Studie warnt vor Tausenden zusätzlichen Verkehrstoten
Neuwagen werden Jahr für Jahr länger, breiter und höher – mit dramatischen Folgen für Sicherheit, Klimaschutz und den knappen Stadtraum. Eine neue Studie der Organisation Transport & Environment prognostiziert bis 2040 europaweit über 2.500 zusätzliche Verkehrstote und den Verlust von Millionen Parkplätzen. Die Deutsche Umwelthilfe fordert nun verbindliche Größenobergrenzen für Personenwagen.
24.07.2026
Trotz schrumpfender Familiengrößen und sinkender Fahrzeugauslastung wachsen die Abmessungen neuer Personenwagen ungebremst weiter. Seit dem Jahr 2000 sind in Deutschland verkaufte Neufahrzeuge im Durchschnitt jährlich um 1,2 Zentimeter länger und um 0,5 Zentimeter höher geworden. Gleichzeitig nehmen auch Breite und Motorhaubenhöhe stetig zu. Das geht aus einer aktuellen Studie der europäischen Verkehrs- und Umweltorganisation Transport & Environment (T&E) hervor, die gemeinsam mit der Initiative Clean Cities erstellt wurde.
Tödliche Folgen für ungeschützte Verkehrsteilnehmer
Die Folgen treffen vor allem die schwächsten Gruppen im Straßenverkehr. Höhere Motorhauben verschlechtern die Sicht aus dem Fahrzeug, größere Massen erhöhen die Schwere von Unfällen. Bei einem ungebremsten Trend könnten laut Studie bis 2040 europaweit über 2.500 zusätzliche Erwachsene und 79 Kinder im Straßenverkehr getötet werden – das entspricht rund 400 zusätzlichen Verkehrstoten pro Jahr allein durch die wachsende Fahrzeuggröße. Besonders betroffen sind Kinder, ältere Menschen, Fußgänger und Radfahrende.
Auch der ohnehin knappe öffentliche Raum in den Städten kommt unter Druck. Bis 2040 könnten europaweit bis zu 14 Prozent der Straßenparkplätze verloren gehen, weil immer mehr Fahrzeuge schlicht nicht mehr in die vorhandenen Stellplätze passen. Besonders drastisch wäre die Entwicklung in Berlin: Dort könnten nach Berechnungen der Studie bis zu 117.000 Stellplätze entfallen.
Deutsche Umwelthilfe fordert harte Grenzwerte
Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) sieht in der Studie eine Bestätigung ihrer Kritik und fordert ein Ende der politischen Untätigkeit. „Unsere Städte werden mit immer mehr und immer größeren Autos geflutet. Trotz sinkender Familiengrößen und geringerer Fahrzeugauslastung weigern sich die deutschen Automobilhersteller konsequent, Kleinwagen zu produzieren und zu bewerben“, erklärt Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der DUH. Immer größere Autos blockierten zunehmend Gehwege und Grünflächen und machten Unfälle tödlicher – besonders für Kinder, Ältere sowie Menschen, die zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs sind.
Konkret fordert die DUH verbindliche Obergrenzen für die Größe neuer Pkw: Die Motorhaubenhöhe soll maximal 85 Zentimeter, die Fahrzeugbreite maximal 192 Zentimeter betragen. Personenwagen mit bis zu fünf Sitzplätzen dürften demnach nicht länger als fünf Meter sein. Hinzu kommt die Forderung nach einer Reform der Kfz-Steuer nach CO2-Ausstoß und Gewicht sowie nach der Möglichkeit für Kommunen, Parkgebühren konsequent nach Größe, Gewicht und Motorisierung der Fahrzeuge zu staffeln. Übergroße SUV und Pick-ups sollen nach dem Willen der DUH aus dicht besiedelten Innenstädten verbannt werden.
„Right-Sizing“ als alternativer Pfad
Die T&E-Studie stellt der ungebremsten Entwicklung ein sogenanntes „Right-Sizing“-Szenario gegenüber. Darin werden die durchschnittlichen Fahrzeugmaße durch politische Maßnahmen bis 2040 wieder auf das Niveau der Jahre 2010 bis 2015 zurückgeführt. Dieses Szenario würde nicht nur Tausende Verkehrstote verhindern, sondern auch den öffentlichen Raum entlasten, die Energiebilanz der Fahrzeugflotte verbessern und Materialaufwand in der Produktion sparen.
Auch im internationalen Vergleich gerät der Trend in die Kritik. Brenda Tuosto vom Verkehrs-Club VCS nennt die Entwicklung „ein Paradox“: Die Schweiz weise inzwischen einen SUV-Anteil auf, der mit dem der USA vergleichbar sei – „aber je grösser die Autos werden, desto weniger davon finden noch Platz“. Der öffentliche Raum dürfe nicht weiter dem Autoverkehr geopfert werden.
Die Diskussion ist auch deshalb brisant, weil sie die in Deutschland besonders ausgeprägte Konzentration der Hersteller auf hochmargige SUV-Modelle direkt trifft. Der jährliche Größenzuwachs sei kein technisches Naturgesetz, sondern ein industriestrategisches Geschäftsmodell, so der Tenor der Verbände. Ob Politik und Verbraucher den Trend bremsen können oder ob Brüssel regulatorisch eingreift, bleibt offen. Eine unabhängige wissenschaftliche Begutachtung der Studie steht noch aus; die Prognosen beruhen auf einer Fortschreibung der bisherigen Fahrzeugentwicklung.