Die Deutsche Telekom hat mit dem Telco Circularity Score ein Instrument entwickelt, das vierzehn KPIs aus Vermeidung, Sammlung, Wiederverwendung und Entsorgung in einer einzigen Kennzahl bündelt. Chief Sustainability Officer Robert Metzke erklärt, warum er den Score zuerst Investoren präsentierte, was die Lücke bei Eigenmarken-Endgeräten bedeutet und weshalb die Telekom das „Telekom“ bewusst aus dem Namen gestrichen hat.
Verantwortet als CSO die konzernweite Nachhaltigkeitsstrategie der Deutschen Telekom und berichtet direkt an den CEO. Metzke hat den Telco Circularity Score maßgeblich mitentwickelt und treibt die Positionierung des Instruments als branchenweiten Standard voran.
Anmoderation
167 Millionen Althandys liegen ungenutzt in deutschen Schubladen. Und das ist nur die sichtbare Seite eines Kreislaufproblems, das die Telco-Branche jetzt mit einer einzigen Kennzahl lösen will. Robert Metzke, Chief Sustainability Officer der Deutschen Telekom, erklärt im Gespräch mit mir, wie der Telco Circularity Score vierzehn KPIs zu einem messbaren Standard verdichtet, warum er ihn zuerst Investoren statt der Öffentlichkeit präsentiert hat und wo die Grenzen einer solchen Zahl liegen. Jetzt reinhören. Herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Sustainability to go, dem Nachhaltigkeitspodcast von UmweltDialog. Mein Name ist Elmer Lenzen und ich freue mich, dass ihr wieder dabei seid.
Heute geht es um eine Frage, die auf den ersten Blick simpel klingt, aber es in sich hat: Kann man Kreislaufwirtschaft auf eine einzige Zahl bringen? Die Telekom sagt Ja und hat dafür den Telco Circularity Score entwickelt, kurz TCS. Darüber spreche ich heute mit Robert Metzke. Er ist Chief Sustainability Officer bei der Deutschen Telekom und einer der Architekten hinter diesem Score. Herr Metzke, schön, dass Sie sich die Zeit nehmen. Willkommen bei Sustainability to go.
Robert Metzke: Herzlichen Dank, Herr Lenzen. Ich freue mich auf das Gespräch.
Elmer Lenzen: Bevor wir in den TCS einsteigen, ’ne kurze Frage: Sie sind jetzt seit einiger Zeit, seit einem Jahr, wie ich gehört hab, bei der Telekom für das große Nachhaltigkeitsthema zuständig. Was treibt Sie gerade am meisten um?
Robert Metzke: Ich bin super froh darüber zu sehen, dass das so viel Energie hat. Also wir sehen ja, die Welt ist sehr beweglich im Moment. Thema Resilienz spielt ’ne große Rolle. Sie sehen die globalen Verwerfungen, Unsicherheiten in den Lieferketten und so weiter. Und was mich bei der Telekom im Moment begeistert, ist eigentlich, dass jeden Tag deutlich wird, dass Nachhaltigkeit ’n sehr wichtigen Beitrag liefert zur Geschäftsfähigkeit, zur Zukunftsfähigkeit der Telekom. Sprechen ja später über Kreislaufwirtschaft, und ich glaube, das ist eines von diesen Themen, wo man sieht, wo Nachhaltigkeit wirklich entscheidend ist, auch für die Zukunftsfähigkeit der Industrie.
Elmer Lenzen: Jetzt hat’s ja, da muss ich aber trotzdem noch mal nachhaken bei Ihnen, auch noch mal eine organisatorische Veränderung gegeben. Sie müssen ja jetzt ab jetzt beim CEO höchstselbst rapportieren. Ändert das den Druck oder die Chancen?
Robert Metzke: Ich glaube, beides. Die Tatsache, dass sich die Deutsche Telekom einen Chief Sustainability Officer gönnt, sagt was darüber, dass das Thema einfach sehr ernst genommen wird und eben dicht am Geschäft dran ist.
Elmer Lenzen: Dann lassen Sie uns mal direkt einsteigen. Starten wir mit den Grundlagen. Der Telco Circularity Score ist noch relativ neu und für viele außerhalb der Branche ein unbeschriebenes Blatt. Deshalb zunächst mal die Basics: Was ist der Telco Circularity Score in einem Satz?
