Globale Investitionen steigen – doch Entwicklungsländer verlieren den Anschluss
Die weltweiten Auslandsinvestitionen sind 2025 um 6 Prozent auf 1,6 Billionen US-Dollar gestiegen. Doch der Zuwachs konzentriert sich auf strategische Sektoren wie KI-Infrastruktur und Halbleiter, während klassische Industrieinvestitionen in Entwicklungsländern einbrechen. Der UNCTAD World Investment Report 2026 zeichnet das Bild einer Investitionswelt, die selektiver, konzentrierter und für die Ärmsten zunehmend verschlossen ist.
22.09.2026
Die Vereinten Nationen warnen vor einer wachsenden Kluft bei den globalen Direktinvestitionen. Laut dem World Investment Report 2026 von UN Trade and Development (UNCTAD) fließt das Kapital zwar wieder stärker, wird aber „konzentrierter, selektiver und für viele Entwicklungsländer weniger zugänglich“. Im Zentrum des Booms stehen 5 strategische Sektoren: KI-Infrastruktur und KI-bezogene Technologien, Halbleiter, Energiewende-Technologien und -Dienstleistungen, kritische Rohstoffe sowie andere fortgeschrittene und sicherheitsrelevante Technologien. Die angekündigten Greenfield-Investitionen in diesen Bereichen haben sich zwischen 2020 und 2025 mehr als verfünffacht – von 109 auf 576 Milliarden US-Dollar.
KI-Infrastruktur dominiert mit 341 Milliarden US-Dollar allein im Jahr 2025 und ist damit das größte Einzelsegment. Halbleiter verzeichnen mit einer jährlichen Wachstumsrate von 54 Prozent zwischen 2020 und 2025 die stärkste Dynamik. Der Boom in diesen Sektoren spiegelt eine Investitionslogik wider, die zunehmend von geopolitischer Positionierung, technologischer Souveränität und Sicherheitsinteressen getrieben ist – weniger von der traditionellen Suche nach kostengünstigen Produktionsstandorten, die Entwicklungsländern historisch als Einstieg in globale Wertschöpfungsketten diente.
Die Kehrseite dieser Konzentration ist ein Rückgang bei klassischen Industrieinvestitionen. Greenfield-Projekte im verarbeitenden Gewerbe außerhalb der strategischen Sektoren sind zwischen den Fünfjahreszeiträumen 2015–2019 und 2021–2025 um 17 Prozent gefallen. Betroffen sind Agrarwirtschaft, Konsumgüter, Textilien und traditioneller Fahrzeugbau – genau jene Branchen, die Entwicklungsländern traditionell den Zugang zu globalen Produktionsnetzwerken ermöglicht haben. Besonders dramatisch ist die Lage für die ärmsten Länder: In Niedrigeinkommensländern sind die Industrieinvestitionen in der verarbeitenden Industrie um 70 Prozent eingebrochen. „Die zugänglichsten Wege in globale Produktionsnetzwerke verengen sich für jene, die sie am dringendsten brauchen“, heißt es im Bericht.
Regional zeigt sich ein differenziertes Bild. Asien führt die Investitionen unter den Entwicklungsregionen an, doch innerhalb der Region verschieben sich die Muster erheblich. Afrika zieht zwar Investitionen in strategische Industrien an – ein positives Signal –, steht aber vor der Herausforderung, diese in breitere industrielle Entwicklung umzuwandeln und nicht bei der Rohstoffextraktion stehenzubleiben. Lateinamerika erlebt ein eigenes Paradox: Mehr Kapital fließt, aber in weniger Projekte, was auf eine Konzentration auf Großvorhaben hindeutet, während kleinere diversifizierte Investitionen ausbleiben. Der Bericht macht zudem deutlich, dass sich die Investitionspolitik weltweit verändert hat.
Regierungen wollen ausländische Direktinvestitionen, aber zunehmend zu eigenen Bedingungen – mit Screening-Mechanismen, Lokalisierungsauflagen und strategischer Steuerung. In einer von Handelskonflikten, Zöllen und geopolitischen Spannungen geprägten Ära wird Investition immer stärker zum Instrument staatlicher Industriestrategie statt zum marktgetriebenen Entwicklungsmotor. Für die ärmsten Volkswirtschaften, die weder strategisch relevante Sektoren noch die institutionelle Kapazität für gezielte Industriepolitik aufweisen, droht ein dauerhafter Ausschluss aus den globalen Kapitalströmen.
Quelle: UD
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