Keynes gegen die Kontrollillusion: Was ein toter Ökonom der KI-Ära voraus hat
In einem seiner letzten Texte argumentiert der verstorbene Keynes-Biograf Robert Skidelsky, dass gerade die Unberechenbarkeit der Zukunft den britischen Ökonomen zum wichtigsten Denker unserer Zeit macht – auch und besonders für den Umgang mit Künstlicher Intelligenz.
08.09.2026
Künstliche Intelligenz neige zu Aussagen, die klar und selbstsicher klingen – und häufig falsch sind. Mit dieser Beobachtung eröffnet Robert Skidelsky seinen Essay in der Juni-Ausgabe des IWF-Magazins Finance & Development. Es ist einer der letzten Texte des renommierten Keynes-Biografen, der am Mitte April 2026 im Alter von 86 Jahren verstarb, bevor die Redaktion abgeschlossen war.
Skidelskys zentrale These: John Maynard Keynes verstand, dass die Zukunft grundsätzlich unerkennbar ist. Diese Einsicht habe die Ökonomie des 20. Jahrhunderts revolutioniert und sei heute relevanter denn je. Während neoklassische Ökonomen die Zukunft für berechenbar hielten, beschrieb Keynes Wahrscheinlichkeit als den Grad des Glaubens an eine Schlussfolgerung, gerechtfertigt durch Evidenz. Man könne zwar immer eine Formel finden, die zu einer begrenzten Auswahl vergangener Fakten passe – aber was beweise das schon?
Zwei philosophische Grundüberzeugungen prägten Keynes’ Ökonomie: die ethische Unterscheidung zwischen dem, was als Mittel gut ist, und dem, was als Zweck gut ist, sowie die Erkenntnis, dass Unsicherheit unausrottbar ist. Gerade Letzteres führte ihn dazu, dem Geld eine zentrale Rolle im Wirtschaftsgeschehen zuzuweisen. Geld sei weit mehr als ein neutrales Tauschmittel – es sei ein psychologischer Zufluchtsort, der eine ganze Volkswirtschaft in den Kollaps treiben könne, wenn Menschen in die Sicherheit des Bargelds fliehen. Dieses Phänomen – von Skidelsky als „Liquiditätspräferenz“ erläutert – erkläre die Finanzkrise 2008, den Bargeld-Run zu Beginn der COVID-Pandemie und die Flash-Crashes an den Aktienmärkten.
Für Skidelsky verdienen drei Aspekte von Keynes’ Erbe besondere Aufmerksamkeit. Erstens die Frage nach dem Zweck wirtschaftlichen Wachstums: Wie viel und welches Wachstum sei nötig, um die materiellen Bedingungen eines guten Lebens zu sichern? Diese Philosophie könne helfen, die ethischen Fragen zu einer KI-gestützten Zukunft zu fokussieren. Zweitens der Impuls, gehortetes Vermögen wieder in Umlauf zu bringen. Keynes’ Angriff auf den Goldstandard habe sich nicht nur gegen die Knappheit des Metalls gerichtet, sondern auch gegen die Neigung von Überschussländern, Reserven zu horten. Sein Vorschlag einer internationalen Reservewährung – des „Bancor“ – bleibe aktuell, etwa als progressive Aufwertung der Sonderziehungsrechte des IWF. Trumps Zölle interpretiert Skidelsky als groben Versuch einer notwendigen Währungsanpassung, allerdings auf Kosten massiver Handels- und Finanzstörungen. Keynes hätte einen weniger destruktiven Weg gesucht.
Drittens die Bereitschaft, gefährlichen Zeiten mutig zu begegnen. Die Frage, die Keynes 1936 stellte, sei heute so brutal wie damals: Brauche es eine Katastrophe, um Politiker aus ihren intellektuellen Sackgassen zu reißen – oder könne eine bessere Analyse der Probleme unsere Zivilisation in Frieden und Freiheit heilen?
Quelle: UD
Redaktioneller Hinweis zur Transparenz: In unserer redaktionellen Arbeit nutzen wir KI-gestützte Werkzeuge – unter anderem für Recherche, Texterstellung, Lektorat, SEO-Optimierung, Zusammenfassungen, Übersetzungen und Social-Media-Beiträge. Die redaktionelle Verantwortung für alle Inhalte liegt bei UmweltDialog. Bei eingereichten Gastbeiträgen kann KI ebenfalls zum Einsatz gekommen sein.