Indiens Kakerlaken-Bewegung: Schläge statt Antworten
In Neu-Delhi haben indische Sicherheitskräfte erneut friedliche Studenten- und Jugendproteste mit Tränengas und Schlagstöcken niedergeschlagen. Ausgangspunkt: schlecht organisierte medizinische Aufnahmeprüfungen — daraus wurde eine breite Bewegung gegen Jugendarbeitslosigkeit und Korruption. Der Vorwurf von Human Rights Watch: exzessive Gewalt, Internet-Abschaltung, Überwachung mit Gesichtserkennung.
13.08.2026
Die Menschenrechtsorganisation interviewte neun Zeugen — darunter Protestorganisatoren, Journalisten und studentische Demonstrierende — und analysierte zehn Videos aus sozialen Medien. Ergebnis: „Indiens Jugend wollte friedlich zum Parlament marschieren, um Rechenschaft von ihren gewählten Führern zu fordern“, zitiert HRW Meenakshi Ganguly, stellvertretende Asien-Direktorin der Organisation. „Stattdessen begegnete ihr die Polizei mit Schlagstöcken, Tränengas und Internetabschaltungen.“
Die Proteste begannen im Juni 2026 mit Forderungen nach Aufklärung für das Missmanagement medizinischer Aufnahmeprüfungen und weiteten sich rasch aus. Getragen wird sie von der „Cockroach Janta Party“ (CJP), einer Gen-Z-Bewegung, die ihren Namen nach einer Äußerung des Obersten Richters Surya Kant wählte, der arbeitslose Jugendliche mit Kakerlaken verglichen hatte. Ort der Proteste ist Jantar Mantar, eine astronomische Observatorium-Anlage aus dem 18. Jahrhundert und traditionelles Protestzentrum wenige Kilometer vom Parlament entfernt. Mitte Juli hatten Sicherheitskräfte den Aktivisten Sonam Wangchuk, der seit dem Ende Juni im Hungerstreik saß, gewaltsam entfernt und in ein öffentliches Krankenhaus eingewiesen.
Die Berichte zeichnen ein Bild systematischer Gewaltanwendung. „Die Demonstrierenden saßen einfach da und flehten die Polizei an, sie nicht zu schlagen, und fragten: ,Warum schlagt ihr uns?‘“, zitiert HRW einen 34-jährigen Anwalt aus Delhi. „Diese ganze Menge suchte den Dialog mit der Polizei, statt zurückzuschlagen. Kein Zurückschlagen, kein Stoppen der Schlagstöcke — sie nahmen die Hiebe einfach hin.“ Ein 24-jähriger Fotojournalist, der die Proteste dokumentierte, ergänzt: „Ich habe nicht erwartet, dass die Polizei so brutal sein würde. Ich habe Fotos von Demonstrierenden, die einfach dastanden, und die Polizei schlug sie. Ich habe männliche Polizisten gesehen, die Frauen niederprügelten. Die Frauen baten mit gefalteten Händen — und die Polizeikräfte schlugen sie trotzdem.“
Auch die Sicherheitslage der Demonstrierenden wurde nach HRW-Recherchen bewusst verschlechtert. Sicherheitskräfte hätten Menschen in enge Räume gedrängt oder auf Menschenmassen zugestürmt und damit Massenpanik riskiert. „Es war erdrückend, es war kaum Platz zum Atmen“, zitiert HRW eine 24-jährige Jurastudentin über eine Rangelei, als die Polizei auf Demonstrierende zulief, die Absperrungen zu durchbrechen versuchten. „Ich habe es geschafft, stehen zu bleiben, aber zwei Mädchen mit mir fielen, und Menschen traten auf sie.“ HRW verifizierte sechs Videos, in denen Sicherheitskräfte Schlagstöcke oder Tränengas gegen Demonstrierende einsetzten oder mit Steinen warfen. Weitere Videos zeigen Männer in Zivilkleidung mit plastischen Schlagstöcken, die neben Polizisten Demonstrierende schlagen. Viele Beamte trugen keine Namensschilder — was Rechenschaft erschwert.
Die Delhi-Polizei bestreitet die Darstellung. Sie wirft den Demonstrierenden „unruhiges, aggressives und gewalttätiges Verhalten“ vor, spricht von Steinwürfen, zerstörten Fahrzeugen und „großangelegter Gewalt“ und beziffert die Zahl der eigenen verletzten Beamten mit 118. HRW verifizierte immerhin ein Video, das zeigt, wie Demonstrierende einen Polizisten schlagen und auf ihm liegen, sodass er zu Boden fällt. Der weitaus größere Teil der verifizierten Aufnahmen deutet jedoch in die andere Richtung.
Ein weiterer Kritikpunkt ist die Abschaltung mobiler Internetdienste in Teilen des Zentrums von Delhi. Die Regierung habe sich nicht an die Vorgaben des Obersten Gerichtshofs gehalten, solche Anordnungen öffentlich zu machen. Ein Demonstrant berichtete HRW, er habe seine Freunde in einer Massenpanik verloren und sei danach mit einem Schlagstock am Ellenbogen getroffen worden. „Ich konnte sie nicht finden, weil sie das mobile Internet abgeschaltet hatten und keine Anrufe durchkamen.“ Auch berichten Digital-Rechts-Gruppen, Demonstrierende seien mittels Gesichtserkennungssystemen überwacht worden.
In der Folge protestierten Oppositionsführer gegen das Vorgehen und nannten die Regierung „gefühllos“ und „autoritär“. Bei einem fast 3-stündigen Sit-in vor der Residenz Premierminister Modis wurden mehrere Spitzenkräfte der Opposition zeitweise festgenommen. Der Oberste Gerichtshof lehnte eine dringliche Anhörung des Falls ab: „Verschwendet unsere Zeit nicht.“ HRW verweist auf die UN-Grundprinzipien zum Einsatz von Gewalt und Schusswaffen, wonach Beamte nur dann Gewalt anwenden dürfen, wenn dies unbedingt nötig ist. „Indiens Polizei hat eine lange Geschichte schwerer Menschenrechtsverletzungen bei Straflosigkeit“, so Ganguly. Die Behörden müssten die Übergriffe umgehend und unparteiisch untersuchen und die Verantwortlichen unabhängig vom Rang strafrechtlich verfolgen.