Gesellschaft & Politik

Amnesty: Kongos Armee finanziert Kriegsverbrecher – mit Folgen für europäische Lieferketten

Amnesty dokumentiert Kriegsverbrechen einer vom kongolesischen Staat finanzierten Miliz – mit unmittelbaren Folgen für LkSG- und CSDDD-Pflichten europäischer Unternehmen.

06.07.2026

Amnesty: Kongos Armee finanziert Kriegsverbrecher – mit Folgen für europäische Lieferketten

In Rutshuru, einem Distrikt im Osten der Demokratischen Republik Kongo, terrorisiert eine bewaffnete Gruppe die Zivilbevölkerung – finanziert und ausgerüstet durch den kongolesischen Staat. Das geht aus einem aktuellen Bericht von Amnesty International hervor, den die Menschenrechtsorganisation Ende Juni 2026 veröffentlicht hat. Dokumentiert sind Tötungen, Folter, Plünderungen und sexuelle Sklaverei durch die Miliz CMC-FDP, das „Kollektiv der Bewegungen für Wandel – Volksverteidigungskräfte“.

Proxy-Armee gegen die M23

Die CMC-FDP gehört zur losen Allianz Wazalendo, auf Swahili „die Patrioten“. Die kongolesische Armee FARDC nutzt diese Gruppe als Stellvertreterkraft im Kampf gegen die von Ruanda gestützte Rebellengruppe M23, die weite Teile des Ostkongo kontrolliert. Im Mai 2023 schuf die Regierung in Kinshasa per Gesetz eine Reserve-Verteidigungsarmee, die ausgewählte lokale Milizen – darunter die CMC-FDP – formell in die FARDC integrierte.

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Das Ausmaß der staatlichen Unterstützung ist erheblich. Der kongolesische Finanzminister bezifferte im Dezember 2025 vor dem Verteidigungs- und Sicherheitsausschuss der Nationalversammlung die monatlichen Zahlungen an Wazalendo-Gruppen auf 4 Millionen US-Dollar. Aus einem internen Dokument der Militärregierung in Nord-Kivu, das die kongolesische Forschungsgruppe Ebuteli erhielt, geht hervor, dass die CMC-FDP zwischen Ende 2023 und Anfang 2024 mehr als 100.000 Schuss Munition sowie über 100 40-Millimeter-Raketen aus Kongos Armeebeständen erhielt.

„In der Falle zwischen zwei Brutalitäten“

Zwischen März und April 2026 führte Amnesty 16 abgesicherte Ferninterviews mit Opfern, Überlebenden und Angehörigen von Zivilisten, die zwischen Juni und Dezember 2025 von CMC-FDP-Kämpfern getötet, vergewaltigt, gefoltert, entführt oder misshandelt worden waren. Zusätzlich erhielt die Organisation glaubwürdige Berichte von Menschenrechtsverteidigern über summarische Hinrichtungen und die Niederbrennung von Häusern.

Die Miliz operiert vor allem im Gebiet Bukombo, das derzeit unter Kontrolle der M23 steht. „Die Zivilbevölkerung in und um Bukombo ist in der Falle, gefangen zwischen der Brutalität von M23 und CMC-FDP“, erklärt Tigere Chagutah, Regionaldirektor von Amnesty International für Ost- und Südafrika. „Was diese Menschen täglich erleiden müssen, ist entsetzlich – besonders in entlegenen Gebieten, in denen die CMC-FDP in völliger Straflosigkeit operiert.“

EU-Sanktionen gegen Top-Kommandeur

Bereits im Juli 2024 hatte die Europäische Union den obersten Kommandeur der CMC-FDP, Dominique „Domi“ Kamanzi Ndaruhutse, mit Sanktionen belegt – wegen „Handlungen, die schwere Menschenrechtsverletzungen und Übergriffe darstellen“. Nach Erkenntnissen einer UN-Expertengruppe hat Ndaruhutse mehr als 10 Jahre lang in verschiedenen Nyatura-Gruppen gekämpft und insbesondere im Gebiet Bwito mit der FDLR kooperiert – einer bewaffneten Opposition, in deren Reihen sich auch Überreste der Interahamwe und ehemalige ruandische Soldaten befinden, die für den Völkermord 1994 verantwortlich waren.

Während Kinshasa M23-Übergriffe öffentlich verurteilt, bleiben vergleichbare Taten der vom Staat alimentierten Wazalendo-Allianz ohne Konsequenzen. „Die kongolesischen Behörden verurteilen M23-Übergriffe zu Recht, ignorieren aber ähnliche Gewalt und Verbrechen der Wazalendo, einschließlich der CMC-FDP“, so Chagutah. „Damit sanktionieren sie diese Verbrechen faktisch und entziehen sich ihrer Verantwortung, Zivilisten zu schützen und Wazalendo-Kämpfer vor Gericht zu bringen.“ Amnesty fordert die DR Kongo auf, jegliche Unterstützung für die CMC-FDP sofort einzustellen, unabhängige Ermittlungen einzuleiten und die Verantwortlichen strafrechtlich zu verfolgen.

Folgen für deutsche und europäische Lieferketten

Der Bericht ist auch für die Wirtschaft unmittelbar relevant. Nord-Kivu zählt zu den weltweit wichtigsten Förderregionen für sogenannte Konfliktmineralien – darunter Zinn, Tantal, Wolfram und Gold (3TG) sowie das für die Batterieproduktion zentrale Kobalt. Über diese Rohstoffe ist die Region eng mit globalen Lieferketten der Elektronik-, Automobil- und Verteidigungsindustrie verflochten.

Mit der seit Januar 2021 geltenden EU-Konfliktmineralien-Verordnung 2017/821, dem deutschen Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) und der EU-Lieferkettenrichtlinie CSDDD bestehen klare regulatorische Anforderungen an Importeure und nachgelagerte Unternehmen. Die CSDDD muss bis zum 26. Juli 2026 in nationales Recht umgesetzt werden – die Transpositionsfrist rückt damit unmittelbar in den Vordergrund unternehmerischer Compliance-Arbeit.

Risikomodelle auf dem Prüfstand

Die Amnesty-Erkenntnisse stellen ein zentrales Element gängiger Risikomodelle infrage. Wenn der kongolesische Staat selbst bewaffnete Gruppen mit dokumentierten Übergriffen finanziert und mit Munition versorgt, verliert das klassische Schema „staatliche Kontrolle bedeutet niedriges Risiko“ seine Plausibilität. Unternehmen, die sich allein auf staatlich ausgestellte Herkunftsnachweise oder industriegetragene Traceability-Programme wie ITSCI verlassen, riskieren erhebliche Lücken in der Sorgfaltsdokumentation.

Die OECD-Leitsätze für verantwortungsvolle Lieferketten von Mineralen aus Konflikt- und Hochrisikogebieten verlangen ausdrücklich, dass Unternehmen auch staatliche Akteure in ihre Risikoanalyse einbeziehen und Hinweisen auf Menschenrechtsverletzungen unabhängig nachgehen. Mit den dokumentierten Geldflüssen an die Wazalendo-Allianz verschiebt sich der Maßstab dessen, was als angemessene Sorgfalt im Sinne von LkSG und CSDDD gelten kann – auch dann, wenn Lieferanten formal kein direktes Geschäftsverhältnis mit dem Konfliktgebiet unterhalten, sondern erst auf vorgelagerten Stufen der Wertschöpfungskette beteiligt sind.

Quelle: UD
 

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