Vier Jahre vor Schluss: SDG-Report 2026 sieht nur 16 Prozent der Ziele auf Kurs
Der neue Sustainable Development Report (SDR) des UN-nahen SDSN zeichnet ein zwiespältiges Bild der Agenda 2030: Nur 16 Prozent der globalen Nachhaltigkeits-Zielvorgaben sind bis zur Frist 2030 erreichbar. Zugleich halten mehr als 170 der 193 UN-Mitgliedstaaten weiter am Rahmenwerk fest. Spitzenreiter im SDG-Index ist Finnland, Schlusslicht beim Bekenntnis zum Multilateralismus sind die USA.
10.07.2026
Vier Jahre vor Ablauf der UN-Agenda 2030 steht die Welt bei den 17 Sustainable Development Goals (SDGs) weit hinter dem Plan. Das geht aus der elften Ausgabe des Sustainable Development Report hervor, den das UN Sustainable Development Solutions Network (SDSN) Mitte Juni 2026 in Paris vorgelegt hat. Der Bericht stützt sich auf rund 250 000 Datenpunkte und mehr als 200 Länder- und Regionalprofile. Sein Befund: Nur rund jede sechste der 169 Zielvorgaben lässt sich bis zur Deadline noch erreichen.
Trotz dieses ernüchternden Befundes sieht das Autorenteam um den US-Ökonomen Jeffrey D. Sachs das politische Fundament der Agenda intakt. Mehr als 170 der 193 UN-Mitgliedstaaten unterstützten 2025 sämtliche Resolutionen der Generalversammlung mit Bezug zur nachhaltigen Entwicklung. Lediglich die USA und Argentinien stimmten konsequent dagegen. Die US-Regierung hat sich laut Report zudem im Januar 2026 aus mehr als 60 internationalen Organisationen zurückgezogen und folgt in der Generalversammlung nur noch in fünf Prozent der Abstimmungen der internationalen Mehrheit.
„Die Unterstützung für nachhaltige Entwicklung als globales Paradigma bleibt weltweit stark. Bemerkenswerte Erfolgsgeschichten zeigen sich in Ost- und Südasien sowie in vielen anderen Ländern und Regionen“, betont Professor Jeffrey D. Sachs, Präsident des SDSN und Hauptautor des Berichts. „Nachhaltige Entwicklung lässt sich inmitten andauernder Konflikte nicht erreichen. Frieden ist deshalb die oberste Priorität unserer Zeit.“ Mit dem Näherrücken der 2030er-Marke müsse der Schwerpunkt auf der Umsetzung liegen, gestützt durch belastbare Finanzierung und wirksame Governance.
Im SDG-Index führen erneut Finnland, Schweden und Dänemark das Feld an. Selbst diese Spitzenreiter schwächeln jedoch bei Konsum- und Produktionsmustern, beim Klimaschutz sowie beim Schutz mariner und terrestrischer Ökosysteme – auch wegen negativer Spillover-Effekte des eigenen Konsums. Die größten Fortschritte seit 2015 verbuchen Ost- und Südasien: Indien legte um 18 Ränge, China um 14 Ränge zu. Besonders weit von ihren Zielen entfernt sind weltweit die SDGs zu nachhaltigen Städten (SDG 11), zu den Meeren (SDG 14), zu Land-Ökosystemen (SDG 15) sowie zu Frieden und Institutionen (SDG 16).
Erstmals stärker in den Mittelpunkt rückt der Index zur Unterstützung des UN-Multilateralismus (UN-Mi), der die Einbindung der Staaten in das UN-System anhand von sechs Leitindikatoren misst. Spitzenreiter ist der Inselstaat Barbados, am Tabellenende stehen die USA. „Die Agenda 2030 war stets ein ehrgeiziges Vorhaben, und die heutigen geopolitischen Gegenwinde stellen die Resilienz des multilateralen Systems auf die Probe“, erklärt Dr. Guillaume Lafortune, Vizepräsident des SDSN und Koordinator des Berichts. Er fordert eine Rückbesinnung auf Artikel 1 der UN-Charta sowie eine reformierte globale Finanzarchitektur und stärkere Rollen für Regionen, Zivilgesellschaft und Hochschulen.
Für die Zeit nach 2030 skizziert der Report acht Prioritäten: ein Ende der laufenden Kriege und die Umlenkung von Militärausgaben, eine ambitionierte Umsetzungsagenda entlang von sechs großen Transformationspfaden, langfristige Investitionspläne, gestärkte regionale und lokale Kooperation, neue globale Abgaben zur Finanzierung öffentlicher Güter sowie Governance-Rahmen für Künstliche Intelligenz und Biotechnologie. Ergänzend schlagen die Autoren neue UN-Standorte in Asien, Afrika und Lateinamerika vor, um den Multilateralismus geografisch zu dezentralisieren.
Eine parallel veröffentlichte Bevölkerungsbefragung in 127 Ländern zeigt zudem, dass eine breite Mehrheit am SDG-Rahmenwerk auch nach 2030 festhalten will. Als wichtigste Stellschrauben nennen die Befragten Finanzierung, Governance sowie eine konsequentere Nutzung von Wissenschaft und Daten. Die Einschätzungen aus Asien fallen dabei deutlich optimistischer aus als jene aus westlichen Industriestaaten. Für Wirtschaft und Politik in Deutschland heißt das: Der Reformdruck verschiebt sich von der Zielsetzung hin zur konkreten Umsetzung – mit klarem Fokus auf belastbare Finanzierungs- und Governance-Strukturen.