Warum die Ökobilanz allein nicht reicht: Kiwa prüft jetzt auch vor Ort
Seit die neue EU-Bauproduktenverordnung gilt, darf Kiwa als notifizierte Stelle auch die ökologische Nachhaltigkeit von Bauprodukten prüfen – inklusive Erstinspektion im Werk. Raoul Mancke, Global Lead Business Sector Sustainability Services bei Kiwa, erklärt im Interview, warum eine Ökobilanz am Schreibtisch allein nicht ausreicht, was Vor-Ort-Audits ans Licht bringen, das reine Dokumentenprüfungen übersehen, und wo die Grenzen der EPD als Beleg gegen Greenwashing liegen.
07.10.2026
Mit der neuen Bauproduktenverordnung darf Kiwa als notifizierte Stelle nun auch die ökologische Nachhaltigkeit von Bauprodukten bewerten – im System 3+ inklusive einer Erstinspektion des Herstellungsbetriebs, die bei vielen bisherigen freiwilligen EPD-Verifizierungen nicht vorgesehen war. Im Interview erläutert Raoul Mancke, warum diese Vor-Ort-Prüfung nötig ist, obwohl eine Ökobilanz methodisch korrekt berechnet sein kann: Erst der Werksbesuch zeigt, ob Rohstoffe, Energieverbräuche und Produktionsmengen tatsächlich so erfasst werden, wie es das Ökobilanzmodell unterstellt. Anhand eines Beispiels aus der Prüfpraxis – eine im Ökobilanzmodell nicht berücksichtigte Metalllegierung, die bei einem Lieferantenaudit auffiel – macht er deutlich, welchen Unterschied die Kombination aus Dokumenten- und Vor-Ort-Prüfung macht. Bei Herstellern, die etwa mit CO₂-reduziertem Zement oder Recyclinganteil werben, gleicht Kiwa Lieferscheine, Rezepturen, Massenbilanzen und Chargenrückverfolgung mit dem Ökobilanzmodell ab und bringt dabei auch technische Expertise ein. Mit Blick auf die EmpCo-Richtlinie ordnet Mancke schließlich ein, warum die unabhängig verifizierte EPD zwar ein wichtiger Baustein gegen Greenwashing ist, aber weder ein Nachhaltigkeitssiegel noch ein Ersatz für die Prüfung eines konkreten Green Claims.
Herr Mancke, Kiwa ist als notifizierte Stelle unter der neuen Bauproduktenverordnung zugelassen, auch für die ökologische Nachhaltigkeit von Bauprodukten. Was bedeutet diese Zulassung konkret: Welche Prüfungen dürfen Sie jetzt durchführen, und was ändert sich damit für Hersteller, die bisher eine freiwillige EPD hatten?
Kiwa ist bereits seit vielen Jahren in einer Vielzahl von EU-Ländern als notifizierte Stelle nach der bisherigen Bauproduktenverordnung tätig und bewertet technische Produktmerkmale sowie die werkseigene Produktionskontrolle. Diese Kompetenz haben wir nun unter der neuen Bauproduktenverordnung auf die ökologische Nachhaltigkeit erweitert. Im neuen System 3+ validieren wir im Sinne der Bewertung der ökologischen Nachhaltigkeit unter anderem die Eingangsdaten, Annahmen und Bewertungsverfahren, die Bewertung des Herstellers sowie die korrekte Anwendung der vorgesehenen Software; hinzu kommt eine Erstinspektion des Herstellungsbetriebs zur Validierung der unternehmensspezifischen Daten. Für manche Hersteller ist insbesondere diese Erstinspektion neu, da sie bei vielen bisherigen freiwilligen EPD-Verifizierungen nicht Bestandteil des Verfahrens war. Bestehende EPDs können dabei eine wichtige Grundlage bilden, die Umweltinformationen müssen für die jeweils erfassten Produktgruppen jedoch die regulatorischen Anforderungen erfüllen, bevor sie in die Leistungs- und Konformitätserklärung, die sogenannte DoPC, einfließen können.
Die Verordnung sieht bei bestimmten Produkten eine Erstinspektion des Werks und der werkseigenen Produktionskontrolle durch eine notifizierte Stelle vor. Warum reicht es nicht, eine Ökobilanz am Schreibtisch zu prüfen? Was sieht man nur vor Ort?
Eine Ökobilanz kann methodisch korrekt berechnet sein und dennoch auf Eingangsdaten beruhen, die nicht vollständig mit der tatsächlichen Produktion übereinstimmen. Eine Inspektion soll die Qualität erhöhen, so lässt sich belastbarer nachvollziehen, wie Rohstoffe, Energieverbräuche und Produktionsmengen erfasst werden, welche Prozesse tatsächlich stattfinden und wie die werkseigene Produktionskontrolle umgesetzt wird. Deshalb verlangt das System 3+ ausdrücklich eine Erstinspektion des Herstellungsbetriebs, um die Zuverlässigkeit der verwendeten unternehmensspezifischen Daten zu validieren. Das System ist sowohl im Zusammenhang mit harmonisierten technischen Spezifikationen als auch nach der „EOTA Route“ mit Europäischen Bewertungsdokumenten für Produkte außerhalb des Anwendungsbereichs harmonisierter Normen relevant. Kiwa verbindet dabei seine Erfahrung als EPD-Programmbetreiber mit der langjährigen Praxis technischer Werksinspektionen und kann auf bestehende Inspektionsstrukturen in zahlreichen europäischen und außereuropäischen Ländern zurückgreifen.
