Gesellschaft

Nahosteskalation bedroht 32 Millionen Menschen weltweit mit Armut

Ein neues UNDP-Policy-Brief warnt: Die militärische Eskalation im Nahen Osten könnte in 162 Ländern bis zu 32 Millionen Menschen in die Armut treiben. Am stärksten betroffen sind Länder in der Golfregion, Subsahara-Afrika und Asien – weit entfernt vom eigentlichen Konflikt.

01.06.2026

Nahosteskalation bedroht 32 Millionen Menschen weltweit mit Armut

Trotz eines vorübergehenden Waffenstillstands im Iran-Krieg warnt das UN-Entwicklungsprogramm (UNDP) in einem neuen Policy-Brief, dass sich die Krise von einer akuten in eine anhaltende Phase verwandelt – mit globalen Armuts- und Entwicklungsrückschlägen, die weit über die unmittelbar betroffene Region hinausgehen. Unter dem schlimmsten Szenario, einer prolongierten Eskalation über acht Monaten, könnten bis zu 32 Millionen Menschen in 162 Ländern in die Armut gedrängt werden.

UNDP-Administrator und UN-Untergeneralsekretär Alexander De Croo formulierte es in einer Erklärung zu dem UNDP-Policy-Brief unverblümt: „Krieg ist Entwicklung in umgekehrter Richtung. Konflikte können in Wochen zunichtemachen, was Länder über Jahre aufgebaut haben.“ Die Analyse zeige, dass der Schock der Nahosteskalation nicht auf die direkt betroffenen Länder beschränkt sei, sondern überproportional jene träfe, die am wenigsten fiskalischen Spielraum hätten, um steigende Energie- und Nahrungsmittelpreise aufzufangen. „Für diese Länder erzwingt die Krise unmögliche Abwägungen zwischen der Stabilisierung der Preise heute und der Finanzierung von Gesundheit, Bildung und Arbeitsplätzen morgen.“

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Die Modellierung basiert auf dem Global Trade Analysis Project (GTAP) und berechnet drei Konfliktszenarien von kurzfristiger Störung bis zu langanhaltenden Schocks. Haupttransmissionskanäle sind Energiepreise, Nahrungsmittelinflation und Rückgänge des Bruttoinlandsprodukts. Besonders exponiert sind Länder der Golfregion, Subsahara-Afrikas, Asien-Pazifiks und kleine Inselstaaten. Laut UNDP-Analyse für die arabischen Staaten kostet die Eskalation die arabischen Staaten 3,7 bis 6,0 Prozent ihres kollektiven Bruttoinlandsprodukts – ein Verlust von 120 bis 194 Milliarden Dollar, der die gesamte Wirtschaftsleistungssteigerung der Region im Jahr 2025 übersteigt. Allein in der Levante werden 2,85 bis 3,30 Millionen Menschen zusätzlich in die Armut gedrängt. Im Iran entspreche das erste Konfliktmonat einem Verlust von eineinhalb Jahren Fortschritt im Human Development Index.

Die UNDP-Analyse für Asien-Pazifik, am 14. April veröffentlicht, schätzt, dass 8,8 Millionen Menschen in 14 Ländern der Region in die Armut gefährdet sind, darunter allein 2,5 Millionen in Indien. Der Gesamtschaden für die Region reicht von 97 bis 299 Milliarden Dollar, was 0,3 bis 0,8 Prozent des regionalen Bruttoinlandsprodukts entspricht. Am stärksten betroffen ist Südasien, das einer höheren Abhängigkeit von Rücküberweisungen, Energieimporten und Nahrungsmitteleinfuhren ausgesetzt ist. Informell Beschäftigte, Migrantinnen und Migranten sowie kleine Unternehmen tragen das größte Risiko.

Die Hauptursache für die globale Ausbreitung ist die Energiepreisabhängigkeit. Länder, die fossile Brennstoffe importieren, spüren steigende Kosten unmittelbar in ihrer Kaufkraft und in den Betriebskosten für Gesundheits-, Schul- und Transportinfrastruktur. Nahrungsmittelpreisanstiege verstärken den Effekt, da Düngemittel und Transportkosten ebenfalls energieabhängig sind. In der FAO-Einschätzung könnte eine anhaltende Störung der Straße von Hormus eine globale Nahrungsmittelkatastrophe auslösen.

Für die Politikreaktion empfiehlt UNDP in erster Linie gezielte und befristete Bargeldtransfers an arme und verwundbare Haushalte. Abhängig vom Szenario würden dafür bis zu 6 Milliarden Dollar benötigt. Das Brief warnt ausdrücklich vor pauschalen Energiesubventionen – ein in Entwicklungsländern weit verbreitetes Instrument –, da diese überproportional wohlhabenden Haushalten zugutekommen und finanziell nicht nachhaltig sind. Alternativ werden gezielte Energie- oder Kochgassubventionen als „Mindestversorgungsblöcke“ für ärmere Bevölkerungsschichten empfohlen.

Was das UNDP-Briefing sichtbar macht, ist eine systemische Ungerechtigkeit globaler Krisen: Die Menschen, die am wenigsten zur Eskalation im Nahen Osten beigetragen haben, zahlen den höchsten Preis. Ein Kleinbauer in der Sahelzone, ein informeller Arbeiter in Südasien, ein Inselstaatbewohner im Pazifik – sie alle werden durch steigende Energie- und Nahrungsmittelpreise in die Armut gedrängt, während sie über keine politischen Hebel verfügen, den Konflikt zu beeinflussen. UNDP kommt zu dem Schluss: Frühzeitiges politisches Handeln ist entscheidend. Die Alternative – Abwarten – ist teuer und ungerecht.

Quelle: UD
 

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