Robert Metzke: Ja, also wenn wir es ganz platt machen, dann ist es eine Abkürzung, weil der Telco Circularity Score ist ’n Steuerungs- und Messinstrument, um zu sehen, wo wir beim Thema Kreislaufwirtschaft stehen und wo wir nachbessern müssen.
Elmer Lenzen: Der TCS bündelt vierzehn KPIs in vier verschiedenen Dimensionen. Da gehen wir gleich noch mal drauf ein. Vermeidung, Sammlung, Wiederverwertung, Abfall sind die Schlagwörter.
Robert Metzke: Ja, genau, Herr Lenzen. Also was Sie beschreiben, ist ja mehr oder weniger die ganze Landschaft, ne. Im Gegensatz zu CO₂ ist ja Kreislaufwirtschaft ’n komplexes Thema, das wir versucht haben, mit diesem Telco Circularity Score einfach und zugänglich zu machen. Deshalb diese vier Bereiche. Also um mal ’ne Idee zu geben: Vermeidung. Kreislaufwirtschaft fängt ja eigentlich damit an, dass man überlegt, welche Rohstoffe man überhaupt braucht. Also wie schaffen wir es, die Produkte schon im Design so anzulegen, dass weniger Ressourcen verwendet werden? Wie viel Recyclingmaterialien oder nachwachsende Rohstoffe gehen rein? Also um Ihnen ’n Beispiel zu geben, bei dem Speedport Smart 7, also dem Router, da haben Sie zurzeit im Gehäuse neunzig Prozent Recycling-Kunststoff. Die Verpackung ist vollständig plastikfrei, und zwar aus FSC-zertifiziertem Recyclingkarton. Und solche Sachen sehen Sie dann in der Kategorie Vermeidung von nicht nachwachsenden Rohstoffen.
Der zweite Punkt, Sie sprachen es schon an: Sammlung. Wie führt man Geräte wieder zurück in den Kreislauf? Zum Beispiel Festnetzgeräte oder Mobilfunkgeräte. Im letzten Jahr 2025 haben wir siebenhunderttausend Mobilfunkgeräte zurückgenommen und beinahe fünf Millionen Festnetzgeräte. Das sind Sachen, die Sie in dieser Kategorie Sammlung sehen, in der zweiten von diesen vier Gruppen.
Der dritte ist natürlich Wiederverwendung. Da geht’s darum, wie kann man Geräte so lange wie möglich im Kreislauf behalten und wiederverwenden. Zum Beispiel achthunderttausend wiederaufbereitete Festnetzgeräte, die verkauft oder vermietet wurden. Wir haben intern in der Telekom jetzt so ’ne Art eBay, so ’n Marktplatz aufgebaut, auch für Telekom-Equipment, also für große Antennen, Netztechnik und so weiter, die systematisch im Konzern wieder zur Verfügung gestellt werden. Das sehen Sie in der dritten Kategorie Wiederverwendung.
Und der vierte Quadrant in dem Telco Circularity Score, da geht es um die fachgerechte Entsorgung. Also wie sorgen wir dafür, dass weniger Abfall überhaupt anfällt und so viel wie möglich davon recycelt wird? Also denken Sie zum Beispiel an das Thema Elektroschrott, dass das nur an zertifizierte Recyclingunternehmen geht und eben nichts auf der Deponie landet. Damit haben Sie ’ne relativ komplette Übersicht über das ganze Gebiet.
Elmer Lenzen: Vorgestellt haben Sie den TCS, hab ich gelesen, zuerst beim Capital Markets Day 2024, also bei ’ner Investorenveranstaltung. War das strategisch so gedacht, Kreislaufwirtschaft als Business Case, weg auch so ’n bisschen vom klassischen Umweltthema?
