Gesellschaft & Politik

Afrikas Sprung muss grün sein

Äthiopiens früherer Premierminister Hailemariam Desalegn fordert in einem Essay für Dialogue Earth eine neue Generation afrikanischer Führungspersönlichkeiten, die den Kontinent durch Klimadiplomatie, erneuerbare Energien und Elektromobilität in eine grüne Zukunft steuern sollen – weg von historischen Schuldzuweisungen, hin zu interessengeleiteten Verhandlungen.

05.11.2026

Afrikas Sprung muss grün sein

Afrika ist zugleich am stärksten vom Klimawandel bedroht und besitzt das größte Potenzial für grünes Wachstum – so die zentrale These von Hailemariam Desalegn, der Äthiopien von 2012 bis 2018 als Premierminister führte und bei der Pariser Klimakonferenz 2015 als Verhandlungsführer der afrikanischen Staaten agierte. In seinem Essay für die Plattform Dialogue Earth zeichnet Desalegn das Bild eines Kontinents, der die Fehler des globalen Nordens überspringen und direkt in eine nachhaltige Entwicklung einsteigen kann.

In den kommenden 20 Jahren wird Afrikas Bevölkerung auf über zwei Milliarden Menschen wachsen, mehr als die Hälfte davon in Städten. Metropolen wie Nairobi, Dar es Salaam und Addis Abeba werden Dutzende Millionen neuer Bewohner aufnehmen müssen. Desalegn argumentiert, dass dieser Urbanisierungsschub nicht als drohende Krise, sondern als Chance begriffen werden müsse, die weltweit größte grüne Anlagenbasis aufzubauen. Der Kontinent verfüge über 60 Prozent der weltweit besten Solarressourcen, habe aber nur einen winzigen Bruchteil der globalen Photovoltaik-Kapazität installiert. „Die dringende Herausforderung besteht darin, die fossilintensiven Entwicklungspfade des globalen Nordens zu umgehen“, schreibt Desalegn.

Als Beleg für die Machbarkeit verweist er auf zwei ostafrikanische Vorreiter. Kenia hat seinen Anteil erneuerbarer Energien auf über 90 Prozent gesteigert und versorgt seine rasant wachsende Hauptstadt mit sauberem Strom aus Geothermie und Windkraft. Äthiopien wiederum weihte im vergangenen Jahr den Grand Ethiopian Renaissance Dam ein – Afrikas größtes Wasserkraftwerk und ein Signal kontinentaler Ambition. „Zusammen sind Kenia und Äthiopien eine Blaupause für die nächste Phase afrikanischer Klimaführung“, so Desalegn.

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Besonders bemerkenswert ist Äthiopiens Vorstoß in der Elektromobilität. Das Land verbot 2024 als erstes weltweit faktisch den Import von Benzin- und Dieselfahrzeugen und erzwang damit einen rapiden Übergang zum Elektroantrieb. Die Grundlagen dafür seien während seiner Amtszeit gelegt worden, betont Desalegn: die Climate-Resilient Green Economy Strategy und der Start der elektrischen Stadtbahn in Addis Abeba 2015. Heute biete Äthiopien einen Einblick, wie afrikanische Städte durch Regulierung, erneuerbare Energie und neue Infrastruktur sauberere urbane Ökonomien aufbauen könnten.

Die Finanzierung bleibt die größte Hürde. Die derzeitige globale Finanzarchitektur belege afrikanische Projekte mit überhöhten Risikoprämien, was Investitionen in erneuerbare Infrastruktur prohibitiv teuer mache. Desalegn plädiert für innovative Finanzierungsinstrumente: grüne Kommunalanleihen, öffentlich-private Partnerschaften und transparente Regulierung nach dem Vorbild von Ruandas Grünem Fonds FONERWA. Das Kigali Green City Project kombiniere klimaresilienten Wohnungsbau mit Grünflächen, Regenwassernutzung und Abfall-zu-Energie-Systemen. „Durch absolute Transparenz und rigorose Projektprüfung hat Ruanda erfolgreich internationales Kapital angezogen“, schreibt der frühere Premierminister.

Schließlich fordert er, die historische Rolle Afrikas als Rohstofflieferant zu überwinden. Der Kontinent verfüge über riesige Reserven an kritischen Mineralien für Batterien und Energiespeicher. „Das historische Paradigma, Afrikas Rohstoffe abzubauen, um wohlhabende Nationen zu versorgen, muss durch ein Modell der lokalen Wertschöpfung ersetzt werden“, so Desalegn. Der Aufbau von Verarbeitungsanlagen und Fertigungszentren auf dem Kontinent könne Millionen grüner Arbeitsplätze schaffen. Voraussetzung dafür sei die konsequente Umsetzung der Afrikanischen Kontinentalen Freihandelszone. Über den Eastern Africa Power Pool verknüpfe Äthiopiens Wasserkraft bereits Kenias Geothermie- und Windnetze – ein Modell für regionale Wertschöpfungsketten, in denen Mineralien in einem Land gefördert und in einem anderen zu Solarpanelen, Elektrobussen und Netzkomponenten verarbeitet werden.

Quelle: UD

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