Wachstum und Klimaziel — geht beides? Klimastratege der Schwarz Gruppe im Interview
Die Unternehmen der Schwarz Gruppe haben ihre Klimaziele von der SBTi validieren lassen und liefern dort, wo sie direkten Einfluss haben: Scope 1 und 2 sanken um 44,1 Prozent gegenüber 2019. Doch die Gesamtemissionen steigen – getrieben von Scope 3, das rund 98 Prozent der Bilanz ausmacht. Im Interview erklärt Michael Löscher, Leiter der Klimastrategie der Unternehmen der Schwarz Gruppe, warum Wachstum und Emissionsentwicklung vorerst nicht entkoppelt sind, woran belastbare Produktemissionsdaten in der Lieferkette scheitern – und warum er bei Fleisch, Milchprodukten und pflanzlichen Alternativen den größten Hebel sieht.
23.07.2026
UmweltDialog: Scope 1 und 2 sinken laut Bericht, gleichzeitig entstehen durch mehr Umsatz auch mehr Emissionen. Sind Sie mit dem Bericht zufrieden?
Michael Löscher: Zufrieden kann man aus Nachhaltigkeitsperspektive nie vollständig sein, da wir immer Verbesserungspotenzial sehen. Mit Fortschritt, Ambitionsgrad und Commitment bin ich aber sehr zufrieden. Bei Scope 1 und 2 läuft es gut: Wir haben die Emissionen um 44,1 Prozent gegenüber 2019 reduziert und kommen unserem Ziel von 48 Prozent bis 2030 immer näher – hier haben wir direkten Einfluss. Bei den Entwicklungen in Scope 3 spiegelt sich unser gesundes Wachstum wider: Mehr verkaufte Produkte bedeuten aktuell noch mehr Emissionen, besonders in Kategorie 3.1. Das klare Ziel muss sein, Umsatz- und Emissionsentwicklung zu entkoppeln.
UmweltDialog: Wettbewerbsfähigkeit und Emissionsminderung gelten oft als Gegensatz. Wie wollen Sie diese Entkopplung schaffen?
Michael Löscher: Eine zentrale Herausforderung liegt beim Thema Daten. Aktuell bilanzieren wir produktbedingte Emissionen, indem wir Aktivitätsdaten – verkaufte Stückzahlen – mit Emissionsfaktoren aus statistischen Durchschnittswerten multiplizieren. Uns fehlt vielerorts noch die Granularität, um Reduktionen messbar zu machen und gezielte Maßnahmen zu steuern. Selbst wenn Lieferanten bereits Ziele umsetzen, lässt sich das mangels Primärdaten nicht in unserer Klimabilanz abbilden. Deshalb prüfen wir, welche Datenanforderungen wir an die Lieferkette stellen – ohne Lieferanten zu überfordern, die oft für mehrere Handelspartner arbeiten – und stehen dazu mit Marktbegleitern im Austausch.
UmweltDialog: Wie beurteilen Sie die Methodik zur Berechnung von Produktemissionen insgesamt?
Michael Löscher: Es gibt eine lange akademische Geschichte, aber keine Klarheit über die beste Vorgehensweise. Verschiedene Lösungsanbieter positionieren sich mit unterschiedlichen Methodiken und Datenbanken – je nach Ansatz kommt etwas anderes heraus. Das hilft uns nicht bei der Zielerreichung; wir brauchen Vergleichbarkeit und Transparenz, deshalb arbeiten wir mit Toolanbietern, wissenschaftlichen Partnern und Marktbegleitern in Brancheninitiativen an einem pragmatischen Ansatz. Wir können nicht einfach vom Lieferanten einen Product Carbon Footprint verlangen – die zugrundeliegenden Daten für die Berechnung müssen teilweise erst erhoben werden. Es geht also nicht nur um Bereitstellung, sondern erst um Generierung der Daten – bei rund 30.000 Artikeln allein im Kaufland-Regal eine enorme Aufgabe.
Michael Löscher, Bereichsleiter Climate bei Schwarz Corporate Affairs, leitet die Klimastrategie der Unternehmen der Schwarz Gruppe, zu der die Handelssparten Lidl und Kaufland, der Eigenmarkenhersteller Schwarz Produktion, die Kreislaufwirtschaftssparte PreZero sowie die IT- und Digitalsparte Schwarz Digits gehören. In dieser Funktion verantwortet er den gemeinsam erarbeiteten Klimatransitionsplan und die Umsetzung der SBTi-validierten Klimaziele – mit besonderem Fokus auf die Dekarbonisierung der vor- und nachgelagerten Wertschöpfungskette (Scope 3), die bei den Unternehmen der Schwarz Gruppe den größten Anteil der Emissionen ausmacht.
