ChatGPT: Indien schlägt die USA – und der Stromhunger der KI wächst rasant
Indien hat die USA als größten ChatGPT-Markt der Welt überholt. Das zeigt eine neue Analyse des Finanzportals BestBrokers auf Basis globaler Webverkehrsdaten von Mai 2026. 900 Millionen wöchentlich aktive Nutzer, rund 1,17 Billionen Anfragen pro Jahr – und ein Strombedarf, der die Frage nach den echten Kosten der KI-Revolution neu stellt.
12.06.2026
OpenAIs ChatGPT ist das meistgenutzte KI-Sprachmodell der Welt. Doch wer es am intensivsten nutzt, verschiebt sich rasant. Laut der BestBrokers-Analyse entfallen auf Indien mit rund 200,8 Millionen monatlichen Zugriffen inzwischen 13,5 Prozent des weltweiten ChatGPT-Webverkehrs – knapp vor den USA mit 181,2 Millionen Besuchen (12,18 Prozent). Dahinter folgen Brasilien mit 99 Millionen, Indonesien mit 78,8 Millionen und die Philippinen mit 49,5 Millionen monatlichen Aufrufen.
Das verändert das Bild vom KI-Boom als vorwiegend westlichem Phänomen grundlegend. Indien kommt zwar auf lediglich 14 Zugriffe je 100 Einwohner – verglichen mit 52 in den USA oder 82 in Spanien, dem relativ intensivsten Nutzermarkt unter den Top Ten. Doch die schiere Bevölkerungsgröße macht Indien zur absoluten Spitze. Brasilien, Indonesien und die Philippinen zeigen ebenfalls, dass die stärkste Dynamik beim KI-Zugang derzeit in aufstrebenden Volkswirtschaften stattfindet – nicht in den traditionellen Technologiezentren.
Frankreich (45,2 Mio.), Japan (45 Mio.), Deutschland (39,9 Mio.), Spanien (39,2 Mio.) und Großbritannien (37,1 Mio.) komplettieren die Top Ten. Europa ist damit mit fünf Ländern gut vertreten, während China in der Rangliste fehlt – ChatGPT ist dort nicht frei zugänglich.
Die Kehrseite dieser globalen Nutzung ist ihr Energiebedarf. BestBrokers hat errechnet, dass ChatGPT bei 22,5 Milliarden wöchentlichen Anfragen enorme Mengen Strom verbraucht. Jede einzelne Anfrage benötigt je nach Komplexität und Modell ein Vielfaches des Energieeinsatzes einer einfachen Google-Suche. Hochgerechnet auf 1,17 Billionen Anfragen jährlich ergibt sich ein Strombedarf, der mit dem Jahresverbrauch ganzer mittelgroßer Volkswirtschaften vergleichbar ist.
Der wachsende Energiehunger der KI-Branche wird zunehmend zur politischen und ökologischen Frage. Rechenzentren für KI-Anwendungen sollen laut der Internationalen Energieagentur IEA ihren weltweiten Stromverbrauch bis 2030 verdoppeln, KI-fokussierte Anlagen den Verbrauch sogar verdreifachen. Gerade in Ländern wie Indien, das seinen Energiemix noch zu großen Teilen auf Kohle stützt, bedeutet wachsende KI-Nutzung direkt mehr fossile Emissionen – solange der Strom nicht grüner wird. Damit rückt die Frage, wo dieser Strom herkommt und wie die Wachstumsdynamik des KI-Booms mit dem globalen Dekarbonisierungsziel in Einklang gebracht werden kann, ins Zentrum einer Debatte, die längst nicht mehr nur eine technologische ist.