Nachhaltigkeitsprüfung: Nicht jedes Testat ist sein Papier wert
Ein Testat auf dem Nachhaltigkeitsbericht gilt vielen Unternehmen als Qualitätsbeweis. Doch eine neue wissenschaftliche Literaturübersicht zeigt: Die bloße Existenz einer externen Prüfung sagt wenig über deren Gehalt aus. Ob ein Assurance-Statement tatsächlich Glaubwürdigkeit schafft oder sie nur vortäuscht, hängt von Qualität, Klarheit und dem Vertrauen der Stakeholder ab – und diese drei Faktoren variieren erheblich.
27.05.2026
Wer heute den Nachhaltigkeitsbericht eines börsennotierten Unternehmens aufschlägt, findet am Ende fast immer einen kurzen Abschnitt mit dem Stempel eines Prüfers. Doch was dieser Stempel tatsächlich wert ist, bleibt häufig unklar. Eine Literaturübersicht, die jüngst im Fachjournal Critical Perspectives on Accounting erschienen ist und auf ScienceDirect abrufbar ist, kommt zu einem ernüchternden Befund: Nicht alle Formen der Nachhaltigkeitsprüfung sind gleichwertig – und schlechte Prüfungen können den Informationswert eines Berichts sogar mindern.
Die Autoren identifizieren dabei zwei grundlegend verschiedene Prüflogiken. Auf der einen Seite stehen die großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften – die sogenannten Big Four –, deren Ansatz an klassischen Prüfstandards wie dem ISAE 3000 orientiert ist: technisch, prozessorientiert, stark formalisiert. Auf der anderen Seite operieren kleinere, spezialisierte Anbieter, die häufig nach dem AA1000-Standard arbeiten und die Einbeziehung von Stakeholdern stärker gewichten. „Assurance nach ISAE 3000 ist dominant, hat aber erhebliche Schwächen: Es fehlt der Fokus auf Stakeholder-Inklusivität, Wesentlichkeit und Reaktionsfähigkeit", stellt eine Analyse in der Zeitschrift GOVERNORS fest.
Der Wunsch nach externer Bestätigung ist nicht neu. Institutionelle Investoren, Regulatoren und zivilgesellschaftliche Organisationen fordern seit Jahren eine unabhängige Verifizierung nicht-finanzieller Informationen. Laut einer Studie in Accounting & Finance kann hochwertige Assurance die Glaubwürdigkeit von Berichten tatsächlich verbessern, Informationsasymmetrien reduzieren und sogar die Kapitalkosten senken. Der entscheidende Vorbehalt: Diese positiven Effekte hängen vollständig von der Qualität der Prüfung ab. Eine oberflächliche Prüfung erzeugt im besten Fall keinen Mehrwert, kann im schlechtesten Fall aber aktiv in die Irre führen.
Besonders brisant wird dies angesichts wachsender regulatorischer Verpflichtungen. Mit der europäischen Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) müssen tausende Unternehmen ihre Nachhaltigkeitsinformationen künftig prüfen lassen. Doch die Pflicht zur Prüfung schafft noch keine Prüfqualität. Das zeigt auch der internationale Blick: Japan, Singapur, Hongkong, Indien und Brasilien bewegen sich auf verpflichtende Rahmen zu – ohne dass ein einheitlicher globaler Standard für Prüfqualität existiert. Eine Übersichtsstudie in Meditari Accountancy Research, die 52 empirische Studien ausgewertet hat, stellt fest, dass die Befunde zur Frage, welcher Prüfanbieter den größten Mehrwert schafft, zu heterogen sind, um klare Tendenzaussagen zu erlauben.
Was aus der Forschung klar hervorgeht: Vertrauen ist der eigentliche Kern. Und Vertrauen entsteht nicht durch technische Verifikation allein. Die Einbindung von Stakeholdern, Transparenz über Methodik und eine verständliche Kommunikation der Ergebnisse sind mindestens ebenso wichtig wie die formale Einhaltung von Prüfnormen. Solange Unternehmen, Prüfer und Regulatoren diese Unterscheidung nicht ernst nehmen, bleibt das Testat am Ende des Berichts das, was es zu oft schon ist: ein Signal ohne gesicherten Inhalt.