22 Jahre Kampf, ein Gesetz – und der Sprung aus dem vierten Stock
Indonesien hat nach über zwei Jahrzehnten ein Schutzgesetz für Haushaltsarbeiterinnen verabschiedet. Doch am Tag nach der Parlamentsabstimmung sprangen zwei junge Frauen – 15 und 18 Jahre alt – aus dem vierten Stock einer Jakartaer Unterkunft, um einer ausbeuterischen Arbeitgeberin zu entkommen. Eine starb, die andere wurde schwer verletzt. Das Gesetz ist ein Fortschritt. Seine Umsetzung entscheidet, ob er ankommt.
18.06.2026
Am 21. April 2026 verabschiedete das indonesische Parlament das lang erwartete Schutzgesetz für Haushaltsarbeiterinnen – 22 Jahre nach dem Beginn der zivilgesellschaftlichen Kampagne dafür. Das Gesetz erkennt Haushaltsarbeiterinnen erstmals als formelle Arbeitnehmerinnen an, regelt ihre Arbeitsbedingungen, setzt das Mindestalter für Haushaltsarbeit auf 18 Jahre und gewährt Zugang zu Krankenversicherung, Arbeitslosengeld, Urlaub und Rentenansprüchen. Es ist ein historischer Schritt für rund 4,2 Millionen Betroffene, von denen 90 Prozent Frauen sind.
Doch bereits am Folgetag zeigte sich, wie dringend nötig der Schutz ist: Zwei Haushaltsarbeiterinnen sprangen aus dem vierten Stock ihrer Unterkunft. Eine 15-Jährige starb, eine 18-Jährige wurde schwer verletzt – beide auf der Flucht vor ihrer Arbeitgeberin. Der Fall steht nicht allein: Zwischen 2017 und 2024 wurden laut dem nationalen Netzwerk Jala PRT rund 3.300 Fälle von Gewalt und Missbrauch gegen Haushaltsarbeiterinnen dokumentiert, darunter sexuelle und körperliche Gewalt, Zwangsarbeit, Menschenhandel und Folter.
„Das Wichtigste ist jetzt die Anerkennung von Arbeitszeiten, Feiertagsvergütungen, Löhnen, freien Tagen, Unterkunft und Verpflegung sowie sozialer Absicherung – all das hat gefehlt und hält Haushaltsarbeiterinnen in Armut“, sagte Lita Anggraini, nationale Koordinatorin von Jala PRT. Das Gesetz verpflichtet die Regierung, innerhalb eines Jahres Durchführungsbestimmungen zu erlassen und Schutzstandards festzulegen. Diese Frist bestimmt, wie schnell der Schutz in der Praxis greift.
Human Rights Watch dokumentiert seit Jahren, wie Haushaltsarbeiterinnen durch ihre Isolation in Privathaushalten besonders schutzlos sind: abgeschnitten von sozialen Netzwerken, ohne Möglichkeit, Hilfe zu rufen, oft unter finanziellen oder persönlichen Drohungen zum Schweigen gebracht. Die ILO schätzte 2012, dass rund 700.000 der indonesischen Haushaltsarbeiterinnen unter 18 Jahre alt waren. Das neue Gesetz setzt nun erstmals ein verbindliches Mindestalter.
Human Rights Watch fordert eine rasche Umsetzung, klare Durchsetzungsmechanismen und sichere Meldewege für Betroffene. Zudem solle Indonesien die ILO-Konventionen Nr. 189 zum Schutz von Haushaltsarbeiterinnen und Nr. 190 gegen Gewalt und Belästigung am Arbeitsplatz ratifizieren. Das Gesetz kam nach Jahrzehnten des Drucks durch Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen. Es anzuwenden ist nun die Aufgabe, die darüber entscheidet, ob der Sprung ins 22 Jahre wartende Recht auch für jene ankommt, die weiterhin in privaten Haushalten ohne Schutz arbeiten.