Robert Metzke: Also ganz bestimmt, und gleichzeitig ganz pragmatisch, irgendwo muss man ja anfangen. Also die Frage hinter der Frage vielleicht ist, ist das denn relevant für Investoren? Ja, das ist super relevant für Investoren. Wir hatten ja bei der Einleitung schon ganz kurz über Geopolitik gesprochen. Viele von diesen Rohstoffen, die wir brauchen, sind sehr stark lokalisiert und konzentriert, auch in Asien zum Beispiel. Oder wenn Sie sich die Preise von Chips angucken, Flash-Speicherpreise sind zum Teil im letzten Jahr mit über siebzig Prozent pro Quartal gestiegen. Das sind Sachen, über die sich Investoren durchaus Sorgen machen oder zumindest starkes Interesse zeigen. Das heißt, dass wir das Thema Kreislaufwirtschaft vorantreiben und bis 2030 weitgehend kreislauffahig sein wollen, ist ’n starkes Signal, dass wir investieren in unsere Resilienz und damit eigentlich auch in die Zukunftsfähigkeit des Standorts Deutschland.
Elmer Lenzen: Das Besondere, so hab ich verstanden, ist ja, dass Sie das versuchen, zu einer Zahl zusammenzuführen. Weil man könnte ja sagen, okay, das eine sind Kilo, das andere sind Einzelgeräte. Also man hat ja natürlich für all diese Dimensionen, auch der Kreislaufwirtschaft, je nachdem, über welches Produkt man redet, Zahlen. Aber das sozusagen zu kondensieren, da gehen wir gleich auch noch mal im Detail drauf ein, ist, finde ich, so etwas, das die Uniqueness ausmacht. Und zugleich hab ich mich gefragt: Also das ist so ’ne weitere Metrik in einer Welt, die ja schon voller ESG-Zahlen ist, ne. Also da sind wir ja jetzt nicht arm dran, und deshalb: War das etwas, das die Branche braucht?
Robert Metzke: Ja, unbedingt. Also ist ’n Riesenpotenzial und ’ne Notwendigkeit. Wir hatten ja schon kurz drüber gesprochen, warum kümmern wir uns überhaupt um das Thema Kreislaufwirtschaft. Um das vielleicht noch mal global einzuordnen, nicht nur für die Telekom-Branche: So im Mittel werden im Jahr 100 Gigatonnen Rohstoffe gewonnen. Davon werden weniger als 5 % recycelt. Das heißt, der Rest geht weg oder wird auf eine Art und Weise in Deponien gekippt, die für zukünftige Generationen nicht mehr erschließbar sind. Die Rohstoffgewinnung hat sich verdreifacht in den letzten Jahrzehnten. Die Prognosen gehen weitere 60 % bis 2050. Das geht nicht. Es wird keine Digitalisierung geben ohne diese Rohstoffe, ohne die Bewegung zur Kreislaufwirtschaft. Und Sie wissen ja, letzten Endes wird nur gemanagt, was auch gemessen werden kann. Sie haben selber, Herr Lenzen, ja das Thema KPI-Inflation angesprochen, sozusagen. Es gibt wahnsinnig viele Messgrößen. Das heißt, wenn wir jetzt da 25 weitere Messgrößen in den Markt gekippt hätten, dann geht das einfach unter im Rauschen. Genau das war ja die Idee, um zu sagen, wir fassen das jetzt mal zusammen. Jeder kennt aus der Ökonomie oder aus der Tagesschau den Begriff Kerninflation oder Kaufkraftentwicklung. Das sind ja durchaus komplexe Sachverhalte, die in einer einzelnen Zahl zusammengefasst werden, oder Bruttoinlandsprodukt oder so was. Da steht ja eine wahnsinnige Komplexität dahinter, aber es wird trotzdem anfassbar für den Ottonormalverbraucher. Man kann’s in ’ner Tagesschau kommentieren, man kann auch steuern und messen und es gibt eine Signalwirkung von dieser einen Zahl, ne. Und das ist die Idee auch bei diesem Körbchen, das wir gebaut haben zum Thema Kreislaufwirtschaft, dem Telco Circularity Score, als eine Zahl, aber mit ’ner sehr starken Signalwirkung, wo sehr viel unten drunter hängt.
