Fünf Kosten, die Regierungen unterschätzen
Geoökonomie-Serie Teil 3 von 4: Harvard-Politologe Jeffry Frieden warnt davor, die Kosten geoökonomischer Zwangsmaßnahmen zu ignorieren. Sanktionen und Exportkontrollen seien wertvolle Instrumente – aber ihr Einsatz erfordere eine nüchterne Kosten-Nutzen-Analyse.
26.08.2026
Sanktionen, Exportverbote und Handelszölle können geopolitische Ziele erreichen, ohne dass militärische Gewalt drohen muss – ein offensichtlicher Vorteil. Doch Jeffry Frieden, Professor für internationale Politik an der Columbia University und emeritierter Regierungswissenschaftler in Harvard, mahnt in der Juni-Ausgabe von „Finance & Development“ zur Vorsicht: Die Kosten geoökonomischer Zwangsmaßnahmen für das sanktionierende Land selbst würden systematisch unterschätzt.
Frieden identifiziert fünf Kostenkategorien, die Regierungen in der Hitze geopolitischer Konflikte leicht aus dem Blick verlieren. Erstens: Kosten für die wirtschaftliche Effizienz. Geoökonomische Maßnahmen lenken eine Volkswirtschaft per Definition von ihren produktivsten Verwendungen ab. Importbeschränkungen verteuern Güter, die anderswo effizienter hergestellt werden; Exportkontrollen versperren den Zugang zu profitablen Auslandsmärkten. Schon Adam Smith, David Ricardo und Keynes warnten vor künstlicher Verknappung. Zweitens: Kosten für die Spezialisierung. Spezialisierte wirtschaftliche Aktivitäten sind besonders wertvoll – und besonders verwundbar zugleich. Je spezialisierter eine Produktion, desto schwieriger ist sie zu ersetzen. Regierungen werden deshalb versuchen, Abhängigkeiten von spezialisierten Produkten anderer Nationen zu vermeiden, was jedoch die Effizienz der eigenen Wirtschaft einschränkt.
Drittens: Kosten für die Innovation. Kleinere Märkte und weniger Wettbewerb reduzieren den Anreiz zur Forschung und Entwicklung. Allerdings zeigt die Empirie auch den gegenteiligen Effekt: Sanktionierte Länder investieren massiv in Eigenentwicklungen. Russland, China und Iran haben auf westliche Exportkontrollen mit verstärkter Forschung reagiert – ein Paradox, das die Wirksamkeit solcher Maßnahmen untergräbt. Das bestätigen die empirischen Befunde, die Clayton, Maggiori und Schreger mit KI-gestützter Analyse von Unternehmensberichten gewonnen haben (→ Teil 1: „Wie Staaten wirtschaftliche Macht als Waffe nutzen“).
Viertens: Kosten für die Glaubwürdigkeit. Eine gute Reputation ist wertvoll: Sie ermutigt andere Staaten, sich auf potenziell riskante Handels-, Finanz- und Investitionsvereinbarungen einzulassen. Wenn Sanktionen und Vermögenssperren implizite oder explizite Verträge verletzen, untergraben sie das Vertrauen in den sanktionierenden Staat. Josh Lipsky vom Atlantic Council beschreibt, wie die Einfrierung russischer Zentralbankreserven 2022 eine Verdopplung alternativer Zahlungsprojekte auslöste (→ Teil 2: „Wie die Geoökonomie wiederentdeckt wurde“) – ein konkretes Beispiel für Glaubwürdigkeitskosten.
Fünftens: Kosten für die Innenpolitik. Nutzen und Lasten geoökonomischer Maßnahmen sind ungleich verteilt. Unternehmen, die profitable Geschäftsbeziehungen verlieren, stehen solchen gegenüber, die von neuen Marktzugängen profitieren. Diese asymmetrische Verteilung erzeugt innenpolitische Konflikte, die geoökonomische Maßnahmen schwerer durchsetzbar und weniger glaubwürdig machen.
Friedens Fazit ist differenziert: Geoökonomische Instrumente seien wertvolle Werkzeuge der Außenpolitik, deren Nutzen erheblich sein könne – besonders wenn sie militärische Konflikte vermeiden helfen. Doch es gebe Situationen, in denen die Kosten den Nutzen übersteigen. Politik, Analysten und Bürger bräuchten ein klares Bild dieser Kosten, bevor sie entscheiden können, ob der Nettovorteil positiv ist. Die Frage, wie das Handelssystem an diese neue Realität angepasst werden kann, ohne es zu zerstören, steht im Zentrum der laufenden Debatte (→ Teil 4: „Handelskooperation trotz Rivalität – ein Reformvorschlag für die WTO“).