Gesellschaft & Politik

Afrikas Chancen und Risiken in einer fragmentierten Weltordnung

Äthiopiens Außenminister Gedion Timothewos analysiert, wie die geopolitische Rivalität zwischen Großmächten die Entwicklungsperspektiven Subsahara-Afrikas verändert – und warum der Kontinent trotz aller Risiken über beträchtliche Hebel verfügt.

06.08.2026

Afrikas Chancen und Risiken in einer fragmentierten Weltordnung

Geopolitik verdrängt die Globalisierung als Leitprinzip der Weltwirtschaft. Wirtschaftliche Entscheidungen werden zunehmend sicherheitspolitischen Kalkülen untergeordnet, Lieferketten auf nationale Sicherheit statt auf Effizienz optimiert, Handel und kritische Ressourcen als Waffen eingesetzt. So beschreibt Gedion Timothewos, Außenminister Äthiopiens, in der Juni-Ausgabe des IWF-Magazins „Finance & Development“ die neue Realität, mit der sich afrikanische Staaten konfrontiert sehen.

Die Herausforderungen für Subsahara-Afrika sind erheblich. Die öffentliche Entwicklungshilfe sinkt und hinterlässt eine wachsende Finanzierungslücke für Entwicklung und soziale Dienste. Die Unsicherheit durch steigende Spannungen und offene Konflikte weltweit belastet Investitions- und Handelsaussichten. Das globale Wirtschaftsmodell, unter dem mehrere asiatische Volkswirtschaften durch exportorientierte Strategien industrialisiert haben, existiert nicht mehr. Für afrikanische Länder, die diesen Erfolg nachahmen wollen, wird die Anziehung von Direktinvestitionen zunehmend schwieriger.

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Gleichzeitig beobachtet Timothewos ein wachsendes Interesse an Afrikas Bodenschätzen und einen verschärften Wettbewerb um kritische Mineralien. Der Kampf um Logistikzentren und Handelsrouten veranlasse Groß- und Mittelmächte, sich aggressiv und teils souveränitätsgefährdend in afrikanische Länder einzumischen. Dieser Wettbewerb externer Akteure verschärfe Konflikte auf dem Kontinent. Der UN-Sicherheitsrat sei bei substanziellen Fragen blockiert, die Afrikanische Friedens- und Sicherheitsarchitektur zunehmend in Frage gestellt.

Doch der Außenminister sieht auch Chancen. Die verstärkte Konkurrenz zwischen Groß- und aufstrebenden Mittelmächten biete afrikanischen Staaten neue Partnerschaftsoptionen. Ihre Rohstoffvorkommen verschafften ihnen Verhandlungsmacht, um Kapital, Investitionen und Technologie zu sichern. Entscheidend sei jedoch, dass die Staaten eine klare Vorstellung davon entwickelten, was sie erreichen wollten und was sie dafür voneinander und vom Rest der Welt benötigten.

Timothewos plädiert zudem für mehr innerafrikanischen Handel und Investitionen. Mit einer wachsenden Bevölkerung, rascher Urbanisierung und technologischen Fortschritten – etwa durch Künstliche Intelligenz – bestünden erhebliche Potenziale. Sowohl der Handel im Rahmen der Afrikanischen Kontinentalen Freihandelszone als auch KI-gestützte Innovationen erforderten massive Investitionen in Infrastruktur und Energie.

Am Beispiel Äthiopiens illustriert er einen möglichen Weg: Das Land habe sein Wachstumsmodell an die neuen Realitäten angepasst, die wirtschaftlichen Standbeine diversifiziert, mutige Reformen umgesetzt und heimische Ressourcen mobilisiert. Ein zentrales Element sei die Konzentration auf erneuerbare Energien und neue Technologien als Wachstumspfeiler nachhaltiger Entwicklung. Afrikas ungenutztes Potenzial bei erneuerbaren Energien, seine junge Bevölkerung und die rasche Urbanisierung könnten eine Welle grüner Industrialisierung auslösen – sofern dies mit den richtigen politischen Maßnahmen flankiert werde.

Quelle: UD
 

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