Gesellschaft & Politik

Geoökonomie war nie weg – der Westen hatte sie nur vergessen

Geoökonomie-Serie Teil 2 von 4: Josh Lipsky vom Atlantic Council zeigt, dass die Verschmelzung von Wirtschafts- und Sicherheitspolitik für den Großteil der Welt nie aufgehört hat. Die letzten drei Jahrzehnte westlicher Trennung beider Sphären waren die Ausnahme.

26.08.2026

Geoökonomie war nie weg – der Westen hatte sie nur vergessen

„Was ist Geoökonomie?“ – diese Frage stellte ein hochrangiger brasilianischer Finanzbeamter dem Atlantic-Council-Direktor Josh Lipsky während eines G20-Panels in Rio de Janeiro 2024. Lipsky erklärte den Begriff als Verbindung von Finanzpolitik und nationaler Sicherheit. Die Antwort des Brasilianers: „Bei uns nennt man das einfach Politik.“

Diese Anekdote steht im Zentrum von Lipskys Beitrag in der Juni-Ausgabe des IWF-Magazins Finance & Development. Sie illustriert einen blinden Fleck des Westens: Für Länder wie Indien, die Türkei oder Brasilien, die täglich mit geopolitischen Schocks für ihre Energieversorgung oder plötzlicher Kapitalflucht rechnen müssen, war die Trennung von Wirtschafts- und Sicherheitspolitik nie eine Option. Im Westen hingegen genossen die USA und Europa nach dem Ende des Kalten Krieges den Luxus, beide Bereiche getrennt zu betrachten. Selbst nach dem 11. September 2001 mussten Beamte des US-Finanzministeriums um einen Platz am Tisch kämpfen, wenn über die Kriege in Irak und Afghanistan debattiert wurde.

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Lipsky gliedert die heutige Geoökonomie in drei Säulen: die Zukunft des Kapitalismus und Handels, die Zukunft des Geldes – einschließlich Stablecoins, Kryptowährungen und digitaler Zentralbankwährungen – sowie die Instrumente wirtschaftlicher Staatskunst, also Sanktionen, Exportkontrollen und Zölle.

Die historische Parallele, die Lipsky zieht, ist bemerkenswert. 1949 gründeten die USA unter Handelsminister Averell Harriman das Coordinating Committee for Multilateral Export Controls (COCOM) – ein multilaterales Exportkontrollregime, das mit 17 Verbündeten Dual-Use-Technologien von der Sowjetunion fernhalten sollte. 1952 folgte ein noch strengeres Schwesterregime für China. Die Ähnlichkeiten zur heutigen Halbleiterpolitik seien frappierend.

Den Wendepunkt der jüngsten Geschichte verortet Lipsky an einem Samstagmorgen im Februar 2022: Als die G7-Staaten beschlossen, Russlands Zentralbankreserven in Höhe von über 300 Milliarden Dollar einzufrieren – die bedeutendste geoökonomische Einzelentscheidung des Jahrzehnts. Es gab kein Handbuch dafür. Dass es geschah, lag an Individuen, die kreativ dachten und etwas wagten, das noch wenige Jahre zuvor als zu riskant gegolten hätte.

Die Folgen sind weitreichend. Russlands Strategie, nach der Krim-Annexion 2014 in Euro zu diversifizieren, erwies sich als wirkungslos – Verbündete konnten nun gemeinsam Zahlungssysteme als Waffe einsetzen. Laut Atlantic-Council-Forschung hat sich die Zahl der Pilotprojekte für grenzüberschreitende Zahlungssysteme seit den G7-Sanktionen verdoppelt – fast alle außerhalb der Dollar- und Euro-Architektur konzipiert. Das bestätigt die theoretische Analyse der Choke-Point-Dynamik (→ Teil 1: Wie Staaten wirtschaftliche Macht als Waffe nutzen).

Doch Lipsky warnt auch vor den Gefahren. Wenn „wirtschaftliche Sicherheit ist nationale Sicherheit“ zur Rechtfertigung beliebiger Politik wird, verlieren Unternehmen die Planbarkeit, Klientelismus breitet sich aus, und Fragmentierung wird zum Selbstzweck. China produziert heute rund 30 Prozent der globalen Industrieproduktion, die USA etwa 16 Prozent – die Kräfteverhältnisse haben sich verschoben, doch die Modelle hinken hinterher.

Das regelbasierte System, das viele nun bereitwillig aufgeben wollten, habe den größten Armutsrückgang der Menschheitsgeschichte ermöglicht. Die Herausforderung bestehe darin, es anzupassen, nicht aufzugeben – eine Aufgabe, die freilich erhebliche Kosten mit sich bringt (→ Teil 3: Der Preis geoökonomischer Zwangsmaßnahmen).

Quelle: UD
 

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