Regulatorik

Wenn KI das Reporting übernimmt: Was wird aus Europas Nachhaltigkeitsberatungen?

Mehr als 30.000 Menschen arbeiten in Europas Nachhaltigkeitsberatungen – und bis zu zwei Drittel von ihnen sind mit Berichtsarbeit beschäftigt. Eine neue Analyse des niederländischen Datenspezialisten biotiq zeigt: Künstliche Intelligenz könnte diese Arbeit bis 2030 dreimal so effizient machen. Verbunden mit dem EU-Omnibus-Paket, das die CSRD-Pflicht drastisch einschränkt, steht die Branche vor einer doppelten Disruption.

21.10.2026

Wenn KI das Reporting übernimmt: Was wird aus Europas Nachhaltigkeitsberatungen?

3.159 Beratungen, eine unbequeme Frage

Michiel Kemmer, Gründer von biotiq, hat zwischen Mai und Juli 2026 insgesamt 3.159 Nachhaltigkeitsberatungen in 32 europäischen Ländern kartiert und ihre Dienstleistungen klassifiziert. Das Ergebnis: Von den 2.527 Firmen, deren Angebot sich zuordnen ließ, verkaufen 51 Prozent ESG-Strategie und Reporting, 34 Prozent CO₂-Bilanzierung und 31 Prozent CSRD- bzw. ESRS-Dienstleistungen. Rund vier von fünf Beratungen bieten mindestens eine Form von Berichts- oder Messdienstleistung an.

Kemmers Rechnung ist einfach, aber wirkungsvoll: Wenn etwa 65 Prozent der 30.000 Beschäftigten im Reporting arbeiten und KI diese Arbeit dreimal so effizient macht, bräuchten bei gleichbleibender Nachfrage rund 13.000 von ihnen neue Aufgaben. Selbst bei einer Verdopplung der Nachfrage wären es noch 6.500.

Anzeige

Omnibus verschärft das Problem

Die EU-Omnibus-Richtlinie begrenzt die CSRD-Berichtspflicht ab dem Geschäftsjahr 2027 auf Unternehmen mit mehr als 1.000 Beschäftigten und über 450 Millionen Euro Umsatz. Für die deutlich größere Zahl mittelgroßer Unternehmen tritt der freiwillige Voluntary Standard (VS) an die Stelle verpflichtender Berichterstattung. Damit schrumpft der Markt, der bislang das Wachstum der Beratungsbranche getrieben hat.

Kenneth Van den Bergh, Mitgründer der CO₂-Bilanzierungsplattform Carbon+Alt+Delete, schätzt, dass derzeit höchstens 10 Prozent der mittelständischen Unternehmen ihren CO₂-Fußabdruck systematisch erfassen. Langfristig erwartet er 70 bis 80 Prozent – allerdings eher nach 2030 als davor. Ob der Markt schnell genug wächst, um die durch KI freigesetzten Kapazitäten aufzufangen, ist offen.

Drei Wege nach vorn

Kemmer sieht für Nachhaltigkeitsberater drei Entwicklungsrichtungen, wenn das klassische Reporting an Bedeutung verliert:

Erstens die Kontrollfunktion: Berater prüfen, was KI-Systeme produzieren, und verkaufen die Gewissheit, dass die Zahlen stimmen. Robin Dierckx, Gründer von open-climate.ai, argumentiert, dass die Bewertung der Datenqualität die eigentliche Kompetenz sei – und dass diese Aufgabe nicht verschwinde, sondern sich verändere.

Zweitens der Schwenk zum physischen Risiko: Beratungen helfen Unternehmen zu verstehen, wie Überschwemmungen, Dürren, Hitze und Waldbrände ihre Standorte und Lieferketten bedrohen. Hannes Matt, Berliner Geodaten-Experte und Startup-Berater, erwartet, dass ESG mittelfristig im Risikomanagement aufgeht.

Drittens die physische Wirkung: Berater setzen reale Projekte um – von Lieferkettenprogrammen bis zu Wasser- und Landnutzungsprojekten. Beth Thayne, Produktexpertin aus dem Climate-Tech-Bereich, kritisiert, dass die Branche ausgerechnet die Datenerhebung als ihre wertvollste Leistung verkauft habe, obwohl sie die einfachste sei.

Das Versprechen – und der Zynismus

Kemmers These enthält ein optimistisches Versprechen: Wenn Berichterstattung günstiger wird, könnte das Geld für die Risiken freimachen, die heute niemand angeht. Doch er selbst räumt ein, dass er „etwas zynisch“ sei, ob das tatsächlich passiere.

Tatsächlich deuten aktuelle Entwicklungen darauf hin, dass die Risikolücke eher wächst als schrumpft. Ein kürzlich veröffentlichtes anonymes Memo europäischer Versicherungsexperten, publiziert von der britischen Organisation InsideTrack, warnt, dass Versicherer Klimarisikomodelle intern systematisch nach unten korrigieren ließen – um das Geschäft nicht zu gefährden. Parallel dazu beziffert die europäische Versicherungsaufsicht EIOPA die Versicherungsquote bei Naturkatastrophenschäden in der EU auf lediglich 25 Prozent.

Wenn also Nachhaltigkeitsberater künftig physische Risiken adressieren sollen, treffen sie auf einen Markt, in dem selbst die Versicherungsbranche die eigenen Modelle nicht ernst nimmt. Die Frage ist nicht nur, ob Berater den Schwenk schaffen – sondern ob ihre künftigen Kunden bereit sind, für Antworten zu bezahlen, die unbequem sind.

Quelle: UD

Redaktioneller Hinweis zur Transparenz: In unserer redaktionellen Arbeit nutzen wir KI-gestützte Werkzeuge – unter anderem für Recherche, Texterstellung, Lektorat, SEO-Optimierung, Zusammenfassungen, Übersetzungen und Social-Media-Beiträge. Die redaktionelle Verantwortung für alle Inhalte liegt bei UmweltDialog. Bei eingereichten Gastbeiträgen kann KI ebenfalls zum Einsatz gekommen sein.

 

Related Posts

Newsletter

Unsere Verantwortung/Mitgliedschaften

Logo
Serverlabel
The Global Compact
Englisch
Gold Community
Caring for Climate

© macondo publishing GmbH
  Alle Rechte vorbehalten.

 
Lasche