Regulatorik

Nachhaltige Finanzierung zwischen Ambition und Nachweispflicht

Sustainability-linked Loans und Green Bonds sollen die grüne Transformation finanzieren — doch wie glaubwürdig sind die Ziele? Mit den EBA-Leitlinien und der MaRisk-Novelle müssen Banken nun selbst liefern, was sie von Firmenkunden verlangen. Stefanie Alt, Head of Sustainable Solutions Group bei der ING Deutschland, erläutert, wie KPIs geprüft, Zielkonflikte gelöst werden und warum der Beweis für echte Transformation erst noch kommt.

02.11.2026

Nachhaltige Finanzierung zwischen Ambition und Nachweispflicht
Stefanie Alt, Head of Sustainable Solutions Group bei der ING Deutschland

Seit Januar 2026 gelten die neuen EBA-Leitlinien (EBA/GL/2025/01 für direkt von der EZB beaufsichtigte Institute; spätestens ab Januar 2027 müssen auch kleine und mittlere Banken verbindliche ESG-Risikopläne vorlegen. Damit verschiebt sich die Perspektive: Was Banken bislang bei Firmenkunden geprüft haben — belastbare Nachhaltigkeitsdaten, messbare Ziele, unabhängige Verifizierung —, müssen sie nun in der eigenen Governance nachweisen.

Wie verändert dieser Rollenwechsel die Praxis der nachhaltigen Finanzierung? Wo entstehen Zielkonflikte zwischen Kundenwunsch und regulatorischer Pflicht? Und woran wird sich in zwei bis drei Jahren messen lassen, ob Sustainability-linked Finance tatsächlich Transformation finanziert — oder nur Bestehendes umetikettiert? Darüber spricht UmweltDialog mit Stefanie Alt, Head of Sustainable Solutions Group bei der ING Deutschland.

UmweltDialog: Sustainability-linked Finance verknüpft Konditionen mit Nachhaltigkeitszielen des Kunden. Wie stellen Sie sicher, dass diese Ziele ambitioniert genug sind, um nicht als reines Greenwashing-Risiko für die Bank selbst zu gelten?

Stefanie Alt: Die Glaubwürdigkeit eines Sustainability-linked Loans hängt maßgeblich von den gewählten KPIs und Zielen ab. Wir prüfen, ob die KPIs für das Geschäftsmodell des Kunden wesentlich sind und ob die Ziele über die reine Fortsetzung bestehender Entwicklungen hinausgehen und ein entsprechendes Ambitionslevel sicherstellen. Dabei berücksichtigen wir unter anderem die historische Entwicklung, Branchen-Benchmarks und, wo verfügbar, wissenschaftsbasierte Transformationspfade. Eine unabhängige Verifizierung der Zielerreichung ist ein weiterer wichtiger Bestandteil.

Die EBA-Leitlinien und die MaRisk-Novelle verlangen jetzt von den Banken selbst belastbares ESG-Risikomanagement. Wie unterscheidet sich der Nachweisaufwand, den Sie jetzt intern erbringen müssen, von dem, was Sie seit Jahren von Firmenkunden verlangen?

Stefanie Alt: Der Schwerpunkt hat sich erweitert. Banken bewerten seit Jahren Nachhaltigkeitsaspekte bei ihren Kunden und Finanzierungen. Gleichzeitig steigen die regulatorischen Anforderungen an die Institute selbst, Nachhaltigkeitsrisiken systematisch in ihren Geschäfts- und Risikoprozessen zu berücksichtigen. Dadurch werden Nachhaltigkeitsthemen zunehmend Bestandteil der Gesamtsteuerung einer Bank. Der Fokus liegt damit nicht mehr nur auf einzelnen Finanzierungen oder Kundenbeziehungen, sondern zunehmend auf der Steuerung von Nachhaltigkeitsrisiken auf Portfolio- und Institutsebene.

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Wo laufen Sie als Sustainability Target Agent oder Strukturierer von SLL/Green Bonds in Zielkonflikte zwischen Kundenwunsch und aufsichtsrechtlicher Nachweispflicht?

Stefanie Alt: Bei Sustainability-linked Finanzierungen liegt die zentrale Herausforderung in der Auswahl von KPIs und Zielwerten, die sowohl für das Geschäftsmodell des Unternehmens wesentlich als auch ausreichend messbar und ambitioniert sind. Dafür müssen Unternehmen belastbare Daten und eine ausreichende Historie der Kennzahlen bereitstellen. Bei syndizierten Finanzierungen kommt hinzu, dass mehrere finanzierende Banken das KPI-Konzept anhand ihrer jeweiligen Sustainable-Finance-Rahmenwerke und Standards beurteilen. Die Herausforderung besteht daher darin, eine Struktur zu entwickeln, die sowohl die Transformationsstrategie des Unternehmens angemessen abbildet als auch von allen Finanzierungspartnern als glaubwürdig und nachvollziehbar eingestuft werden kann. Bei Green Loans und Green Bonds liegt der Fokus dagegen auf der Mittelverwendung. Hier steht die Frage im Vordergrund, ob die zu finanzierenden Investitionen mit Marktstandards — wie beispielsweise den Green Loan Principles und Anforderungen der EU-Taxonomie — im Einklang stehen.

Welche Kompetenzlücken hat die Aufsicht bei Vorstand und Management identifiziert, und wie schließen Sie diese konkret bis zum Greifen der neuen Regeln?

Stefanie Alt: Die Aufsicht hat deutlich gemacht, dass Nachhaltigkeits- und Transitionsrisiken zunehmend in strategische Entscheidungen sowie in Risiko- und Governanceprozesse integriert werden müssen. Im Vordergrund steht dabei weniger die Feststellung konkreter Kompetenzlücken als die Erwartung, dass entsprechende Kenntnisse auf Management- und Vorstandsebene vorhanden sind. Entscheidend ist daher, Nachhaltigkeitsaspekte angemessen in die bestehenden Steuerungs- und Risikomanagementprozesse einzubinden. Viele Unternehmen haben zudem Near-Term-Targets bis 2030 definiert, sodass bereits in den kommenden Jahren sichtbar wird, ob sie auf Kurs sind und ihre Transformationspläne die erwartete Wirkung entfalten.

Wie sieht für Sie in zwei bis drei Jahren der Beweis aus, dass Sustainability-linked Finance tatsächlich Transformation finanziert und nicht nur Bestehendes umetikettiert?

Stefanie Alt: Der Nachweis wird zunehmend über messbare Wirkung statt über Absichtserklärungen erfolgen. Entscheidend wird sein, ob Unternehmen die vereinbarten Transformationsziele erreichen und ob die finanzierten Investitionen zu den angestrebten Nachhaltigkeitswirkungen beitragen. Mit zunehmender Transparenz bei Daten, Reporting und Verifizierung wird die tatsächliche Wirkung nachhaltiger Finanzierungen künftig deutlich besser nachvollziehbar sein.

Quelle: ING Deutschland

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