Neuer Net-Zero-Standard gibt Unternehmen mehr Spielraum bei Scope-3-Emissionen
Die Science Based Targets Initiative hat ihren Corporate Net-Zero Standard grundlegend überarbeitet. Version 2.0 erweitert die Instrumente zur Emissionsminderung entlang von Lieferketten, erlaubt erstmals den Einsatz von Umweltzertifikaten für Scope-3-Emissionen und streicht in vielen Fällen die Pflicht zu Langfristzielen. WWF und Wirtschaft reagieren grundsätzlich positiv, mahnen aber klare Umsetzungsregeln an.
16.06.2026
Die Science Based Targets Initiative (SBTi) hat die finale Version 2.0 ihres Corporate Net-Zero Standard veröffentlicht – die erste grundlegende Überarbeitung des Rahmens seit seiner Einführung. Das Dokument markiert nach 2 öffentlichen Konsultationsrunden und einer intensiven Debatte über die Glaubwürdigkeit freiwilliger Unternehmensklimaverpflichtungen eine Zäsur: Der neue Standard soll Klimaschutz für Unternehmen nicht nur ambitionierter, sondern auch praktikabler machen.
Zu den zentralen Neuerungen gehört eine deutlich erweiterte Werkzeugkiste für Scope-3-Emissionen, also jene Treibhausgase, die entlang der Wertschöpfungskette entstehen und für die meisten Unternehmen die größte Herausforderung darstellen. Unternehmen dürfen künftig sogenannte Environmental Attribute Certificates einsetzen, um Dekarbonisierungsmaßnahmen bei Zulieferern zu finanzieren und entsprechende Gutschriften geltend zu machen. Wer Ziele nach der bisherigen Version 1.3.1 festgelegt hat, kann diese bis Ende Januar 2028 weiter nutzen; danach wird Version 2.0 für alle neuen Zielanmeldungen verpflichtend.
Ein weiterer bemerkenswerter Schritt betrifft die Langfristziele. Bislang mussten Unternehmen Klimapfade bis 2050 und darüber hinaus definieren – eine Anforderung, die in der Praxis regelmäßig für Frustration sorgte. SBTi-CEO David Kennedy begründet die Änderung nüchtern: „Unternehmen scheuen oft Verpflichtungen, die 20 Jahre in die Zukunft reichen. Das ist keine übliche Geschäftspraxis, weshalb wir es nicht länger verlangen.“ In vielen Fällen entfällt die Pflicht zu solchen Langfristzielen damit ersatzlos.
Bewusst ausgeklammert hat die SBTi vorerst die umstrittenste Frage im gesamten Prozess: den Vorschlag des Greenhouse Gas Protocol, die Methodik zur Bilanzierung von Strom-Emissionen grundlegend zu ändern. Die Initiative will hier offenbar abwarten, bis sich das GHG-Protokoll selbst positioniert hat – ein Signal, dass Harmonisierung zwischen den maßgeblichen Standardsetzern noch aussteht.
Der WWF begrüßt die Überarbeitung grundsätzlich, mahnt aber Nachbesserungen bei der Umsetzung an. Kirsten Schuijt, Generaldirektorin des WWF International, erklärt: „Die SBTi bleibt der Goldstandard für die Entwicklung und Umsetzung unternehmerischer Klimaziele. Der überarbeitete Net-Zero-Standard stellt eine wichtige Weiterentwicklung dar und hat das Potenzial, in der gesamten Wirtschaft echte Wirkung zu entfalten.“ Gleichzeitig weist die Organisation darauf hin, dass der Erfolg des neuen Rahmens von praxistauglichen Leitlinien abhänge – insbesondere zu Marktinstrumenten, Übergangsfristen für bestehende Ziele und den angepassten Validierungsprozessen.
Im Kern führt Version 2.0 ein neues Drei-Säulen-Modell ein: Emissionsminderung entlang des 1,5-Grad-Pfads bleibt das Fundament, ergänzt um ein neues Konzept der „Ongoing Emissions Responsibility“ (OER), das die bisherige, weitgehend freiwillige Beyond-Value-Chain-Mitigation-Anforderung ersetzt und verbindlicher macht. Unternehmen können damit auch für den Umgang mit unvermeidbaren Restemissionen Anerkennung erhalten, wenn sie Klimaschutzprojekte finanzieren.
Dazu kommt eine neue Pflicht zur Veröffentlichung von Transition Plans, in denen Unternehmen ihren konkreten Umsetzungsfahrplan dokumentieren müssen – eine Anforderung, die den Druck erhöht, Bekenntnisse in messbare Maßnahmen zu übersetzen. Für viele Unternehmen dürfte das die eigentliche Herausforderung sein, nicht die Zielsetzung selbst.
Die weitere Harmonisierung zwischen SBTi, dem Greenhouse Gas Protocol und der ISO – die parallel an einem eigenen Net-Zero-Standard arbeitet – bleibt nach Einschätzung des WWF eine Schlüsselaufgabe. Ohne gemeinsame Bezugspunkte droht Unternehmen ein wachsendes Dickicht konkurrierender Anforderungen, das ambitionierten Klimaschutz eher bremst als beschleunigt. Ob Version 2.0 tatsächlich den Übergang von Ambition zu Umsetzung einleitet, wird sich nicht zuletzt daran messen, wie schnell die angekündigten Leitlinien folgen.