Elmer Lenzen: Jetzt wird’s einordnend. Ich hab mir gedacht, das erinnert mich ja natürlich im ersten Moment total an diesen CO₂-Fußabdruck, ne. Da hat auch sozusagen diese eine Währung, CO₂-Äquivalente, die es eben so herrlich vergleichbar macht und auch steuerbar macht. Das ist spannend. Allerdings hat auch diese Parallele ihre Grenzen, glaube ich. Aber noch mal zu der einen Zahl: Was geht eigentlich bei so ’ner Verdichtung auf eine Zahl verloren? Kann ein starker Wert in einer Dimension, wir haben vorhin über die vier Dimensionen gesprochen, die Schwächen in einer anderen kaschieren? Das ist ja mit 25 % relativ mathematisch der Kuchen aufgeteilt. Oder kann man ähnlich wie bei CO₂ ein Offset für ausbleibende echte Reduktionen betreiben? Oder wie kann ich mir das vorstellen?
Robert Metzke: Ja, das ist eigentlich nicht die Idee natürlich. Also ich glaube, man hat zumindest wie beim Weihnachtsbaum oder beim Eisberg, Sie sehen eben die Spitze sozusagen zunächst erst mal und dann kommt da noch ’ne Menge drunter. Und deshalb reden wir auch über den Score und die Scorecard, die wie so ’n Radarschirm ist. Wir haben das ja auch grafisch aufbereitet und natürlich schauen wir bei der Steuerung nicht nur auf den einen Top-Wert, sondern zum Beispiel auf die vier Kategorien darunter und so weiter. Jetzt können Sie natürlich ’ne lange Diskussion haben, intern und extern, ob man die verschiedenen Bereiche, die einzahlen auf diese eine Zahl, anders gewichten sollte, herausvergrößern, abwichten, aufwerten und so weiter. Ich glaube, das führt uns weg von der eigentlichen Frage: Was wollen wir erreichen? Und es geht erst mal um ’ne Signalwirkung, um ’ne Übersicht.
Elmer Lenzen: CO₂ funktioniert ja branchenübergreifend, weil Emissionen überall gleich sind. Und bei Kreislaufwirtschaft stell ich mir das etwas heterogener vor. Rohstoffe und Produktzyklen unterscheiden sich fundamental, was weiß ich, in der Telekommunikationsbranche, Automobil, Textil, da würden wir ja schon Äpfel mit Birnen vergleichen. Sie haben ja auch bei dem TCS bewusst keinen Anspruch auf Universalität gelegt, sondern gesagt, das ist ’ne Blaupause für Ihre Branche.
Robert Metzke: Ja, genau, das ist der Ansatz. Es gibt sicherlich globale Anstrengungen, parallel zum Greenhouse Gas Protocol auch so was wie ein Global Circularity Protocol aufzubauen. Da ist zum Beispiel der World Business Council dran und verschiedene andere. Das verfolgen wir sehr genau. Aber wir haben gesagt, wir müssen jetzt erst mal schnell Meter machen und vorankommen in der Branche und haben deshalb genau diesen Telco Circularity Score aufgelegt, mit der Idee, praxisnah relevant für uns, uns fokussierend auf die spezifischen Herausforderungen, Materialströme, die wir in der Branche kennen und die vergleichbar zu machen, sodass man auch sieht, was bewegt sich, was bewegt sich nicht, wo können wir lernen.
Elmer Lenzen: Jetzt sind Sie ja in der Branche mit dem Thema vorangegangen, haben das jetzt aufgesetzt und erprobt. Das haben andere nicht. Wollen Sie das jetzt eifersüchtig bewachen und sagen: „Hier, mein Vorteil“, oder im Gegenteil, ist das dann vielleicht sogar ’ne Idee, das zu übertragen und zum Branchenstandard zu machen?
Robert Metzke: Ganz genau. Also wir teilen das sehr gerne. Wir haben das auch schon geteilt und vorgestellt. Nächste Woche ist zum Beispiel ein branchenübergreifendes Treffen von [JAC]. Das sind 80 Telco-Unternehmen weltweit, Europa, Amerika, Australien. Genau da bringen wir solche Ideen mit ein. Ich glaube, wenn man leading sein will in irgendeinem Gebiet, dann lässt sich das daran messen, ob einem Leute auch folgen. Und Leute können einem nur folgen, wenn man auch darüber redet, wo man hinwill und wenn man ’ne gemeinsame Vision entwickelt. Also wir haben das ganz bewusst als Entwurf mitgenommen, bringen das in diese Branchenvereinigungen auch mit ein, aber mit der Idee von: Guckt mal, das machen wir. Ihr habt wahrscheinlich ähnliche Probleme. Lass uns einfach mal drüber reden und gucken, wie wir uns gegenseitig helfen können. Und von den Besten lernen. Das ist genau der Ansatz vom Telco Circularity Score. Es war übrigens, Anekdote am Rande: Wir hatten das natürlich intern als Telekom Circularity Score entwickelt, völlig klar, und haben ganz bewusst das „Telekom“ da drin fallen lassen, eben weil wir uns auch nicht selber ein Mausoleum bauen wollen, sondern ’ne Einladung zum Gespräch eigentlich anbieten, ja.
