Warum die Verstaatlichung weltweit zurückkehrt
Seit 2020 haben Regierungen auf allen Kontinenten Privatunternehmen und Rohstoffe im größten Tempo seit 50 Jahren übernommen. Eine Analyse des Historikers Nicholas Mulder zeigt, warum die aktuelle Welle anders ist als ihre Vorgänger – und warum sie die globale Wirtschaftsordnung neu sortieren wird.
20.08.2026
Zwischen 2016 und 2026 wurden weltweit Vermögenswerte im Wert von 239 bis 544 Milliarden US-Dollar verstaatlicht – die Schätzungen gehen weit auseinander. Frankreich und Deutschland übernahmen Versorgungs- und Energieunternehmen, Großbritannien verstaatlichte Eisenbahnen und Stahlproduktion, und Frankreich stellte die größte europäische Werft unter staatliche Kontrolle. Russland beschlagnahmte seit dem Einmarsch in die Ukraine 2022 Häfen, Fabriken und Konsumgüterunternehmen im Wert von mehr als 48 Milliarden US-Dollar. Die USA sicherten sich eine dominierende Beteiligung am einzigen heimischen Produzenten Seltener Erden.
Nicholas Mulder, Assistenzprofessor für moderne Geschichte an der Cornell University und Autor des Buches „The Age of Confiscation“, ordnet diese Entwicklungen in der Juni-Ausgabe des IWF-Magazins Finance & Development historisch ein. Er identifiziert vier große Verstaatlichungswellen im vergangenen Jahrhundert. Die erste entstand in den 1930er-Jahren als Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise, als Staaten wie die USA, Deutschland und Italien Teile ihres Bankensektors übernahmen, um den Zusammenbruch des Finanzsystems abzuwenden. Die zweite Welle nach dem Zweiten Weltkrieg schuf in Europa, Lateinamerika und Asien gemischte Wirtschaftssysteme – mit dem Bretton-Woods-System als stabilisierendem Rahmen. Die dritte Welle der 1970er-Jahre wurde von der Dekolonisierung, dem Ende des Bretton-Woods-Systems und den Ölpreisschocks angetrieben. Auf ihrem Höhepunkt 1975 führten 28 Länder 83 Enteignungen durch – im Schnitt alle vier Tage eine.
Die aktuelle vierte Welle unterscheidet sich von ihren Vorgängern in mehreren entscheidenden Punkten. Sie findet unter einem System flexibler Wechselkurse statt, in einem inflationären Preisumfeld und bei zunehmendem Protektionismus – eine Kombination, die es so zuvor nicht gab. „Geopolitische Verstaatlichungen werden Direktinvestitionen zwischen strategischen Rivalen riskanter machen“, schreibt Mulder. Allerdings werde dies die globale wirtschaftliche Integration nicht zwangsläufig verringern. Handel, Kreditvergabe und Investitionen könnten sich stattdessen stärker innerhalb geopolitisch verbündeter Blöcke bewegen. Neutrale Staaten könnten davon profitieren, indem sie sich als verlässliche Intermediäre und sichere Investitionsstandorte positionieren.
Die Treiber sind vielfältig: geopolitische Instabilität, Unterbrechungen der Rohstoffmärkte und der Ausbau erneuerbarer Energien. Die Verstaatlichung von Mineralien für erneuerbare Technologien ermöglicht Exportnationen, Preisvorteile abzuschöpfen. Gleichzeitig spiegeln andere Übernahmen sicherheitspolitische Erwägungen wider – den Wunsch von Regierungen, strategisch wichtige Ressourcen zu kontrollieren.
Mulder weist auf einen „Demonstrationseffekt“ hin: Erfolgreiche Verstaatlichungen signalisieren anderen Staaten die Machbarkeit und Wünschbarkeit solcher Maßnahmen. Zudem erleichtern inflationäre Bedingungen kompensierte Übernahmen, weil die realen Kosten sinken. Dass die Verstaatlichungswelle trotz historisch hoher Kapitalmobilität zunimmt, verweise auf die Stärke der dahinterliegenden makroökonomischen und geopolitischen Kräfte.