Mazzucato: „Wir brauchen eine grüne Transformation, die Menschen sich als Teil eines guten Lebens vorstellen können“
Die Ökonomin Mariana Mazzucato fordert, Kultur und Gemeinschaftsbeteiligung ins Zentrum der Klimapolitik zu rücken. Top-down-Pläne ohne lokale Verankerung scheiterten, industriepolitische Ansätze müssten Wohlstand gerechter verteilen und KI dürfe die Ungleichheit nicht verschärfen. Im Gespräch mit Dialogue Earth erklärt sie, warum technokratische Klimastrategien ohne kulturelle Dimension zu kurz greifen.
06.10.2026
In einem ausführlichen Interview mit Dialogue Earth legt Mariana Mazzucato, Direktorin des Institute for Innovation and Public Purpose am University College London, ihre These dar, warum der bisherige Ansatz in der Klimapolitik nicht funktioniert. „Klimalösungen werden als losgelöst davon gerahmt, wie wir den Kern des Kapitalismus und damit die Richtung des Wirtschaftswachstums strukturieren“, sagt Mazzucato. Wirtschaftswachstum sei kein neutrales Gut – es habe „eine Richtung, nicht nur eine Rate, und wir brauchen eine grüne Transformation, die Menschen sich als Teil eines guten Lebens vorstellen können“. In ihrem neuen Buch „The Common Good Economy“ argumentiert sie, dass „Kultur, Wohlbefinden, Freude und menschliches Aufblühen der Sinn der Wirtschaft“ seien.
Mazzucato illustriert ihre Argumentation an zwei kontrastierenden Fallbeispielen aus dem Amazonasgebiet. Das UN-REDD+-Rahmenwerk habe im Kontext des Amazonas-Fonds auf McKinsey-Opportunitätskostenberechnungen gesetzt, die extraktive Industrie wertvoller erscheinen ließen als die traditionellen Bewirtschaftungsformen indigener Völker. Im Gegensatz dazu erkenne das „Project Esperaçar“ im brasilianischen Chico-Mendes-Stiftung-Schutzgebiet traditionelle Kultur und Waldpflege als zusammenhängend an und unterstütze beides. „Deshalb muss Kultur in die Industriepolitik integriert werden, nicht in ein Silo gesteckt“, fordert Mazzucato. Es sei „kein Zufall, dass Franklin D. Roosevelt Künstler und Designer in die Works Projects Administration des New Deal geholt hat“. Kunst und kreative Praktiken hätten „einen enormen Einfluss darauf, was wir für möglich halten“.
Zur Klimafinanzierung nimmt die Ökonomin eine strukturelle Perspektive ein. Es komme nicht nur auf die Höhe der Mittel an, sondern darauf, wie das Geld kanalisiert werde und wer davon profitiere. „Zu oft füllt öffentliches Geld einfach eine Lücke, statt ein Projekt zu verankern.“ Entwicklungsbanken müssten einen missionsorientierten Ansatz verfolgen, und die Partnerschaften mit dem Privatsektor müssten „wirklich reziprok“ sein. Die Bridgetown-Initiative von Barbados’ Premierministerin Mia Mottley, die eine Reform der globalen Finanz- und Schuldenarchitektur fordert, unterstützt Mazzucato ausdrücklich. Nötig seien unter anderem Reformen der Schuldentragfähigkeitsanalyse von Weltbank und IWF, die langfristige Investitionen derzeit wie kurzfristige Ausgaben behandle.
Auch zur Rolle von Künstlicher Intelligenz bezieht die Ökonomin Position. KI sei „weder inhärent gut noch schlecht“, entscheidend sei, wie sie eingesetzt werde und wer darüber entscheide. Sie warnt vor „digitalem Feudalismus“, in dem wenige Konzerne nahezu vollständige Kontrolle über die KI-Governance ausübten, obwohl öffentliche Institutionen das intellektuelle und physische Kapital der KI-Entwicklung mitfinanziert hätten. Die Kreativen hinter den Inhalten, die KI-Tools antrieben, würden „extrahiert statt entlohnt“. KI-Entwicklung und grüne Transformation müssten komplementär gestaltet werden: „Wir wollen nicht, dass Rechenzentren lebenswichtige Wasservorräte aufbrauchen, um KI-Anwendungen zu betreiben, die nicht am Gemeinwohl ausgerichtet sind. Das wäre das Schlechteste aus beiden Welten.“
Auf die Frage nach dem größten Missverständnis, das politische Entscheidungsträger über die Rolle des Staates in der grünen Transformation hätten, antwortet Mazzucato mit zwei Punkten: Erstens glaubten zu viele, ihre Aufgabe bestehe darin, „das Chaos zu beseitigen, das Märkte hinterlassen haben“, statt Märkte aktiv für kollektive Ergebnisse zu gestalten. Zweitens werde Industriepolitik Sektor für Sektor statt Mission für Mission gedacht. Ein Ministerium könne nicht allein Emissionen senken, wenn ein anderes sie erzeuge. „Und politische Entscheidungsträger müssen die Menschen mitnehmen – und genau da brauchen wir Kultur.“
Quelle: UD
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