Gesellschaft & Politik

Automatisierung und die Versuchung zur Repression

Ein neues Forschungspapier des Wirtschaftsnobelpreisträgers Daron Acemoğlu sorgt für Diskussionen. Gemeinsam mit Arda Gitmez und Mehdi Shadmehr zeigt er modelltheoretisch, dass mehr Automatisierung Unternehmen einen Anreiz geben kann, Repression der Umverteilung vorzuziehen. Der Wirtschaftsethiker Thomas Beschorner griff die Studie auf LinkedIn auf – Anlass, Befund und Grenzen einzuordnen.

21.09.2026

Automatisierung und die Versuchung zur Repression

Ausgangspunkt der im Juni als NBER-Arbeitspapier veröffentlichten Studie „Automation and Repression“ ist ein einfaches Gesellschaftsmodell: Unternehmer besitzen das Kapital, Arbeitnehmer bieten ihre Arbeit an. Wächst die Ungleichheit zwischen beiden Gruppen zu stark, drohen Revolte und Enteignung. Um dieses Risiko zu senken, haben die Kapitaleigner laut dem Modell zwei Optionen: Umverteilung oder Repression. Wie Mark Schieritz in der ZEIT darlegt, verschiebt Automatisierung dieses Kalkül systematisch zugunsten der Repression, weil mit wachsendem Kapitalstock die Kosten der Umverteilung wie eine Steuer stetig steigen, während Unterdrückung vergleichsweise günstig bleibt. Die Autoren formulieren die Konsequenz unmissverständlich: „Wir zeigen, dass die Akkumulation von Kapital und damit die zunehmende Automatisierung die Kapitalisten dazu ermutigen, einen Putsch gegen die Demokratie zu unterstützen und ein repressives System zu errichten.“

Damit erhält eine alte marxistische Grundthese neue, unerwartete Fürsprache aus dem Zentrum der Wirtschaftswissenschaft. Karl Marx beschrieb den Staat im Kommunistischen Manifest als „Ausschuss, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet“. Dass ausgerechnet ein am Massachusetts Institute of Technology forschender Ökonom diese Sichtweise mathematisch stützt, passt zu einer Beobachtung, die der Politikwissenschaftler Stefan Bollinger drei Jahrzehnte nach dem Ende der DDR über die Rückkehr marxistischer Kategorien in die öffentliche Debatte trifft: Sozialismus sei nicht nur eine schöne Idee gewesen, sondern praktische Kritik am Kapitalismus, „die ist bis heute nicht eingelöst“.

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Genau an dieser Stelle beginnt aber die notwendige Kritik, die Schieritz selbst in seine Kolumne einbaut. Ein mathematisches Modell beweist keine historische Gesetzmäßigkeit, sondern veranschaulicht einen Mechanismus unter bestimmten Annahmen. Zwei dieser Annahmen sind angreifbar: Erstens setzt das Modell voraus, dass Automatisierung die wirtschaftliche Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer zwangsläufig schwächt – das muss man nicht teilen. Zweitens unterstellt es, Kapitaleigner seien ausschließlich profitmotiviert und könnten sich den Staatsapparat tatsächlich aneignen. Die Realität ist komplizierter, wie die eigene Wirtschaftsgeschichte zeigt: Der kontinentaleuropäische Wohlfahrtsstaat der Nachkriegszeit hat Kapitalinteressen jahrzehntelang politisch eingehegt, ohne dass daraus Revolution oder Systembruch folgte. Automatisierung erzeugt demnach keinen Determinismus in Richtung Autokratie, sondern verschiebt bestenfalls ein Risiko, dessen Realisierung von politischen Institutionen abhängt – ausgerechnet ein Forschungsfeld, für das Acemoğlu selbst bekannt wurde.

Für Unternehmen und ihre Governance-Verantwortlichen liegt der Ertrag der Debatte deshalb nicht in einer neuen ideologischen Gewissheit, sondern in einer nüchternen Risikoüberlegung. Wenn Automatisierung das Machtgleichgewicht zwischen Kapital und Arbeit tatsächlich verschiebt, dann sind Mitbestimmung, Tarifpartnerschaft und eine transparente Governance von KI-Investitionsentscheidungen kein Traditionsrelikt, sondern ein Gegengewicht mit handfestem Risikomanagement-Wert – für die eigene Reputation ebenso wie für den gesellschaftlichen Rückhalt, auf den jedes Unternehmen langfristig angewiesen ist. Wer Automatisierung allein als Effizienzfrage behandelt, blendet nach Acemoğlus Modell genau jene Machtfrage aus, die am Ende teurer werden könnte als jede Investition in Sozialpartnerschaft.

Dass ein Nobelpreisträger diese Machtfrage nun formalisiert, macht sie nicht wahrer, aber schwerer zu ignorieren. Die eigentliche Pointe der Debatte liegt darin, dass sie nicht aus einer ideologischen Ecke kommt, sondern aus dem methodischen Kern der Mainstream-Ökonomie – und gerade deshalb Unternehmensethik und Wirtschaftswissenschaft näher zusammenrücken lässt, als es beiden Seiten lange lieb war.

Quelle: UD

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