Gesellschaft & Politik

Extreme Hitze kostet arme Menschen Teil des Lohns

Extreme Hitze wird zum „Armuts-Multiplikator“ für informelle Arbeiter in Südasien. Wer in der Rikscha, auf dem Bau, im Ziegelofen oder in der Textilfabrik ohne Klimatisierung arbeitet, verliert bei zunehmender Hitze bis zu 9 % seines Einkommens. Für Indien allein rechnet das International Institute for Environment and Development (IIED) mit 78 Milliarden US-Dollar entgangenem Lohn — 2 % des jährlichen BIP.

07.08.2026

Extreme Hitze kostet arme Menschen Teil des Lohns

Grundlage der Debatte ist eine Studie des IIED mit dem Titel „Too hot to work, too poor to rest“, die Ende Juli in einem gemeinsamen Webinar mit Partnerorganisationen in Indien und Bangladesch vorgestellt wurde. Die Autoren untersuchten die gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen von Hitzestress bei mehr als 700 informellen Arbeitern in 4 südasiatischen Städten: Ajmer, Delhi und Agra in Indien sowie Dhaka in Bangladesch. Die Erhebung deckt Außenarbeitsplätze wie Bau, Straßenbau, Ziegeleien und Rikscha-Ziehen ebenso ab wie Innenarbeitsplätze in Textil-, Glas- und Kleinfertigungsbetrieben.

Die methodische Herangehensweise ist bemerkenswert. Die Studie kombiniert Umfragen, Zeit-Bewegungs-Studien und Gesundheits-Risiko-Scoring durch lokale Ärzte mit Fokusgruppen-Diskussionen, Schlüssel-Interviews und Fallstudien von Familien. Sie nutzt das vom IIED entwickelte „Comprehensive Climate Impact Quantification“ (C-CIQ) Toolkit, um sowohl ökonomische als auch nicht-ökonomische Loss-and-Damage-Wirkungen zu messen. Die Analyse arbeitet mit einer intersektionalen Linse, die Geschlecht, Alter, Beschäftigungstyp und Migrationsstatus einbezieht.

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Drei zentrale Befunde durchbrechen konventionelle Annahmen. Erstens: Innenraum-Arbeiter sind ähnlich gefährdet wie Außenraum-Arbeiter, obwohl weit weniger Studien ihre Bedingungen untersuchen. Die Vorstellung, dass Klimaschäden vor allem auf offenem Feld stattfinden, verfehlt einen großen Teil der Realität. Zweitens: Hitzebelastung endet nicht am Arbeitsplatz. Miserable Wohnverhältnisse, schlechte sanitäre Infrastruktur, unzureichende Wasser- und Ernährungssicherheit bedeuten, dass ein Arbeiter, der 8 oder 9 Stunden in der Hitze arbeitet, in ein Zuhause zurückkehrt, das keinerlei Erholung bietet. Drittens: Die Kosten reichen weit über ökonomischen Schaden hinaus. Psychologische und nicht-ökonomische Schäden — Erschöpfung, chronische Krankheiten, Familienstress — tauchen in klassischen Klimaschadensbilanzen selten auf.

Die Kernzahl ist einprägsam. „Extreme Hitze wirkt als Armuts-Multiplikator für Hunderte Millionen Arbeiter in Indiens informellem Sektor“, schreibt der Guardian in einer Berichterstattung, auf die IIED verweist. „Die Forschung zeigt, wie extreme Hitze einige der ärmsten Arbeiter Indiens weiter in die Armut treibt — mit Einkommensverlusten von bis zu 9 % für Außenarbeiter.“ IIED beziffert die entgangenen Löhne für Indien insgesamt auf 78 Milliarden US-Dollar, das entspricht rund 2 % des indischen BIP pro Jahr. Damit ist Hitzestress nicht mehr Randphänomen individueller Härtefälle, sondern makroökonomisch relevante Größe.

Für die politische Debatte formulieren die Autoren konkrete Handlungsempfehlungen. Verglichen werden Ansätze der Lohnkompensation und versicherungsbasierte Modelle. Der Fokus liegt darauf, wie sich Arbeitseinkommen und Gesundheit gemeinsam schützen lassen — statt entweder Produktivitätsverluste in Kauf zu nehmen oder Arbeiter aus der Erwerbstätigkeit zu drängen. Zu den Sprechern der Vorstellungsveranstaltung zählen unter anderem Ranjini Mukherjee (Coalition for Disaster Resilient Infrastructure, CDRI), Shakirul Islam (OKUP, Bangladesch), Madeleine Thomson (Wellcome Trust) und Ritu Bharadwaj (IIED). Die Partnerschaftsstruktur — mit lokalen Organisationen wie Change Alliance, DISHA und der Uttar Pradesh Gramin Mazdoor Sangathan — verankert die Studie fest in den betroffenen Gemeinschaften.

Für die internationale Klimaverhandlungspolitik hat die Studie unmittelbare Relevanz. Sie liefert quantifizierte Belege für die Kategorie „nicht-ökonomischer Loss and Damage“, die bislang schwer zu erfassen war. Für den Loss-and-Damage-Fonds, der bei der COP28 in Dubai etabliert und seither um Kapitalausstattung ringt, wird solche Datenlage entscheidend sein. Für die anstehende COP31 in Antalya kann die IIED-Studie ein Referenzargument dafür werden, warum reine Klimaanpassung nicht ausreicht — und warum Adressaten hitzeanfälliger Arbeitswelten in südasiatischen Städten sowohl bei nationaler Sozialpolitik als auch bei internationaler Klimafinanzierung stärker berücksichtigt werden müssen.

Quelle: UD
 

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