertengruppe zu Beyond GDP mit 31 Indikatoren. Mexiko referenziert 21 davon bereits, Großbritannien berichtet gegen 59 eigene Indikatoren.

27.08.2026

Was jenseits des BIP zählt

Anlass war der Abschlussbericht der Hochrangigen UN-Expertengruppe zu Beyond GDP (HLEG), veröffentlicht am Anfang Mai 2026 unter dem Titel „Counting What Counts: A Compass of Progress for People and Planet“. Der Bericht schlägt einen konzeptionellen Rahmen, ein Dashboard mit 31 Indikatoren sowie Empfehlungen zur Umsetzung durch statistische und politische Systeme vor.

Die inhaltliche Grundüberlegung ist alt und dennoch politisch heikel: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) misst Marktaktivität, nicht Fortschritt. Umweltzerstörung wird in BIP-Wachstum umgemünzt, unbezahlte Sorgearbeit fällt aus dem Bild, während die Kosten intergenerationeller Auswirkungen unsichtbar bleiben. Die HLEG hat mit ihrem Bericht ein politisch tragfähiges Kompendium vorgelegt, das gerade nicht auf einen einzigen Wohlstands-Index reduziert ist — was auf der HLPF-Nebenveranstaltung als bewusste Zurückhaltung diskutiert wurde. „Solch ein Index könnte sich später entwickeln“, zitiert IISD George Gray Molina, Leiter für inklusives Wachstum und Chef-Ökonom des UN Development Programme (UNDP). Der HLEG-Bericht habe die Tür zu einem breiteren Dialog geöffnet.

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Konkrete Anwendungsbeispiele wurden aus Ländern gezeigt, die den Rahmen operativ übersetzen. Rodolfo Reta Haddad, Koordinator für Sozial- und Wirtschaftsangelegenheiten der Ständigen Vertretung Mexikos bei der UN, beschrieb Mexikos Bemühungen um die Messung von Wohlbefinden. „Das Land hat bereits vorhandene Daten mit 21 der 31 Indikatoren des HLEG-Berichts verknüpft“, zitiert IISD Reta Haddad. Grace Wood, Entwicklungsberaterin der britischen Ständigen Vertretung, ergänzte, Großbritannien berichte gegen 59 Beyond-GDP-Indikatoren — darunter Umweltbedingungen, Nutzung erneuerbarer Energien, persönliches Wohlbefinden und Wahlbeteiligung. Diese Metriken „helfen zu beurteilen, was nachhaltiges und inklusives Wachstum antreibt“.

Die IISD selbst treibt die operative Umsetzung mit dem International Development Research Centre (IDRC) Kanadas voran. Livia Bizikova, Leiterin Monitoring und Governance beim IISD, verwies auf laufende Projekte mit Indonesien, Trinidad und Tobago, Äthiopien, Ghana und Sambia. Es gehe darum zu prüfen, wie vorhandene Daten Beyond-GDP-Messung stützen können und wie nationale Umsetzungsfahrpläne entwickelt werden. Damit bekommt die Beyond-GDP-Agenda erstmals ein sichtbares Länderportfolio jenseits der klassischen OECD-Staaten.

Otto Saki, Programme Officer beim Ford Foundation für Global Economic Governance, Civic Engagement and Government, hielt dagegen, dass Umsetzung nicht nur als technokratischer Prozess betrachtet werden dürfe: Metriken sollten reflektieren, was Gesellschaften wertschätzen und was aktuelle Generationen zukünftigen schuldeten. Der Hinweis rückt eine Governance-Frage in den Vordergrund, die auch für Unternehmen relevant wird — etwa in doppelter Wesentlichkeitsanalyse und ESRS-Berichterstattung: Was gemessen wird, prägt, was getan wird.

Die politischen Herausforderungen bleiben groß. Reta Haddad fragte im Panel, wie Beyond-GDP-Ansätze den Zugang zu konzessionärer Finanzierung verbessern könnten — ein wichtiger Punkt für Schwellen- und Entwicklungsländer, die bei traditionellen BIP-basierten Klassifikationen aus Förderprogrammen fallen. Wood ergänzte, die Diskussion finde zu einem Zeitpunkt statt, an dem Regierungen bereits über die Post-2030-Entwicklungsagenda nachdächten — und dass Beyond GDP „die Aufmerksamkeit von Inputs zu Ergebnissen verlagert“. Für die anstehenden UN-Verhandlungen zum SDG-Nachfolgerahmen ist das eine keineswegs technische Weichenstellung, sondern eine potenziell strukturelle Verschiebung darin, wie internationale Politik Fortschritt definiert.

Quelle: UD
 

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