WHO vernachlässigt Arbeitsschutz – und riskiert eine globale Gesundheitskrise
Fast 3 Millionen Menschen sterben jährlich an den Folgen von Arbeitsunfällen oder berufsbedingten Erkrankungen. Der Klimawandel verschärft die Lage: Hitzestress, Waldbrandrauch und giftige Stäube aus dem Bergbau für Energiewende-Rohstoffe bedrohen Hunderte Millionen Beschäftigte weltweit. Doch die Weltgesundheitsorganisation WHO hat den Arbeitsschutz aus ihren Kernprioritäten gestrichen – befördert durch den Finanzierungsstopp der Trump-Regierung. Experten fordern jetzt eine Kurskorrektur.
10.06.2026
Jedes Jahr werden weltweit Hunderte Millionen Menschen durch Arbeitsunfälle oder berufsbedingte Erkrankungen geschädigt, knapp 3 Millionen sterben daran. Auf diese erschreckende Bilanz weist die GOSH-Koalition hin – ein globaler Zusammenschluss von Organisationen für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz –, die sich an die Delegierten der Weltgesundheitsversammlung (WHA) in Genf wendet. Das oberste Entscheidungsgremium der WHO trat am 18. Mai zusammen. Die Botschaft der Experten ist eindeutig: Der Arbeitsschutz muss wieder in die strategische Agenda der UN-Gesundheitsbehörde aufgenommen werden.
„Wir versuchen, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass der Ausschluss des Arbeitsschutzes zu einem globalen Problem der öffentlichen Gesundheit wird“, sagt Emanuele Cauda, Hochschullehrer an der University of Pittsburgh mit Schwerpunkt Arbeitshygiene und GOSH-Mitglied. Der Rückzug der WHO aus diesem Bereich beschleunigt sich, seit die Trump-Regierung die US-Finanzbeiträge eingestellt hat. Die USA waren mit rund 18 Prozent der Gesamtmittel der größte staatliche Geldgeber der Organisation.
„Betrieblicher Gesundheitsschutz war in den Prioritäten 2024/25 noch Teil ihres Programms – jetzt taucht er nicht mehr auf“, sagt Nick Pahl, Geschäftsführer der britischen Society of Occupational Medicine und ebenfalls GOSH-Mitglied. In einem Brief an WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus, den acht Arbeitsschutzorganisationen unterzeichneten, hob er hervor, dass berufsbedingte Krankheiten und Unfälle die Weltwirtschaft jährlich bis zu drei Billionen Dollar kosten – fast sechs Prozent des globalen BIP. „Wie viele Menschen müssen noch sterben, damit es als Priorität gilt?“, fragt Marianne Levitsky, Gründungspräsidentin von Workplace Health Without Borders und Initiatorin der GOSH-Koalition.
Der Klimawandel macht die Lage dringlicher. Steigende Temperaturen erhöhen das Unfallrisiko, Waldbrandrauch belastet Millionen Beschäftigte im Freien, und der rapide wachsende Bergbau für Batterierohstoffe wie Lithium und Nickel setzt laut aktuellen Studien rund 100 Millionen Beschäftigte hochgefährlichen Chemikalien aus. Hinzu kommt eine neue Silikose-Welle unter Beschäftigten, die Kunststein für Küchenarbeitsplatten bearbeiten: Junge Männer in ihren Dreißigern erleiden irreversible Lungenschäden und benötigen Transplantationen. Australien hat Kunststein bereits verboten, doch weltweit steigen die Fallzahlen.
Thomas Gassert vom Harvard T.H. Chan School of Public Health und GOSH-Kernmitglied mahnt, dass die WHO seit 2003 keine gemeinsame Sitzung mit der Internationalen Arbeitsorganisation ILO mehr abgehalten hat – obwohl genau diese Zusammenarbeit historisch die wirksamsten Fortschritte im globalen Arbeitsschutz erzeugt hat. Er bleibt dennoch vorsichtig optimistisch: Die Kandidaten für die nächste Amtszeit als WHO-Generaldirektor müssten Arbeitsschutz als eigenständige Programmeinheit wieder verankern. „Klimawandel ist eine existenzielle Bedrohung für die menschliche Gesundheit“, sagt Gassert. „Und er trifft Arbeitnehmer als Erste.“