Elmer Lenzen: Jetzt ist es ja so: Seit der EmpCo stehen selbstgebastelte Label in der Kritik. Wie ist das eigentlich mit so ’nem Score? Wird der von außen testiert, validiert und wie gehen Sie damit um? Weil kritische Augen könnten natürlich sagen: „Ach guck mal, die haben sich da ein System geschaffen, wo vielleicht auch ein tolles Ergebnis hinten rauskommt.“
Robert Metzke: Ja, das ist ’ne sehr gute Frage. Die EmpCo ist da, schützt die Konsumenten vor unberechtigten Claims. Der Telco Circularity Score ist ja überhaupt nicht entwickelt worden mit der Idee, irgendwas zu claimen. Es ist ja kein Marketing- oder Kommunikationsinstrument, es ist ein Steuerungsinstrument. Also das zum Ersten. Zum Zweiten: Wir haben das Ding gebaut, weil wir was verändern wollen. Nicht, weil wir uns gegenseitig auf die Schultern klopfen wollen und uns ausruhen auf dem Stand, wo wir heute sind. Das heißt, wir haben ein Interesse daran, das Ding so weiterzugestalten, dass man auch sieht, wo die Hebel und die Anknüpfungspunkte sind. Dritter Punkt: Wir werden das auch im Rahmen des Sustainability Statements veröffentlichen, und damit läuft es sowieso durch den Wirtschaftsprüfer, der sich nicht nur die Methodik, sondern auch die unterliegenden Zahlen anguckt. Und die Zahlen, die kommen ja aus unseren ERP-Systemen, aus der Kernsteuerung des Geschäftes. Also es geht hier um Transparenz, Zuverlässigkeit und wirkliche Einsichten, um verändern zu können.
Elmer Lenzen: Dann nehmen Sie mich mal mit in den Maschinenraum. Lassen Sie uns mal tief reinsteigen in diese vier Dimensionen. Fangen wir mit Avoidance an. Wie gesagt, haben wir vorhin drüber gesprochen. Find ich eigentlich spannend, sozusagen bei einem Kreislaufmodell gar nicht mit Recycling, sondern mit Vermeidung eigentlich anzufangen, aber sehr gute Begründung von Ihnen. Ich habe mir im Vorfeld ein paar Zahlen zusammensuchen lassen und da geht’s dann darum, dass bei den Endgeräten inzwischen etwa 50 % nach Nachhaltigkeitskriterien geprüft sind. Bei Verpackungen sind’s 100 %, das ist super. Aber bei diesen Marken, Sie haben sie ja eigentlich selber unter Kontrolle. Deshalb heißt es ja Eigenmarke. Was bedeutet diese Lücke der 50 % Ungeprüften?
Robert Metzke: Das ist natürlich genau der Punkt. Deshalb haben wir ja diesen Score gebaut, um so was zu sehen. Toll, dass Ihnen das auch auffällt. Dann funktioniert das offensichtlich. Also was, wenn wir überall auf 100 % wären, dann hätten wir natürlich nichts mehr zu tun. Das heißt, für mich zeigt das die Steuerungsfähigkeit hier. Was natürlich noch nicht drin ist und wo wir Möglichkeiten sehen, ist, wenn wir uns ältere Modelle angucken im Router-Portfolio, zum Beispiel in europäischen Natcos, die sind noch nicht alle durch das Green Magenta Assessment gelaufen und haben zum Beispiel kein TÜV Green Label und so weiter. Also da ist noch Hubraum. Die andere Sache hatten wir vorhin kurz angesprochen, auch bei der Entwicklung von neuen Geräten. Da geht’s natürlich darum, das systematisch von Anfang an mit zu integrieren und mitzugestalten. Also das sind genau die Hebel, wo wir dran sind. Bei den Festnetzgeräten sind wir natürlich schon ziemlich weit und wir werden einfach auch jetzt systematisch die Ansätze, die wir da entwickelt haben, in den Mobilendgeräte-Markt für die Eigengeräte, zum Beispiel das T Phone, jetzt übertragen.
