Regulatorik

Rohstoffe als Entwicklungs-Motor, nicht als Falle

UNCTAD-Sprecher Pedro Manuel Moreno hat bei einer hochrangigen Konferenz zu kritischen Energiewende-Mineralien im UN-Hauptquartier in New York eine klare Botschaft gesetzt: Die globale Energiewende muss zum Treiber nachhaltiger Entwicklung für rohstoffreiche Entwicklungsländer werden — und darf sich nicht als „Wiederholung vergangener extraktiver Modelle“ abspielen. Kupfer, Lithium, Nickel, Kobalt und Seltene Erden sind das strategische Fundament der Netto-Null-Ökonomie. Die entscheidende Frage: Wie kommen sie in Europa an — und unter welchen Bedingungen?

03.09.2026

Rohstoffe als Entwicklungs-Motor, nicht als Falle

Teil 2 der UD-Serie „Rohstoff-Sorgfalt vor CSDDD“.

Pedro Manuel Moreno, kommissarischer Generalsekretär von UNCTAD, sprach (vgl. Mitteilung der UN-Handels- und Entwicklungsorganisation UNCTAD) auf der Hochrangigen UN-Konferenz zu kritischen Energiewende-Mineralien in New York. Sein Kernargument: „Da Investitionen in saubere Energietechnologien beschleunigen, stehen produzierende Länder vor wachsenden Herausforderungen durch volatile Märkte, konzentrierte Lieferketten sowie die ökologischen und sozialen Auswirkungen des Abbaus.“ Die Bewältigung dieser Herausforderungen erfordere stärkere internationale Kooperation und mehr Unterstützung für die betroffenen Länder.

Der Hintergrund der Debatte ist quantitativ eindrucksvoll. Nach Prognosen der Internationalen Energieagentur (IEA) und der UN-Wirtschaftskommission für Afrika wird der globale Bedarf an Mineralien wie Kupfer, Lithium, Nickel und Kobalt in den kommenden 25 Jahren um das Sechsfache steigen. Afrika hält rund zwei Drittel der weltweiten Kobalt-Reserven, etwa 10 Prozent des Kupfers, 30 Prozent des Lithiums und 15 Prozent der Seltenen Erden. Chile und Australien liefern Lithium, die Demokratische Republik Kongo Kobalt, Indonesien Nickel. Ein UN-Panel unter Leitung des damaligen Generalsekretärs António Guterres hatte 2024 sieben Leitprinzipien und fünf Handlungsempfehlungen formuliert — Kern-Fragestellung: Wie sichern rohstoffreiche Entwicklungsländer eine faire wirtschaftliche Beteiligung an einer Nachfrageexplosion, die primär von Käufern in Industriestaaten getrieben wird?

Anzeige

Der neue Vorstoß setzt auf die von den Vereinten Nationen 2024 gegründete Task Force zu kritischen Energiewende-Mineralien und deren Untergruppen. Moreno hob den Fortschritt hervor: technische Arbeit an Wertschöpfung, Rückverfolgbarkeit, handwerklichem und kleinformatigem Bergbau, ökologischen Altlasten und Kreislaufwirtschaft. Ergänzend werde die Task Force ein „Country Support Mechanism“ ausrollen, der internationale Verpflichtungen in konkrete Umsetzung vor Ort übersetzt. Bis Ende 2026 sollen zwei Wissensprodukte veröffentlicht werden: eine globale Bewertung der Handelspolitiken entlang kritischer Mineralienwertschöpfungsketten sowie eine Studie zu Kreislaufwirtschafts-Ansätzen in denselben Ketten.

