Gesellschaft & Politik

Argentinien verspielt die Kontrolle über seine kritischen Rohstoffe

Argentinien sitzt auf riesigen Lithium- und Kupfervorkommen, die für Energiewende, KI-Infrastruktur und Rüstung gleichermaßen gefragt sind. Doch das Land hat weder eine nationale Rohstoffstrategie noch die institutionelle Fähigkeit, die Verwendung seiner Exporte nachzuverfolgen – und gerät zwischen die geopolitischen Fronten von Washington und Peking, ohne seine Position nutzen zu können.

15.09.2026

Argentinien verspielt die Kontrolle über seine kritischen Rohstoffe

Das argumentiert Jonatan Nuñez von der Universität Buenos Aires in einem Gastbeitrag für Dialogue Earth. Argentiniens Lithiumkarbonat-Produktion überschritt 2025 die Marke von 110.000 Tonnen – ein historischer Rekord. Die Bergbauexporte stiegen auf 6 Milliarden US-Dollar, fast 30 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Bergbausektor macht bereits mehr als die Hälfte der rund 95 Milliarden US-Dollar an Investitionsprojekten aus, die beim RIGI eingereicht wurden, dem 2024 beschlossenen Anreizprogramm für Großinvestitionen. Die Internationale Energieagentur prognostiziert bis 2040 eine Verneunfachung der weltweiten Lithiumnachfrage.

Doch die Kontrolle über die strategischen Ressourcen liegt nicht beim Staat, sondern verteilt sich auf die Provinzen. Seit der Verfassungsreform von 1994 besitzen die Provinzen die natürlichen Ressourcen in ihrem Gebiet. Das Ergebnis ist ein Flickenteppich: 66 Lithiumprojekte in den nördlichen Provinzen Catamarca, Salta und Jujuy werden jeweils nach eigenen Regeln reguliert, überwacht und berichtet. Eine nationale Behörde, die diese Informationen zusammenführt oder nachverfolgt, welcher Anteil einer Lieferung in einer Autobatterie, einer Militärdrohne oder einem Rechenzentrum landet, existiert nicht. „Die Souveränität, um die es geht, ist nicht bloß die Frage, wer die Bergbaueinnahmen erhält, sondern wer entscheidet, wofür die extrahierten Ressourcen verwendet werden“, schreibt Nuñez. „Und in dieser Hinsicht ist Argentinien – als Staat und als Zivilgesellschaft – schlecht aufgestellt.“

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Die geopolitische Lage verschärft das Vakuum. Im Februar 2026 unterzeichnete die Regierung ein Rohstoffabkommen mit Washington, in dem sie den USA Vorrang bei der Belieferung mit Lithium, Kupfer und anderen Mineralien einräumt – Teil einer breiteren US-Strategie zur Verringerung der Abhängigkeit von China, das rund 75 Prozent des Weltmarkts für diese Ressourcen kontrolliert. Das US-Verteidigungsministerium hat im Juli 2025 eine 15-Prozent-Beteiligung am Rohstoffunternehmen MP Materials erworben und eine strategische Mineralienreserve im Wert von 12 Milliarden US-Dollar angekündigt. Gleichzeitig fließen rund 70 Prozent der argentinischen Lithiumproduktion nach China. Im Mai 2026 genehmigte die Regierung die Erweiterung eines Lithiumprojekts, an dem der chinesische Konzern Ganfeng mit 47 Prozent die Mehrheit hält.

„Aufgrund seiner systemischen makroökonomischen Schwäche hat sich das Land in diesem geopolitischen Streit wiedergefunden, ohne über die Mechanismen zu verfügen, seine Position zu nutzen“, analysiert Nuñez. Diese Verwundbarkeit vertiefe Jahrzehnte einer uneingeschränkten Öffnung für ausländisches Kapital im Bergbausektor – ein System, das auf lokale Zulieferanforderungen, Rückverfolgbarkeit und jegliche Strategie zur Entwicklung einer heimischen Rohstoffindustrie jenseits der Rohstoffextraktion verzichte. Das Bergbaugesetz stamme von 1886, die Verfassungsreform von 1994 habe die Rohstoffhoheit in die Hände der Provinzen gelegt. Beide Regelwerke seien auf ein exportorientiertes Modell ohne Wertschöpfung ausgelegt. Argentinien müsse dringend eine Debatte über Eigentum, Rückverfolgbarkeit und strategische Ausrichtung seiner kritischen Ressourcen führen – „andernfalls werden globale Mächte und private Konsortien bestimmen, welche Kriege, welche Server und welche technologischen Imperien seine Salzwüsten letztlich verbrauchen“.

Quelle: UD

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