Elmer Lenzen: Der zweite Bereich ist Sammlung, und jetzt wird’s heikel. Also ich oute mich mal: Ich hab irgendwo sogar noch so ein altes D1-Handy, so ’nen Knochen, rumliegen. Das find ich so nostalgisch, dass ich es natürlich auch nicht abgeben werde, aber tatsächlich ist das natürlich ein strukturelles Problem, das man auch nicht wegdiskutieren kann. Also sobald die Geräte verkauft sind, gehören sie nun mal den Kunden und zur Rückgabe kann niemand verpflichtet werden. Und zur Zahl hier mal wieder: Laut Bitkom liegen 167 Millionen Althandys ungenutzt in deutschen Haushalten. Wie wollen Sie eigentlich diesen Hebel — also Sie sagten, Zahlen, die man hat, kann man dann auch steuern — aber wie wollen Sie das eigentlich, das Thema Sammlung verbessern? Weil Kampagnen und Aufrufe für „Althandys abgeben“ gab’s ja jetzt schon reichlich. Trotzdem prallen sie an der Trägheit der Leute wie mir ab.
Robert Metzke: Na ja, Sie sind ja Mensch, so wie ich auch. Und insofern, das Problem, das Sie beschreiben, hat ja auch was mit Psychologie zu tun. Ne, also Sie sagten 167 Millionen Handys laut Bitkom. Es gibt Studien, die sagen, eigentlich hat jeder von uns wahrscheinlich zwei bis fünf Handys irgendwo in der Sockenlade zu liegen. Wie kommt man da ran? Das ist genau die Kernfrage, wenn’s um diese Mobilgeräte geht. Wir machen verschiedene Sachen zu dem Thema. Also zunächst erst mal gibt’s natürlich das Thema Ankaufbonus. Also Sie können Ihr Gerät zurückbringen und wir schauen, ob’s noch was wert ist. Das wird dann im Preis mit eingerechnet für Ihr Altgerät. Die zweite Schiene ist wirklich so ’ne Art Rückgabedeal. Das funktioniert so ähnlich wie beim Autoleasen. Also Sie haben niedrigere monatliche Kosten und am Ende können Sie als Kunde entscheiden, ob Sie das Gerät zu einer vorab vereinbarten Endrate kaufen können oder eben zurückgeben. Und in dem Fall wird es aufbereitet und weiter benutzt. Ich glaube, der dritte Ansatz, der sich auch bewährt, ist das Handysammelcenter. In Deutschland haben wir zusammen mit externen Dienstleistern ein Handysammelcenter aufgebaut, um gebrauchte Handys einzusammeln. 2025, also im letzten Jahr, haben wir über 66.000 Altgeräte auf diese Art und Weise zurückbekommen und das Verfahren und dieser Ansatz hat ’nen Blauen Engel gekriegt. Und für jedes zurückgegebene Gerät, das der Kooperationspartner dann einsammelt, gehen auch Geldbeträge an Umwelt- und Sozialprojekte der Partner. Das sind so die drei größeren Hebel und Sie haben eben völlig recht: Es ist nicht nur eine Technologiefrage, sondern es ist auch ’ne Frage: Wie bringt man’s an den Kunden? Wie erzeugt man Aufklärung? Und ich bin mir ganz sicher, dass unser Podcast hier heute auch wieder ’n positiven Effekt hat, ob die Leute noch mal zu Hause ihre Sockenladen durchgucken und den Weg in den Telekom-Shop finden.