Die politische Ansage der UNCTAD ist unmissverständlich. Rohstoffreiche Entwicklungsländer müssen „größere Wertschöpfung durch Verarbeitung, Fertigung und wirtschaftliche Diversifizierung“ erfassen, statt sich auf Rohextraktion zu beschränken. Das ist mehr als eine ökonomische Kalkulation; es ist eine strukturelle Absage an das koloniale Extraktionsmuster. UNCTAD-Generalsekretärin Rebeca Grynspan hatte bereits 2024 betont: „Jetzt ist die Zeit, kritische Energiewende-Mineralien zu nutzen, um das internationale Handelsregime zu aktualisieren, strukturelle Diversifizierung zu fördern und die Welle der Rohstoffabhängigkeit endgültig zu wenden.“

Die politischen Rahmenbedingungen sind komplex. China dominiert die Verarbeitungsstufen kritischer Mineralien — bei Seltenen Erden zu über 80 Prozent, bei Lithium- und Kobalt-Raffinerien zu jeweils über der Hälfte. Die USA reagieren mit Executive Orders zur Rohstoffsicherung und einer Reihe forcierender Vorstöße von Alaska bis Amerikanisch-Samoa (siehe Teil 1 der Serie). Die EU setzt auf den Critical Raw Materials Act (CRMA), der bis 2030 verlangt, dass mindestens 10 Prozent des jährlichen europäischen Verbrauchs strategischer Rohstoffe innerhalb der EU abgebaut, mindestens 40 Prozent verarbeitet und mindestens 25 Prozent aus Recycling stammen. Zugleich sollen höchstens 65 Prozent des jährlichen Verbrauchs aus einem einzelnen Drittland kommen. Der Mittelstand ist damit von zwei Seiten unter Druck: einerseits diversifizieren, andererseits Sorgfalt in immer intransparenteren Ketten wahren (siehe Teil 3 der Serie zu Myanmar).

Genau hier verzahnt sich die UNCTAD-Argumentation mit europäischer Regulatorik. Die Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD, RL 2024/1760) verlangt ab Ende Juli 2027 von großen EU-Unternehmen eine risikobasierte Sorgfalt entlang der gesamten Aktivitätskette („chain of activities“) — Umwelt- ebenso wie Menschenrechtsrisiken, ausdrücklich einschließlich der Rechte indigener Gemeinschaften (Anhang I). Die EU-Batterieverordnung (VO 2023/1542) legt Sorgfaltspflichten für Kobalt, Lithium, Nickel und natürliche Grafite fest. Der deutsche Mittelstand kennt die Logik bereits aus dem LkSG. Neu ist die Perspektive der UNCTAD: Sorgfalt ist nicht nur Risikomanagement des Käufers, sondern kann ein Hebel für lokale Wertschöpfung sein, wenn Unternehmen aktiv Vorleistungen in den Herkunftsländern beziehen. Für ESRS-Berichterstattung nach Standard S3 („Betroffene Gemeinschaften“) bedeutet das eine zusätzliche Anforderung: nicht nur Schäden vermeiden, sondern positive Beiträge dokumentieren.

Für Unternehmen und Investoren entsteht damit ein doppeltes Signal. Die klassische Extraktionslogik des 20. Jahrhunderts — abbauen, verschiffen, verarbeiten anderswo — wird auf der institutionellen UN-Ebene nicht länger als tragfähig behandelt. Und die EU-Regulierung folgt dieser Logik: Wer heute in Rohstoffprojekte investiert, muss sich mit Fragen der lokalen Wertschöpfung, ökologischer Sanierung, indigener Rechte und Kreislauffähigkeit auseinandersetzen. Für Beobachter der Rohstoffmärkte markiert die UN-Konferenz vom 14. Juli 2026 den Beginn einer politischen Verschiebung, deren wirtschaftliche Konsequenzen in den kommenden Jahren erst sichtbar werden.

Was das für berichtspflichtige Unternehmen heißt

CSDDD, EU-Batterieverordnung und CRMA schaffen zusammen einen neuen Rechtsrahmen für kritische Mineralien. Sorgfalt beschränkt sich nicht mehr auf den Ausschluss verbotener Herkünfte; sie erfordert positive Beiträge zur Wertschöpfung im Herkunftsland und die Dokumentation dieser Beiträge (ESRS S3 „Betroffene Gemeinschaften“). Wer seine Rohstoffstrategie allein auf Diversifizierung ausrichtet, ohne die soziale Dimension mitzudenken, verfehlt Anforderungen an CSRD-Transitionspläne.

Quelle: UD
 

Related Posts

Newsletter

Unsere Verantwortung/Mitgliedschaften

Logo
Serverlabel
The Global Compact
Englisch
Gold Community
Caring for Climate

© macondo publishing GmbH
  Alle Rechte vorbehalten.

 
Lasche