UmweltDialog: Kategorie 3.1 macht rund 77 Prozent Ihrer Scope-3-Emissionen aus. Hier stieg der Verbrauch real um etwa 5 Millionen Tonnen. Wie wollen Sie einen massiven Kurswechsel erreichen, um Ihre Klimaziele langfristig durchzusetzen?
Michael Löscher: Wir erreichen die Reduktion nicht allein über Datenoptimierung – teils führt bessere Granularität zunächst sogar zu höheren, aber verlässlichen Werten, weil sie die Realität präziser abbildet. Wir erarbeiten deshalb für einzelne Produktkategorien konkrete Net-Zero-Roadmaps, da sich Lieferantenstrukturen und Reduktionspotenziale stark unterscheiden – aktuell für Fleisch, dann folgen Molkereiprodukte und Eier, Obst und Gemüse, Getreide und Ölsaaten sowie weitere Kategorien, mit Reduktionspotenzialen und Anreizsystemen für die vorgelagerte Wertschöpfungskette.
Fleisch, Wurstwaren und Molkereiprodukte – tierische Proteinquellen – sind dabei die wesentlichen Hebel. Deshalb arbeiten Lidl und Kaufland konkret am Ausbau pflanzlicher Alternativen, über die Eigenmarken Vemondo und K-PLANT BASED.
UmweltDialog: Das klingt nach einem Zielkonflikt: Milch und Butter laufen gerade sehr gut, während Ihr Klimaplan auf weniger tierische Produkte zielt. Wie gehen Sie mit dieser Spannung um?
Michael Löscher: Ein Händler stellt normalerweise ins Regal, was der Kunde nachfragt. Wir wollen unsere Kunden nicht erziehen oder Produkte streichen – das würde weder Umsatz noch Nachhaltigkeit helfen, sondern Kunden eher zu Marktbegleitern abwandern lassen. Das ist ein Zielkonflikt, den ich eher als Transformationsherausforderung verstehe: Ein echter Wandel im Konsumverhalten ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die wir nur gemeinsam mit Bildungseinrichtungen, Elternhaus und Politik lösen können. Als Händler nehmen wir unsere Verantwortung dabei aktiv wahr. Unser Ansatz setzt nicht auf Verzicht, sondern auf ein attraktives Angebot: Kundenbedürfnisse wandeln sich zunehmend in Richtung gesunder Lebensmittel, besonders bei jüngeren Zielgruppen. Verbinden wir Gesundheit – etwa über pflanzliche Proteine – mit Nachhaltigkeit, treffen wir den “Sweet Spot”: nachhaltigere, gesündere Produkte zu attraktiven Preisen.
UmweltDialog: Wie oft wird die Strategie in der Praxis angepasst?
Michael Löscher: Unser Aufgabengebiet ist dynamisch und zukunftsorientiert: Wir bewerten Einflussfaktoren, Stakeholder-Interessen und Rahmenbedingungen fortlaufend neu. Zentrales Instrument ist unser Klimatransitionsplan, den wir jährlich aktualisieren, unterjährig aber praktisch täglich diskutieren. Trotz wirtschaftlich herausfordernder Zeiten halten wir an unseren 2024 verabschiedeten und 2025 von der SBTi validierten Zielen fest. Der Blick bis 2050 bringt viele Unbekannte mit sich: technologische Entwicklungen, politische Rahmenbedingungen, geopolitische Verwerfungen. Der Transitionsplan hilft uns flexibel abzuwägen, wo wir unsere Ressourcen jetzt und in Zukunft am besten investieren.
UmweltDialog: Ihr Bericht benennt Herausforderungen offen statt nur Erfolge. Wie wird das aufgenommen?
Michael Löscher: Es wird geschätzt und mittlerweile auch erwartet. Bei Scope 3, insbesondere 3.1, liegt noch eine große Aufgabe vor uns – darüber müssen wir offen sprechen, auch über unsere Lösungsansätze; alles andere wäre unglaubwürdig. Viele unserer Herausforderungen, etwa bei der Datenlage, teilen wir mit anderen Marktbegleitern und müssen sie gemeinsam angehen. Das wird von Stakeholdern, Geschäftspartnern und Banken zunehmend eingefordert. Nachhaltigkeitsberichterstattung ist nicht mehr nur reine Reputationspflege, sondern zeigt, wo ein Unternehmen steht und was als Nächstes geplant ist.