Doppeltes Risiko: Armut macht Arbeit gefährlich
Wer in einem armen Land arbeitet, trägt ein mehr als doppelt so hohes Risiko, bei der Arbeit verletzt zu werden, wie Beschäftigte in wohlhabenden Staaten. Das zeigt eine RoSPA-Studie, finanziert von der Lloyd's Register Foundation. Weltweit verunglücken jährlich rund 395 Millionen Menschen bei der Arbeit. Der Wohlstand eines Landes beeinflusst die Arbeitssicherheit stärker als Einkommen, Bildung oder Geschlecht.
23.10.2026
Die Studie mit dem Titel „Danger on the job: How global inequality shapes workplace harm“ wertet Daten des Lloyd's Register Foundation World Risk Poll 2023 aus und zeichnet ein Bild tiefer globaler Ungleichheit bei der Arbeitssicherheit. Nicht individuelle Faktoren wie Einkommen, Bildung oder Geschlecht entscheiden demnach in erster Linie darüber, ob ein Mensch bei der Arbeit verunglückt, sondern der Wohlstand des Landes, in dem er lebt. Für Beschäftigte in einkommensschwachen Ländern bedeutet das ein mehr als doppelt so hohes Risiko schwerer Arbeitsunfälle wie für ihre Kolleginnen und Kollegen in reichen Staaten.
Die wirtschaftlichen Dimensionen des Problems sind erheblich. Nach Angaben der Studie verunglücken jedes Jahr weltweit rund 395 Millionen Menschen bei der Arbeit, mehr als die gesamte Bevölkerung der Vereinigten Staaten. Arbeitsbedingte Verletzungen und Erkrankungen kosteten die Weltwirtschaft 2019 zudem rund 6 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung, mehr, als Länder wie Singapur oder die Vereinigten Arabischen Emirate insgesamt erwirtschaften. Würden sich die Unfallraten in einkommensschwachen Ländern denen wohlhabender Staaten angleichen, ließen sich nach Berechnungen der Autoren jährlich bis zu 2 Millionen Menschenleben retten und wirtschaftliche Verluste von mehr als 750 Milliarden US-Dollar vermeiden.
Die Datenbasis der Lloyd's Register Foundation offenbart deutliche regionale Unterschiede zwischen den sechs Weltregionen der Weltgesundheitsorganisation. Im westpazifischen Raum berichtet mehr als jeder dritte Beschäftigte, konkret 37 Prozent, von einem eigenen Arbeitsunfall oder einem Vorfall im engeren Bekanntenkreis innerhalb der vergangenen zwei Jahre. In Afrika liegt der Anteil bei 31 Prozent, in Südostasien bei 30 Prozent. Im östlichen Mittelmeerraum und in Amerika sinkt der Wert auf jeweils 22 beziehungsweise 21 Prozent, und auch in Europa berichtet mit 21 Prozent nur noch jeder fünfte Beschäftigte von entsprechenden Erfahrungen.
Der nationale Wohlstand wirkt der Studie zufolge wie eine Decke, die den individuellen Spielraum begrenzt: Höheres Haushaltseinkommen und bessere Bildung schützen zwar etwas vor Arbeitsunfällen, dieser Effekt wird jedoch vom Wohlstandsniveau des Landes deutlich übertroffen. Steigt ein Beschäftigter in einem einkommensschwachen Land vom ärmsten in das reichste Fünftel der Haushalte auf, sinkt sein persönliches Risiko nur um 18 Prozent. In einem wohlhabenden Land führt derselbe soziale Aufstieg zu einer Risikominderung von 38 Prozent, mehr als doppelt so viel.
Trotz des Ausmaßes der Problematik bleibt die betriebliche Arbeitssicherheit weltweit lückenhaft. Mehr als sechs von zehn Beschäftigten haben noch nie eine Schulung zu Arbeitsschutz erhalten, und weniger als die Hälfte der ILO-Mitgliedstaaten verfügt über eine aktuelle arbeitsschutzpolitische Strategie. RoSPA führt die Unterschiede unter anderem auf die größere Verbreitung informeller Beschäftigung in gefährlichen Branchen wie Landwirtschaft und Bergbau ärmerer Länder zurück, kombiniert mit höheren Investitionen in Sicherheitssysteme reicher Volkswirtschaften. Die Kosten sicherer Arbeit würden damit faktisch in Länder ausgelagert, denen die Sicherheitsinfrastruktur wohlhabender Staaten fehlt.
Die Organisation fordert deshalb robustere nationale Arbeitsschutzsysteme, eine verbesserte Erfassung und Meldung von Unfällen, verantwortungsvollere globale Lieferketten und einen erweiterten Schutz für informell Beschäftigte. Ziel eines koordinierten internationalen Vorgehens müsse sein, die globale Ungleichheit bei Arbeitsunfällen abzubauen und jedem Menschen ein sicheres Nachhausekommen nach der Arbeit zu ermöglichen.
„Jeder Mensch verdient es, unabhängig davon, wo er lebt, gesund von der Arbeit nach Hause zurückzukehren“, sagte Becky Hickman, Chief Executive Officer von RoSPA. „Diese Ergebnisse zeigen, dass Arbeitssicherheit keine reine Frage individuellen Verhaltens oder persönlicher Umstände ist. Starke nationale Systeme, wirksame Regulierung und Investitionen in Arbeitsschutz sind entscheidend, um Schäden zu verringern und Beschäftigte zu schützen.“
Auch Nancy Hey OBE, Direktorin für Evidenz und Erkenntnisse am Global Safety Evidence Centre der Lloyd's Register Foundation, ordnet den Befund ein: „Dass ausgerechnet der nationale Wohlstand und nicht individuelle Umstände oder individuelles Verhalten die größte Hürde für mehr Arbeitssicherheit darstellt, ist ein bemerkenswertes und wichtiges Ergebnis. In einkommensschwachen Ländern verlieren demografische Faktoren, die andernorts schützend wirken könnten, weitgehend ihre Bedeutung. Das unterstreicht, wie wichtig grundlegende systemische, strukturelle und regulatorische Verbesserungen sowie etablierte Führung und Governance im Arbeitsschutz sind, um die weltweite Last arbeitsbedingter Schäden zu verringern.“
Quelle: UD
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