Gesellschaft & Politik

20 Jahre Gender-Gap-Messung — und volle Gleichstellung bleibt 120 Jahre entfernt

Das Weltwirtschaftsforum zieht in der 20. Ausgabe seines Global Gender Gap Report Bilanz: 69,2 Prozent der globalen Geschlechterlücke sind geschlossen — ein Rekord. Doch der Fortschritt bröckelt an entscheidenden Stellen, und volle Gleichstellung liegt noch 120 Jahre entfernt. Deutschland hält Platz 9, mit Stärken in der Politik und einer bemerkenswerten Schwachstelle in der Wirtschaft.

08.10.2026

20 Jahre Gender-Gap-Messung — und volle Gleichstellung bleibt 120 Jahre entfernt

20 Jahre nach der ersten Vermessung der globalen Geschlechterlücke hat die Welt einen neuen Höchstwert erreicht: 69,2 Prozent des Gender Gap gelten als geschlossen, ein Plus von 0,4 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr. Was auf den ersten Blick wie ein Grund zum Feiern wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als fragiler Befund. Denn bei der aktuellen Geschwindigkeit dauert es noch 120 Jahre, bis Frauen und Männer weltweit gleichgestellt sind. Das zeigt der Global Gender Gap Report 2026, den das Weltwirtschaftsforum (WEF) Mitte September veröffentlicht hat.

Die Jubiläumsausgabe des Reports, der 145 Volkswirtschaften in den vier Dimensionen wirtschaftliche Teilhabe, Bildung, Gesundheit und politische Ermächtigung vergleicht, fällt mit einer klaren Warnung zusammen: „20 Jahre Daten zeigen, dass Geschlechterparität erreichbar ist. Volkswirtschaften jeder Einkommensstufe haben Fortschritte gemacht, die Hürde liegt also nicht am Mangel an Ressourcen“, sagte WEF-Geschäftsführerin Saadia Zahidi. Um den Wandel zu beschleunigen, müssten Regierungen und Arbeitgeber schneller von funktionierenden Politikansätzen lernen.

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Deutschland auf Platz 9 — stark in der Politik, schwach in der Wirtschaft

Deutschland verteidigt seinen neunten Platz im globalen Ranking mit einem Score von 81,7 Prozent, ein Plus von 1,3 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr. Damit gehört die Bundesrepublik zu den zehn Volkswirtschaften weltweit, die mindestens 80 Prozent ihrer Geschlechterlücke geschlossen haben. An der Spitze steht zum 17. Mal in Folge Island mit 93 Prozent, gefolgt von Finnland (87,2 Prozent) und Norwegen (85,7 Prozent). Sieben der zehn bestplatzierten Länder kommen aus Europa.

Deutschlands Stärke liegt in der politischen Dimension: Platz 5 weltweit, mit voller Parität auf Ministerialebene im Jahr 2026 und einem verbesserten Frauenanteil im Parlament. Über die vergangenen zwei Jahrzehnte verdankt Deutschland seinen Erfolg in dieser Kategorie allerdings fast ausschließlich der politischen Repräsentanz auf der Ebene des Staatsoberhaupts. Der wirtschaftliche Subindex dagegen bleibt eine Baustelle. Der Gender Wage Gap liegt bei 14,25 Prozent, nur 37,2 Prozent der Aufsichtsratssitze sind weiblich besetzt, und bei Unternehmen mit weiblicher Geschäftsführung erreicht Deutschland lediglich 14,2 Prozent.

Politische Ermächtigung: Größter Fortschritt, deutlichster Rückschlag

Die politische Dimension zeigt das paradoxeste Bild des gesamten Reports. Seit 2006 hat kein anderer Subindex so stark zugelegt — acht Prozentpunkte bei den durchgehend erfassten Volkswirtschaften. Im Jahr 2006 kam auf eine Ministerin 8,1 männliche Kollegen, heute liegt das Verhältnis bei 1 zu 4,3. In den Parlamenten hat sich der Frauenanteil von einem Sechstel auf rund ein Drittel erhöht.

Gleichzeitig ist die politische Ermächtigung die einzige Dimension, die sich seit 2016 rückläufig entwickelt. Im vergangenen Jahr sank der Score um weitere 0,4 Prozentpunkte. Besonders deutlich ist der Rückgang bei den Staatsoberhäuptern: Der Anteil der Länder mit einer Frau an der Spitze erreichte 2022 mit 27 Prozent einen historischen Höchststand und ist seitdem auf das Niveau von 2016 zurückgefallen. Der Report zeigt zudem, dass die reine Zahl weiblich besetzter Ministerposten zwar um 26 Prozent gegenüber 2008 gestiegen ist, aber nur jedes zehnte dieser Portfolios als einflussreich gilt — ein Anteil, der sich in fast zwei Jahrzehnten praktisch nicht verändert hat.

