Regulatorik

Rechenzentren im Visier der Klimaklagen: Grantham-Report 2026 markiert neuen Trend

Die globale Welle der Klimaklagen erfasst eine neue Branche: Rechenzentren. Der aktuelle Snapshot-Report des Grantham Research Institute an der London School of Economics zählt für 2025 mehr als 50 strategische klimaorientierte Verfahren gegen Unternehmen in 62 Ländern. Ein britischer Präzedenzfall in Buckinghamshire zeigt, wie KI-Infrastruktur zum juristischen Risikofaktor wird – mit Folgen für Big Tech und Investoren.

12.08.2026

Rechenzentren im Visier der Klimaklagen: Grantham-Report 2026 markiert neuen Trend

Der jährlich erscheinende Bericht „Global Trends in Climate Change Litigation“ des Grantham Research Institute zeichnet eine erkennbare Verschiebung: Hatten sich Klimaklagen über Jahre vor allem gegen fossile Energieunternehmen, Banken und Staaten gerichtet, rücken nun auch Betreiber und Genehmigungsbehörden von Hyperscale-Rechenzentren ins Fadenkreuz. Verfahren wurden 2025 in 62 Ländern registriert, vor zehn Jahren waren es noch 17. Allein in den USA wurden 151 neue Fälle gezählt – Gesamtstand: 2.078. Über 50 strategisch motivierte Klimaverfahren richteten sich 2025 unmittelbar gegen Unternehmen, darunter zunehmend Akteure aus den Sektoren Finanzdienstleistungen, Verkehr, Immobilien und Konsumgüter.

Anzeige

Der Buckinghamshire-Präzedenzfall

Ein britischer Vorgang gilt unter Juristen inzwischen als Schablone. Im Juli 2024 hatte die damalige Vize-Premierministerin Angela Rayner gegen das Votum des Buckinghamshire Council ein 90 Megawatt-Hyperscale-Rechenzentrum in Woodlands Park (Iver) genehmigt. Die Klima-NGO Global Action Plan und die digitale Bürgerrechtsorganisation Foxglove reichten im August 2025 Klage ein. Der zentrale Vorwurf: Die Genehmigung sei ohne vollwertige Umweltverträglichkeitsprüfung erteilt worden, obwohl der Energiebedarf erheblich sei. Im Januar 2026 räumte die Regierung in einem Schreiben an das Gericht einen „schwerwiegenden logischen Fehler“ ein – die Genehmigung wurde aufgehoben.

Sonja Graham, Geschäftsführerin von Global Action Plan, ordnet das Urteil so ein: „Wir brauchen dringend strikte, rechtsverbindliche Umweltstandards für alle neuen Rechenzentren – damit die Gewinne von Big Tech nicht durch immer höhere CO₂-Emissionen oder Energierechnungen für Haushalte erkauft werden.“ Rosa Curling von Foxglove fordert „strikte rechtliche Vorgaben mit Biss“ und eine verpflichtende Umweltprüfung als Standard für jedes neue Rechenzentrum.

Strom, Wasser, Dieselgeneratoren

Die juristische Auseinandersetzung berührt drei Hebel, die Investoren und Aufsichtsräten in den kommenden Quartalen Sorgen bereiten dürften. Erstens: der Stromhunger. Ein einziges geplantes Rechenzentrum im Nordosten Englands soll laut Global Action Plan so viel CO₂ ausstoßen wie der Flughafen Birmingham. Zweitens: der Wasserverbrauch. Ein Projekt in Northumberland habe in den Antragsunterlagen lediglich den Kühlungsbedarf des Recyclingsystems angegeben, nicht aber das Wasser für die zusätzliche Energieerzeugung – die tatsächliche Verbrauchskurve liege rund Faktor 50 höher. Drittens: Dieselgeneratoren als Notstromreserve, deren regelmäßige Testläufe Emissionen und Luftschadstoffe erzeugen, die in den Verfahren oft unterschätzt würden.

Politische Linie versus Rechtsrahmen

Die Konfliktlinie verläuft inzwischen quer zur Wachstumspolitik vieler Regierungen. London hat im Januar 2025 sogenannte „AI Growth Zones“ ausgerufen, in denen Genehmigungsverfahren beschleunigt und Netzanschlüsse priorisiert werden sollen. Die Buckinghamshire-Entscheidung zeigt jedoch, dass diese politische Vorfahrt geltende Umweltprüfpflichten rechtlich nicht aushebelt. Der Grantham-Report beobachtet zudem einen Wandel im Klägermuster: Verstärkt treten inzwischen auch Versicherungsunternehmen als Anspruchsteller gegen Staaten auf, um klimabezogene finanzielle Verluste zurückzufordern – ein Hinweis darauf, dass die Litigation-Welle die Bilanzen ganzer Branchen erreicht.

Was Unternehmen jetzt tun sollten

Für ESG-Verantwortliche in Konzernen, Banken und Cloud-Anbietern ergibt sich daraus eine doppelte Hausaufgabe. Erstens müssen Klimazusagen rechtsverbindlich sein und sich in Planungsdokumenten wiederfinden – schwammige Bekenntnisse zum „Climate Neutral Data Centre Pact“ oder Greenwashing-Floskeln werden von Gerichten zunehmend gekippt. Zweitens rückt die Materialitätsprüfung von Scope-2- und Scope-3-Emissionen sowie Wasserverbrauch in den Risikofokus von Versicherern und Investoren. Wer Rechenzentren plant, finanziert oder bezieht, wird die juristische Risikolandschaft nicht länger als Randthema behandeln können.

Quelle: UD
 

Related Posts

Newsletter

Unsere Verantwortung/Mitgliedschaften

Logo
Serverlabel
The Global Compact
Englisch
Gold Community
Caring for Climate

© macondo publishing GmbH
  Alle Rechte vorbehalten.

 
Lasche