Kohlenstoffmärkte boomen – Prüfkonzerne kaufen sich ein
Die EU-Entwaldungsverordnung, CBAM und ein wachsender Kohlenstoffmarkt lassen die Nachfrage nach unabhängiger CO₂-Verifizierung explodieren. TÜV SÜD hat gerade die Verifizierungsplattform SustainCERT übernommen – SGS zog mit der Übernahme von Sami rund acht Monate früher fast identisch nach. Auch DNV, Bureau Veritas und DEKRA rüsten auf, nur leiser.
23.09.2026
Ende 2026 tritt die EU-Entwaldungsverordnung in Kraft, das CO₂-Grenzausgleichssystem CBAM entfaltet volle Wirkung, und der freiwillige wie regulierte Kohlenstoffmarkt wächst rasant. Unternehmen müssen zunehmend belegen, dass ihre Klimaversprechen stimmen – mit Geolokalisierungsdaten zur Lieferkette, mit digitalen Prüfpfaden für CO₂-Zertifikate, mit akkreditierten Nachweisen statt bloßer Selbstauskunft. Genau diese Nachweispflicht ist zum Geschäftsmodell geworden, und die großen Prüf- und Zertifizierungskonzerne bauen dafür binnen weniger Monate ihre digitale Infrastruktur aus.
TÜV SÜD hat im Juli 2026 die in Luxemburg ansässige Validierungsstelle SustainCERT übernommen, deren digitale MRV-Plattform Kohlenstoffzertifikate inzwischen auch in hochfrequenten Zyklen prüfen kann. Ergänzt wird das durch die Mitgliedschaft im Deutschen Verband für negative Emissionen seit Juli 2026 und ein im April 2026 eingeführtes FSC-Zusatzmodul für die EUDR. „Die Kohlenstoffmärkte entwickeln sich zu einem global regulierten System mit rasch steigender Nachfrage nach hochwertigen, verifizierten Emissionsminderungen“, sagt Dr. Céline Bilolo, Chief Sustainability Officer bei TÜV SÜD.
Fast deckungsgleich, nur früher, bewegt sich der Wettbewerber SGS: Die Genfer Gruppe kaufte im Januar 2025 den GHG-Verifizierer Aster Global, wurde im April 2025 als erste Zertifizierungsstelle für das FSC-EUDR-Regulatory-Module akkreditiert – TÜV SÜD folgte diesem Schritt fast auf den Tag genau ein Jahr später – und übernahm im November 2025, rund acht Monate vor dem SustainCERT-Deal, mit Sami Frankreichs meistgenutzte Software für CO₂-Bilanzierung. CEO Géraldine Picaud nannte die zugekaufte Marke „eine weltweit anerkannte Größe im Bereich Treibhausgas-Dienstleistungen“.
Die übrigen Platzhirsche wählen leisere Wege, ohne aus dem Rennen zu sein. Während DNV nicht auf Zukäufe, sondern auf neue Prüfnormen setzt und seit Juni 2025 mit DNV-SE-0696 einen eigenen Standard für die Verifizierung von CO₂-Abscheidungsanlagen anbietet, geht Bureau Veritas im Zuge seiner LEAP|28-Strategie noch weiter und trennt sich sogar vom eigenen Öl- und Kohle-Prüfgeschäft, um Kapital für wachstumsstärkere Felder freizusetzen – eine eigene MRV-Plattform hat der Konzern bislang trotzdem nicht gekauft. Deutlich zurückhaltender bewegt sich DEKRA, das sich im April 2025 lediglich als Prüfstelle im Carbon-Registry-Netzwerk des International Carbon Registry zulassen ließ. Am auffälligsten fehlt TÜV Rheinland in diesem Bild: Öffentlich ist bislang keine vergleichbare Bewegung Richtung Kohlenstoff-Verifizierung oder EUDR-Zertifizierung erkennbar, stattdessen setzt der Konzern mit seinem Beratungsangebot zu Green Claims eher bei der Kommunikation von Nachhaltigkeitsaussagen an als bei deren technischer Prüfung.
Damit stellt sich eine Frage, die die Prüfkonzerne selbst kaum aufwerfen werden: Wenn dieselbe Handvoll Unternehmen künftig sowohl die digitale Infrastruktur für CO₂-Nachweise besitzt als auch die Beratung verkauft, die Unternehmen zu genau diesen Nachweisen befähigt, stärkt das die Unabhängigkeit der Kontrolle – oder verwischt es sie? Der Kohlenstoffmarkt hat in den vergangenen Jahren mehrfach mit Zweifeln an der Qualität einzelner Zertifikate zu kämpfen gehabt. Ob eine Konsolidierung der Prüfinfrastruktur bei wenigen globalen Konzernen dieses Vertrauensproblem löst oder nur neu verpackt, wird sich erst zeigen, wenn die ersten großen Prüfzyklen unter den neuen Plattformen laufen.
Quelle: UD
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