Was Banken von Unternehmen verlangen, müssen sie jetzt selbst liefern
Jahrelang haben Banken von ihren Firmenkunden CSRD-Daten und Taxonomie-Kennzahlen eingefordert. Jetzt kehrt sich der Spieß um: Neue EBA-Leitlinien und eine überarbeitete MaRisk verpflichten die Institute selbst zu belastbarem ESG-Risikomanagement – und die Aufsicht hat bereits erhebliche Lücken bei Vorstand und Management identifiziert.
05.10.2026
Es ist eine Frage, die kein Institut öffentlich stellen kann, ohne sich selbst zu belasten: Wie ernst nimmt eine Bank die Nachhaltigkeitsanforderungen, die sie tagtäglich von ihren Firmenkunden einfordert, eigentlich für sich selbst? Mit den neuen ESG-Risikoleitlinien der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde EBA wird diese Frage 2026 zur aufsichtsrechtlichen Pflichtübung.
Wie unterschiedlich der Reifegrad in der Branche bereits ist, zeigt ein Blick auf drei Institute, die im Nachhaltigkeitsgeschäft selbst als Vorreiter gelten. Die staatliche Förderbank KfW betreibt ihr Green-Bond-Programm bereits seit 2014 und hat im ersten Quartal 2026 die Marke von 100 Milliarden Euro kumuliertem grünem Emissionsvolumen überschritten. Für das laufende Jahr plant die KfW bis zu 15 Milliarden Euro an „Green Bonds – Made by KfW“ und hebt ihr gesamtes Refinanzierungsziel auf bis zu 85 Milliarden Euro an. „Wir haben im ersten Halbjahr abermals gezeigt, dass wir auch in einem von Unsicherheit geprägten Marktumfeld große Volumina verlässlich platzieren können“, sagt Tim Armbruster, Treasurer der KfW Bankengruppe – ein Satz, der zeigt, wie selbstverständlich grüne Refinanzierung für die Förderbank inzwischen zum Kerngeschäft gehört, mehr als ein Jahrzehnt bevor die EBA-Leitlinien überhaupt formuliert wurden.
Bei der Deutschen Bank zeigt sich dagegen, wie sehr sich die interne Kategorisierung von Nachhaltigkeitsfinanzierung gerade selbst im Umbruch befindet. Das Institut meldete für das zweite Quartal 2026 mit 31 Milliarden Euro an nachhaltigen und transitionsbezogenen Finanzierungen das stärkste Quartal seit über vier Jahren, ein Plus von 11 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Zum Anfang Januar 2026 hat die Bank zudem ein eigenes Transition Finance Framework eingeführt, das Transaktionen erstmals systematisch als „transitionsbezogen“ statt nur als „nachhaltig“ einstuft. „Mit unserem neuen Transition Finance Framework können wir Kapital in großem Umfang für Technologien mobilisieren, die Emissionen senken sowie die Resilienz unserer Kunden stärken – und das auf Basis klarer und transparenter Kriterien“, erklärt Jörg Eigendorf, Chief Sustainability Officer der Deutschen Bank. Bemerkenswert daran: Die Bank definiert ihre eigene „Transition“-Kategorie in genau dem Moment, in dem die EU auf Fondsebene über eine offizielle SFDR-Kategorie mit demselben Namen streitet. Ob private Bank-Frameworks und künftiges EU-Recht am Ende zusammenpassen oder die Fragmentierung des Marktes eher vergrößern, ist offen.
Auch ING gehört zu den Instituten, an denen sich der neue Anspruch messen lassen muss – und zu jenen, die ihn schon länger vor sich hertragen. Die Bank hat 2017 mit einem Kredit an Philips weltweit den ersten Sustainability-linked Loan überhaupt vergeben, bei dem sich der Zins nach dem Erreichen vorab vereinbarter Nachhaltigkeitsziele richtet. Im ersten Quartal 2026 mobilisierte ING im Konzern 33,7 Milliarden Euro an nachhaltiger Finanzierung, ein Plus von 11 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal; allein die Sustainability-linked Loans stellten davon den größten Anteil. Im Firmenkundengeschäft hat sich ING zudem verpflichtet, ab 2027 jährlich 150 Milliarden Euro an Finanzierungen zu mobilisieren, die den Übergang ihrer Kunden zu nachhaltigeren Geschäftsmodellen unterstützen. Bei Heidelberg Materials etwa tritt die Bank nicht nur als Kreditgeberin auf, sondern auch als sogenannter Sustainability Target Agent, der prüft, ob vereinbarte CO₂-Reduktionsziele tatsächlich eingehalten werden – eine Kontrollfunktion, die der Prüflogik, die die EBA-Leitlinien nun von den Instituten selbst verlangen, bemerkenswert ähnlich ist.
Die DZ Bank wiederum zeigt, wie die neuen Pflichten in der Fläche ankommen: Als Zentralinstitut für mehr als 700 Genossenschaftsbanken begleitete sie 2025 grüne, soziale und nachhaltige Transaktionen mit einem Gesamtvolumen von rund 23,4 Milliarden Euro und finanziert seit Mitte der 1990er-Jahre gemeinsam mit den Volksbanken und Raiffeisenbanken vor Ort Windkraft- und Photovoltaikanlagen. Genau über diesen Kanal wird die EBA-Leitlinie ab 2027 auch kleine, oft ehrenamtlich mitgeführte Institute erreichen, die bislang selten eigene ESG-Risikoabteilungen hatten.
Der eigentliche Stresstest der neuen Vorschriften findet also nicht bei den Green-Bond-erfahrenen Großinstituten statt, sondern bei den mehreren hundert kleinen und mittleren Häusern, die erst jetzt beginnen, ESG-Risiken systematisch in ihre Governance einzubauen. Die Aufsicht hat die Kompetenzlücke selbst benannt. Für Firmenkunden, die künftig noch genauer nach ihrer CO₂-Bilanz gefragt werden, lohnt sich daher ein Blick zurück: Die Bank, die diese Fragen stellt, muss ab sofort dieselben beantworten können.
Hintergrund
Die Leitlinien EBA/GL/2025/01 gelten seit dem 11. Januar 2026 für alle direkt durch die EZB beaufsichtigten Institute, für kleine und nicht komplexe Institute (SNCI) – also viele Sparkassen und Genossenschaftsbanken – greifen sie spätestens ab dem 11. Januar 2027. In Deutschland flankiert die neunte MaRisk-Novelle diese Vorgabe: Sie macht verbindliche ESG-Risikopläne auch für weniger bedeutende Institute (LSIs) zur Pflicht. Parallel hat die EZB ihre Aufsichtsstrategie für 2026 bis 2028 bestätigt und Klima- sowie Naturrisiken explizit zur ersten Priorität erklärt – noch vor operationeller Resilienz und IT-Sicherheit. Aus eigener Prüfungserfahrung berichtet die Aufsicht, dass viele Institute bei der strategischen und operativen ESG-Planung auf Vorstands- und Managementebene noch erhebliche Schwächen aufweisen – ein Befund, der die neuen Pflichten weniger wie einen Formalismus und mehr wie eine überfällige Korrektur erscheinen lässt.
Quelle: UD
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