Elmer Lenzen: Genau, weil es ist ja so ’n bisschen das Nadelöhr. Wenn man’s nicht gesammelt hat, kann man’s natürlich auch nicht recyceln und da sind wir eigentlich schon beim Thema Wiederverwendung. Und da hatten wir kürzlich einen spannenden Podcast auch, da kam auch die Telekom vor, dass beispielsweise die Rechner, die im Haus genutzt werden und dann irgendwann mal sozusagen ausgemustert werden, bei der Belegschaft wahnsinnig beliebt sind, dass sie sagen: „Ey, die will ich aber wiederhaben.“ Und manche sagen sogar: „Ich mach ’n Aufkleber drauf, damit ich den wiedererkenne.“ Nützt nix, wird dann später abgeknibbelt. Aber das zeigt natürlich tatsächlich, dass die Geräte ja durchaus auch noch funktionieren können und sollten. Es sind jetzt nicht nur Notebooks, nicht nur Mobilgeräte, sondern wir reden ja teilweise auch von technischem Equipment wie Sendemasten und was man alles noch braucht, das wissen Sie viel besser. Was ist da eigentlich von beidem der größere Hebel für den TCS, die Endgeräte oder die Netztechnik?
Robert Metzke: Ja, es sind beides superwichtige Gebiete, glaub ich. Die würd ich gar nicht gegeneinander abwägen wollen. Und das Interessante ist eben, dass der Telco Circularity Score uns die Möglichkeit gibt, spezifisch in beide Gebiete reinzugucken und die Komplexität offenzulegen, ne. Und also Sie haben ja selber diesen schönen Podcast gemacht mit Alexander Freudenberg. Also ich glaube, das ist ein Gebiet, aber Sie haben ja ganz andere Herausforderungen, wenn’s um Netztechnik geht. Also wir haben für Netztechnik zum Beispiel diesen internen Marktplatz gebaut, mit dem wir unseren Kollegen in den anderen Natcos außerhalb von Deutschland zum Beispiel dann wieder Netztechnik zur Verfügung stellen können zu deutlich besseren Preisen oder auch in Zeiten, wo manchmal Teile überhaupt nicht ranzuschaffen sind. Eben, wir hatten über Chip Shortage gesprochen und so weiter. Solche Sachen werden sichtbar und setzen sich durch und skalieren, wenn man so ’n Messinstrument wie den Telco Circularity Score aufsetzt. Also ich würd gar nicht sagen, deshalb kann man sich verlieren in Diskussionen, was sollte mehr gewichtet werden. Haben wir ganz bewusst nicht gemacht. Wir haben gesagt, alle diese — wir schneiden diese Torte in gleich große Stücke und eben auch wegen der Nichtvergleichbarkeit zum Teil. Aber es geht darum, das Gesamtbild zu sehen und steuern zu können und die Trends verfolgen zu können und voneinander zu lernen.
Elmer Lenzen: Beim Thema Abfall, das ist die letzte Dimension. Abfall klingt immer so nach „kann ich nix mehr mit anfangen“, was ja gar nicht der Fall ist, sondern da erwähnen Sie zu Recht, dass natürlich viele Edelmetalle, seltene Erden et cetera darin sind und dass das ja heutzutage auch ’ne wachsende strategische Bedeutung hat in einer Welt, wo wir jeden Tag weniger Freunde haben. Und ich hab da mal wieder ’ne Zahl rausgesucht und das fand ich ganz spannend und da wollt ich Sie mal fragen. Und zwar Kupferkabelrecycling, großes Thema. Mining nennt sich das dann immer so schön neudeutsch. Da wurden im letzten Jahr 1.200 Tonnen nicht nur der Telekom, sondern überhaupt zurückgewonnen und das sind über Jahre hinweg viele, viele Tonnen. Jetzt wird ja über Glasfaser gebaut. Dafür braucht man ja dann kein Kupfer mehr. Versiegen dann auch so Recyclingströme oder wie wird das dann ersetzt?