Aus dem EHS-Bereich weiß man, dass Audits vor Ort viel mehr zutage fördern als Dokumentenprüfungen. Welche Erfahrungen aus Ihrer Prüfpraxis lassen sich auf die EPD-Verifizierung übertragen? Haben Sie ein Beispiel, bei dem erst der Werksbesuch die entscheidende Nachfrage ausgelöst hat?
Unsere Erfahrung zeigt: Dokumente beschreiben den vorgesehenen Prozess, während der Werksbesuch dabei hilft, die tatsächliche Umsetzung und die Herkunft der verwendeten Daten nachzuvollziehen. Wie bei anderen Validierungs- und Verifizierungstätigkeiten arbeiten wir dabei auf Grundlage der ISO/IEC 17029 mit einem risikobasierten Ansatz, um relevante Prozesse und Datenquellen gezielt zu analysieren und die Inspektion wirksam und effizient durchzuführen. Bei einem Lieferantenaudit außerhalb der EU fanden wir beispielsweise im Lager Komponenten mit einer speziellen Metalllegierung, die im zugrunde liegenden Ökobilanzmodell nicht angemessen berücksichtigt worden war, obwohl sie wesentlichen Einfluss auf bestimmte Umweltwirkungskategorien hatte. Diese Abweichung führte schließlich zu einer Anpassung der Ökobilanzberechnung. Genau solche Abweichungen können Vor-Ort-Inspektionen sichtbar machen, indem Angaben aus Produktion, Einkauf und Qualitätsmanagement mit betrieblichen Aufzeichnungen, tatsächlich eingesetzten Materialien und dem Ökobilanzmodell abgeglichen werden.
Nehmen wir einen Hersteller, der mit CO₂-reduziertem Zement oder Recyclinganteil wirbt. Wie prüfen Sie stichprobenartig, ob die deklarierten Materialien tatsächlich eingesetzt werden? Geht es um Lieferscheine, Rezepturen, Chargenrückverfolgung oder Probenahme?
Im Regelfall kombinieren wir mehrere Nachweise, darunter Lieferscheine, Einkaufs- und Lieferantendaten, Rezepturen, Massenbilanzen, Produktionsaufzeichnungen sowie die Chargen- und Materialrückverfolgung. Bei einem CO₂-reduzierten Zement analysieren wir zunächst, welche Eingangsdaten, Materialien und Prozesse das Ökobilanzergebnis wesentlich beeinflussen, und prüfen anschließend, ob Art und Menge der eingesetzten Ausgangsstoffe mit Rezeptur, Materialeingang, Produktionsdaten und Ökobilanzmodell übereinstimmen.
Dabei ist die Verbindung von ökologischer und technischer Expertise besonders wertvoll: Eine Rezeptur muss nicht nur ökobilanziell plausibel sein, sondern auch ein technisch funktionsfähiges Produkt mit der erklärten Leistung ergeben. Erscheinen einzelne Rezeptur- oder Leistungsparameter aus technischer Sicht nicht plausibel, ist dies für uns ein Anlass, die zugrunde liegenden Daten, Annahmen und Systemgrenzen gezielt zu hinterfragen. Kiwa kann dafür auf die Erfahrung seiner technischen Fachleute und Bauproduktlabore zurückgreifen und technische sowie ökologische Prüfungen, soweit Prüfumfang und regulatorische Anforderungen dies zulassen, kombiniert durchführen.
Die EmpCo-Richtlinie verlangt, dass Nachhaltigkeitssiegel auf unabhängiger Drittprüfung beruhen. Wird die verifizierte EPD damit zum zentralen Beleg gegen Greenwashing am Bau, und wo liegen ihre Grenzen?
Eine unabhängig verifizierte EPD kann eine zentrale Nachweisgrundlage für konkrete Umweltaussagen gegenüber Endverbrauchern sein, weil sie quantifizierte Umweltdaten nach standardisierten Ökobilanzmethoden transparent und nachvollziehbar bereitstellt. Sie ist jedoch selbst weder ein Nachhaltigkeitssiegel noch ein Green Claim und belegt daher nicht pauschal, dass ein Produkt „grün“, „nachhaltig“ oder im konkreten Bauvorhaben die umweltfreundlichste Lösung ist. Bewirbt ein Hersteller wie in dem Beispiel aus der vorherigen Frage einen Zement als „CO₂-reduziert“, kann die EPD die hierfür relevanten Emissionsdaten liefern, die konkrete Aussage benötigt jedoch zusätzlich einen eindeutigen Vergleichsmaßstab, objektive und unabhängig überprüfbare Kriterien sowie eine einheitliche Methodik und vergleichbare Annahmen. Hinzu kommt, dass sich viele Bauprodukte in ihren ökologischen Eigenschaften erst im konkreten Anwendungskontext einordnen lassen, sodass unter anderem Funktion, Einsatzmenge, Lebensdauer, Instandhaltung und Austauschzyklen berücksichtigt werden müssen. Die EPD ist damit ein wichtiger Baustein gegen Greenwashing, ersetzt aber weder die unabhängige Prüfung eines konkreten Claims noch die Bewertung des Produkts auf Bauwerksebene.
Vielen Dank für das Gespräch!
Quelle: UD
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