Regulatorik

Taxonomie: Vier Jahre später — weiterhin dieselbe Frage

„Doing well by doing good“ war Anfang der 2020er-Jahre ein Konferenz-Refrain, gestützt auf akademische Studien zur Korrelation von Nachhaltigkeit und Anlageerfolg. Dann kamen der Ukraine-Krieg, der Rohstoffboom und die politische Gegenbewegung. Vier Jahre später — mit neuen Konflikten im Nahen Osten — ist die Frage nach dem Verhältnis von Nachhaltigkeit und Rendite so umstritten wie eh und je. Ein Podcast-Gespräch ordnet die Debatte neu.

09.09.2026

Taxonomie: Vier Jahre später — weiterhin dieselbe Frage

Grundlage ist eine aktuelle Episode des Responsible Investor Podcast. Editorin Lucy Fitzgeorge-Parker spricht darin mit Jason Mitchell, Chief Investment Officer für Responsible Investment bei Man Group, einem der weltweit größten börsennotierten alternativen Investment-Manager mit rund 175 Milliarden US-Dollar verwaltetem Vermögen. Der Titel greift bewusst die alte These auf — und stellt sie in Frage.

Die Ausgangslage: Bis etwa 2022 galt in weiten Teilen der Investment-Community, dass ESG-integrierte Portfolios langfristig marktkonforme oder überlegene Renditen liefern. Einflussreiche akademische Studien und Metaanalysen stützten die These, dass Unternehmen mit besserer ESG-Performance auch finanziell nachhaltiger abschneiden.

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Dann kam der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine im Februar 2022. „Schmutzige“ und kritische Sektoren wie Energie und Verteidigung erlebten einen Kursaufschwung, während viele ESG-orientierte Fonds durch Ausschlusskriterien unterrepräsentiert waren, wie der Responsible Investor Podcast in seiner Anmoderation zusammenfasst. Nachhaltigkeit begann in dieser Phase, „wie eine Bremse auf Renditen auszusehen“.

Parallel geriet ESG als Anlagelogik unter politischen Beschuss. Rechte Kommentatoren in den USA argumentierten, ESG-Kriterien widersprächen der treuhänderischen Pflicht von Vermögensverwaltern gegenüber ihren Anlegern („fiduciary duty“). Mehrere US-Bundesstaaten haben in der Folge Regelungen erlassen, die staatliche Pensionsfonds vom Einsatz von ESG-Kriterien ausschließen. Der Rückzug einiger US-Assetmanager aus der Net-Zero Asset Managers Initiative im Jahr 2025 markierte den vorläufigen Höhepunkt dieser Gegenbewegung.

Der Podcast diskutiert vier Fragen, die für die kommende Diskussion prägend werden dürften. Erstens: Welche Performance-Implikationen haben rein exklusive Strategien im Vergleich zu integrativen Ansätzen, die ESG-Faktoren in die Bewertung einpreisen, ohne ganze Sektoren pauschal auszuschließen? Zweitens: Wie lassen sich quantitative Methoden nutzen, um aus Klimadaten und anderen nicht-finanziellen Informationen Handelssignale zu generieren? Drittens: Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz künftig bei der Verarbeitung von ESG-Daten und der Portfolio-Konstruktion? Und viertens: Wie könnte ESG „entpolitisiert“ werden, also aus dem parteipolitischen Grabenkampf herausgeholt und wieder als Risikofaktor unter anderen behandelt?

Für die europäische Nachhaltigkeitsberichterstattung ist die Debatte mehr als ein Detail der Anlagepraxis. Wenn ESG als Renditekiller wahrgenommen wird, sinkt der ökonomische Druck auf Unternehmen, CSRD-taugliche Daten zu liefern. Wird ESG dagegen als Frühwarnindikator für Transitions-, Reputations- und Rechtsrisiken betrachtet, steigt der Wert präziser Berichterstattung. Die von der EU im Omnibus-Paket vollzogenen Schwellenwertanhebungen und die Verschiebung des CSDDD-Anwendungsstarts auf 2029 verändern nur die formalen Adressaten. Die materielle Frage, ob und wie ESG-Daten in Anlage- und Kreditentscheidungen einfließen, entscheidet sich in Analysen wie den bei Man Group verfolgten Modellen.

Der Podcast liefert keine finale Antwort. Er markiert einen Zwischenstand: Nach zwei Jahren dominanter Gegennarrative kehrt die akademische und praktische Debatte zurück zu einer nüchterneren Betrachtung. Der Punkt ist nicht mehr „ESG generiert Alpha“ oder „ESG kostet Rendite“, sondern welche ESG-Datenpunkte in welchem Zeithorizont mit welchen Renditekomponenten korrelieren — und welche nicht. Für Emittenten heißt das: Wer ESG-Kennzahlen liefert, muss zunehmend erklären können, warum diese finanziell relevant sind. Für Fondsanbieter: Wer ESG einpreist, muss zeigen können, warum es sich rechnet. Damit rückt die Diskussion näher an das, was CSRD und ESRS mit der doppelten Wesentlichkeitsanalyse konzeptionell schon angelegt haben.

Quelle: UD

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