Robert Metzke: Also vielleicht zwei Gedanken zu dem Thema. Zum Ersten: Genau, danke, dass Sie das Thema Abfall auch angesprochen haben. Sie kennen diesen schönen Spruch: Es gibt gar keinen Abfall, es gibt nur Ressourcen am falschen Ort. Und ich glaube, genau darum geht’s und die Technologieverschiebung von Kupfer auf Glasfaser hat natürlich sehr viele Auswirkungen, bis hin zum Datendurchsatz, Energieeffizienz und so weiter. Wir bauen ja nicht absichtlich Technologien, die mehr Abfall erzeugen, sodass wir in der Scorecard ein gutes Resultat erzeugen. Das wäre ja das Pferd hinter den Wagen spannen. Insofern, ich glaube, was viel wichtiger ist, und das sieht man in dem Score, ist die Recyclingrate. Also von dem Kupfer, das in der Erde liegt, wie viel kommt raus? Wie viel können wir wiederverwenden und neuen Bestimmungen zuführen? Seit 2018 haben wir 23.000 Tonnen Kupferkabel schon auf die Art und Weise wieder in den Kreislauf mit reingeführt. Und um das mal bildlich zu machen, das wär so ungefähr das Gewicht von drei Eiffelturmen. Also das sind wirklich große Mengen und natürlich wird das irgendwann weniger werden, aber das ist ja kein Grund, ’ne Technologie weiterzufahren, weil, wie gesagt, also wir bauen nicht, um Abfall zu erzeugen, sondern es geht darum, Ressourcen so effizient wie möglich zu verwenden.
Elmer Lenzen: Jetzt sind wir durch die einzelnen Dimensionen durchgegangen, haben auch mal Beispiele gewonnen. Jetzt aggregieren wir das mal nach oben. Also Sie haben das ja schon mal durchgerechnet. Welche Zahl kam dabei raus und wo stehen Sie da aus Ihrer Sicht?
Robert Metzke: Ja, also das ist ’n bisschen der Ausblick. Wo stehen wir? Was sind die Herausforderungen? Ich glaube, es gibt einige Gebiete, wie zum Beispiel die Erhöhung der Zirkularität in der Netztechnik und genau die Steigerung der Rücklaufquote von Mobiltelefonen, wo wir uns sehr drauf fokussieren, jetzt schon und auch in den nächsten Jahren. Ich glaube, da sind viele Herausforderungen. Andere Gebiete, wie zum Beispiel Reduzierung von Verpackungsgewicht und das Verwenden von nachwachsenden Rohstoffen für Verpackungen, Plastic Free Packaging und solche Sachen, da sind wir schon sehr weit auch im Verhältnis zu anderen, ja.
Elmer Lenzen: Sie stehen sehr gut da. Jetzt denken wir mal an die Zukunft, 2030 oder 35, wann auch immer. Und dann kommen Sie vielleicht zum Ergebnis, dass Sie nahezu vollständig kreislauffahig sind. Dann hat sich das Ding doch eigentlich überlebt, ne?
Robert Metzke: Ja, das ist wie mit vielen Sachen im Leben. Also ich würd ja sagen, man braucht auch keine Nachhaltigkeitsabteilung. Wenn jeder im Konzern weiß, wo wir hinwollen, dann können wir uns anderen Aufgaben widmen. Also es ist ja auch hier, denk ich — aber, let’s be honest, das ist wishful thinking. Ich glaube, man muss einfach in der Komplexität von großen Organisationen ’ne saubere Steuerungslogik haben auf alle Sachen, die einem wichtig sind. Und das ist — ich bin zuversichtlich, dass wir in 2030 sehr viel weiter sind, sehr viel weiter sein müssen und viel lernen auf dem Weg dahin. Aber natürlich muss man so was einfach sichtbar machen und sichtbar halten. Das ist einfach ’n ganz normaler Teil vom Management. Ich mein, es ist ja nicht so, dass die doppelte Buchhaltung oder die EBITDA-Kennzahlen abgeschafft worden sind, bloß weil’s mal zwei Quartale gut ging.
Elmer Lenzen: Herr Metzke, vielen Dank für diese Einblicke. Der TCS zeigt, Kreislaufwirtschaft lässt sich messen und der Weg von der Kennzahl zum Branchenstandard ist vielleicht viel kürzer, als wir alle denken. Das war die Folge 48 von Sustainability to go. Wenn euch die Folge gefallen hat, abonniert sie auf unseren gängigen Podcast-Plattformen oder besucht uns auf umweltdialog.de für vertiefende Artikel und Hintergründe zu diesem Thema. Bis zum nächsten Mal. Ich bin Elmer Lenzen und freu mich auf euch. Tschüss.
Sustainability to go ist der Podcast von UmweltDialog zu ESG, Regulatorik und Strategie.
Moderiert von Dr. Elmer Lenzen · Seit 2021 · Über 45 Folgen
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