Versicherungsexperten warnen: Branche verschleiert systematisch Klimarisiken
Führende europäische Versicherungs- und Rückversicherungsexperten erheben in einem anonymen Memo schwere Vorwürfe gegen die eigene Branche. Demnach werden Katastrophenmodellierer und Aktuare intern unter Druck gesetzt, Klimaprognosen nach unten zu korrigieren – um das Geschäft nicht zu gefährden. Die Verfasser warnen vor einem systemischen Risiko, das in seiner Tragweite an die Finanzkrise 2008 erinnere.
02.11.2026
Das von der britischen Organisation InsideTrack veröffentlichte Memo stammt von erfahrenen Fachleuten aus dem britischen und europäischen Versicherungssektor, die aus Sorge vor beruflichen Konsequenzen anonym bleiben. Ihr zentraler Befund: Die Branche reagiere auf wachsende Klimarisiken nicht mit mehr Transparenz, sondern mit weniger. Statt Kunden und Regierungen auf die veränderte Risikolage vorzubereiten, werde die Kommunikation nach außen eingeschränkt.
Prognosen auf Wunsch gekürzt
Besonders brisant ist der Vorwurf, dass in einigen Häusern die Ergebnisse der hauseigenen Risikomodellierung gezielt geschönt würden. Wörtlich heißt es in dem Memo: Katastrophenmodellierer und Aktuare würden gebeten, „zukünftige Prognosen zu kürzen oder die Zahlen zu reduzieren, um keine Bedenken zu verursachen und weiterhin Deals abzuschließen“. Das Kalkül sei kurzfristig nachvollziehbar, langfristig aber brandgefährlich – sowohl für die Versicherten als auch für die Finanzstabilität insgesamt.
Parallele zur Finanzkrise 2008
Die Verfasser ziehen eine explizite Parallele zur Subprime-Krise: Wenn Klimarisiken systematisch unterbewertet würden und die Zahl nicht versicherbarer Immobilien steige, könne sich dies „in ähnlicher Weise manifestieren“ wie die hypothekengetriebene Finanzkrise. Betroffen wären vor allem Küstenregionen, landwirtschaftlich geprägte Gebiete, Bergregionen und waldbrandgefährdete Zonen – also ein erheblicher Teil des europäischen Immobilienbestands.
Schutzlücke wächst
Die Warnung der Insider deckt sich mit offiziellen Zahlen. EIOPA-Vorsitzende Petra Hielkema wies erst im April 2026 darauf hin, dass in der EU über die vergangenen Jahrzehnte nur rund 25 Prozent der Schäden durch Naturkatastrophen versichert waren. Eine Eurobarometer-Erhebung von 2025 ergab, dass lediglich 17 Prozent der Befragten eine Elementarschadenversicherung besitzen. Jedes der vergangenen vier Jahre zählt laut EIOPA zu den fünf schadenreichsten in Europa seit 1980. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft warnte zudem, dass sich die Wohngebäudeversicherungsprämien innerhalb eines Jahrzehnts verdoppeln könnten.
„Historische Daten allein sind kein verlässlicher Indikator mehr für künftige Schäden“, so Hielkema. EIOPA und die Europäische Zentralbank schlagen deshalb ein Zwei-Säulen-Modell vor: eine öffentlich-private EU-Rückversicherung sowie einen europäischen Katastrophenfonds.
Branche wird „insularer“
Die anonymen Verfasser des InsideTrack-Memos kritisieren, dass die Branche in einer Phase steigender Risiken „insularer“ werde, statt Regierungen und Öffentlichkeit auf die Folgen vorzubereiten. „Unsere Branche lebt von Umfeldern, in denen Risiken relativ vorhersehbar sind“, heißt es im Memo. Dieses Umfeld verändere sich gerade fundamental – und der Rückzug aus der Deckung habe bereits begonnen. „Dieser Prozess wird sich nun beschleunigen.“
Für Unternehmen, die sich auf ihre Versicherungsdeckung als Teil des eigenen Risikomanagements verlassen, ist das eine unbequeme Botschaft. Die Frage, ob ein Standort, eine Lieferkette oder eine Produktionsstätte auch in zehn Jahren noch versicherbar ist, gehört damit auf die strategische Agenda – weit über die Compliance-Abteilung hinaus.
Quelle: UD
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