Gläserne Decke in der C-Suite bleibt intakt

Auch in der Privatwirtschaft stockt der Fortschritt. Daten des LinkedIn Economic Graph Research Institute zeigen, dass der Frauenanteil in der obersten Führungsebene seit 2024 bei unter 30 Prozent stagniert — und die Pipeline dahinter schrumpft. In den 16 Volkswirtschaften, für die Einstellungsdaten vorliegen, ist der Frauenanteil bei Neueinstellungen in Top-Positionen seit 2022 jedes Jahr gesunken, von 34,8 auf 32,3 Prozent in der ersten Jahreshälfte 2026.

In der C-Suite selbst werden die Verteilungsmuster besonders deutlich: Frauen besetzen 19,1 Prozent der CEO-Positionen und rund ein Viertel der CFO- und COO-Rollen, die typischerweise als Sprungbrett zur Unternehmensspitze gelten. Zwei Drittel der Chief-Human-Resources- und Chief-People-Officer-Positionen sind dagegen weiblich besetzt, während weniger als jede fünfte CIO- und weniger als jede zehnte CTO-Position auf eine Frau entfällt. Die Barriere liegt offensichtlich nicht in der Verfügbarkeit von Talenten, sondern in der Art und Weise, wie Positionen vergeben werden.

KI verstärkt die Ungleichheit

Ein neues Kapitel des Reports widmet sich dem Geschlechter-Gap in der Künstlichen Intelligenz. Die Daten sind ernüchternd: In KI-Unternehmen sind Frauen auf jeder Hierarchieebene weniger vertreten als in vergleichbaren Nicht-KI-Firmen — 36,6 gegenüber 44,8 Prozent auf der Sachbearbeiterebene, 25,3 gegenüber 27,7 Prozent im Top-Management. Innerhalb der KI-Berufe konzentrieren sich Frauen auf Datenannotation, typischerweise schlechter bezahlte Positionen, während sie nur 19,3 Prozent der KI-Ingenieure stellen. Zwar ist der Anteil weiblicher Gründerinnen mit KI-Ingenieurskompetenzen von 2,3 Prozent im Jahr 2019 auf 8,7 Prozent im ersten Halbjahr 2026 gestiegen, doch Männer bewegen sich auch hier schneller.

„Der Fortschritt bei der Geschlechterparität in Führungspositionen stagniert im vierten Jahr. Mädchen, die heute geboren werden, werden in ihrem Leben keine gleichberechtigte Vertretung an der Spitze erleben“, sagte Sue Duke, Managing Director für EMEA und Lateinamerika bei LinkedIn. Bessere Investitionen in Kompetenzen, fähigkeitsbasiertes Recruiting und die Normalisierung nicht-linearer Karrierewege seien der Hebel, um diese Entwicklung umzukehren.

Regionaler Überblick

Europa hat die Spitzenposition unter den Regionen zurückerobert und 75,7 Prozent seines Gender Gap geschlossen. Lateinamerika und die Karibik verzeichnen mit 8,6 Prozentpunkten seit 2006 den größten langfristigen Fortschritt aller Regionen. Südasien bleibt mit einem wirtschaftlichen Paritätswert von nur 40,9 Prozent das Schlusslicht bei der ökonomischen Teilhabe, hat aber den größten Bildungszugewinn aller Regionen erzielt. Die USA fielen um fünf Plätze auf Rang 47 zurück, vor allem wegen eines Rückgangs bei der Ministerinnenrepräsentanz.

Unter den größten Aufsteigern des Jahres finden sich Kenia (Platz 65, plus 33), Ghana (Platz 56, plus 32) und Guatemala (Platz 50, plus 31). Über den gesamten Messzeitraum seit 2006 haben Bolivien, Chile, Ecuador, Frankreich, Guatemala, Island, Mexiko, Namibia und Nepal jeweils mehr als zwölf Prozentpunkte ihrer Geschlechterlücke geschlossen.

Die Botschaft der Jubiläumsausgabe ist unmissverständlich: Gleichstellung ist kein Selbstläufer. Was in zwei Jahrzehnten aufgebaut wurde, kann in wenigen Jahren wieder erodieren — besonders dann, wenn der politische Wille nachlässt und neue Technologien wie KI bestehende Muster nicht aufbrechen, sondern zementieren.

Quelle: UD

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