Gesellschaft & Politik

Energiewende: Was die Dänen schlauer machen

Dänemark verabschiedet die Kohle bis 2028, stellt bis 2030 sein Gasnetz vollständig auf erneuerbares Gas um und lässt vier von fünf neu zugelassenen Autos batterieelektrisch fahren. Und die Strompreise sinken. Ausgerechnet ein Land ohne nennenswerte Wasserkraft, direkt neben Deutschland. Der Unterschied liegt weniger in einzelnen Technologien als in einer grundsätzlich anderen Denkweise über das Gesamtsystem.

11.08.2026

Energiewende: Was die Dänen schlauer machen

Zentraler Hebel des dänischen Modells sind die Wärmenetze, die 69 Prozent der Haushalte versorgen. Sie seien laut Geier und Mindrup „die Voraussetzung dafür, dass Windstrom auch in Erzeugungsspitzen sinnvoll genutzt werden kann“. Großwärmepumpen wandeln überschüssigen Strom in Wärme, statt Windräder abzuregeln. Der Biomasseeinsatz – lange in der Kritik – sinkt inzwischen, weil er nur noch flexibel in stromgeführter Kraft-Wärme-Kopplung eingesetzt wird. „Man denkt die Dinge zusammen und erzeugt so mehrfachen Nutzen“, so die Autoren einer Studie.

Auch die Elektromobilität wird als Netzflexibilität mitgedacht. Dänemark hat weltweit als eines der ersten Länder Vehicle-to-Grid-Anwendungen erprobt, bei denen Fahrzeugbatterien über intelligentes Laden Strom ins Netz zurückspeisen können. „Ein Flexibilitätspuffer, der mit jeder Neuzulassung wächst.“ Zum Jahresanfang 2026 senkte der dänische Staat zusätzlich die einst höchste Stromsteuer Europas auf den EU-Mindestsatz – eine Entlastung von umgerechnet 12 Cent pro Kilowattstunde inklusive Mehrwertsteuer.

Anzeige

Im Vergleich dazu attestieren die Autoren Deutschland „Silodenken und Überoptimierung“. Statt jede seltene Erzeugungsspitze mit neuen teuren Kabeln ableiten zu wollen, sei es viel klüger, die vorhandenen Stromnetze durch Lastverschiebung besser auszulasten – mit Batterien und Wärmenetzen, wie es die Dänen vormachten. Dafür brauche es eine intelligente Steuerung über örtliche Preissignale und eine Kooperation der Netzbetreiber „miteinander statt gegeneinander“. Ein struktureller Vorteil Dänemarks liegt in seinen zwei kleinen Preiszonen, die Preissignale näher an die physikalische Realität heranrücken als der bundeseinheitliche deutsche Börsenpreis.

Wind und Photovoltaik haben in Dänemark das Erdgas nach Darstellung der Autoren aus der Merit-Order weitgehend verdrängt – außer in Zeiten, in denen deutsche Importe durchschlagen. „Die Strompreise am Spotmarkt werden von den kostengünstigen Energien Wind und Sonne gesetzt – und nicht mehr vom teuren fossilen Grenzkraftwerk.“ Für Erdgas gilt eine ähnliche Logik: reduzieren durch Elektrifizierung, den Rest durch Biomethan ersetzen. Bis 2030 soll der gesamte Gasverbrauch erneuerbar sein. Als weiteres Hemmnis in Deutschland benennen die Autoren das Doppelvermarktungsverbot: EEG-geförderte Anlagen dürfen keine Herkunftsnachweise ausstellen – geförderter Grünstrom lässt sich damit gegenüber der Kundschaft nicht als erneuerbar ausweisen. „Eine EU-weit nahezu einmalige Hürde“, so Geier und Mindrup.

Die Handlungsempfehlungen für Deutschland fassen die Autoren in drei Punkten zusammen. Erstens der Physik folgen: Wind- und Solarüberschüsse durch Batterien, Wärmenetze und Elektrolyse vor Ort nutzen, statt sie über neue Netze abzutransportieren. Deutschland verfüge zwar über deutlich weniger Fernwärmenetze als Dänemark, dafür aber über eine breite industrielle Basis mit hohem Prozessenergiebedarf – ein „viel zu wenig“ genutztes Potenzial für Wärmespeicher. Zweitens verbleibende Lücken mit Kraft-Wärme-Kopplung auf Basis erneuerbarer Gase schließen. Drittens die richtigen Marktregeln setzen – inklusive Contracts for Difference nach dänischem Modell, mit dem gerade neue Offshore-Windparks ausgeschrieben werden, sowie lokalere Preissignale zur Steuerung der Flexibilität.

„Ein Stromsystem, in dem die günstigen Erneuerbaren die Preise setzen, ist keine ferne Utopie, sondern zum Greifen nah“, so das Fazit der Autoren. Mehr noch: Das zu 100 Prozent erneuerbare Stromsystem werde günstiger als das heutige Mischsystem aus fossiler und erneuerbarer Erzeugung. Voraussetzung sei allerdings, dass Deutschland „die richtigen regulatorischen Weichen“ stelle. Glücklicherweise habe diese Debatte inzwischen Fahrt aufgenommen.

Der Vergleich stammt aus einem Gastbeitrag von Jens Geier und Klaus Mindrup für Klimareporter°. Jens Geier ist SPD-Abgeordneter im Europäischen Parlament und Mitglied im Industrieausschuss, Klaus Mindrup war bis 2021 SPD-Bundestagsabgeordneter und ist heute unabhängiger Experte für Erneuerbare sowie Vorsitzender des Vereins Energiedialog 2050. Beide beschreiben Dänemarks Energiewende als pragmatischen Systemansatz, der Sektorenkopplung und breiten Konsens über Regierungswechsel hinweg zusammenhält. „In Dänemark herrscht ein breiter gesellschaftlicher Konsens: Klimaschutz ist eine gemeinsame Aufgabe – und es muss dabei um machbare und für alle bezahlbare Lösungen gehen.“

Quelle: UD
 

Related Posts

Newsletter

Unsere Verantwortung/Mitgliedschaften

Logo
Serverlabel
The Global Compact
Englisch
Gold Community
Caring for Climate

© macondo publishing GmbH
  Alle Rechte vorbehalten.

 
Lasche