GRI-Report mit Gegenwind aus Europa und den USA
Die Global Reporting Initiative bleibt das weltweit meistgenutzte Rahmenwerk für Nachhaltigkeitsberichterstattung: Unternehmen, die nach GRI berichten, repräsentieren 62 Prozent der globalen Marktkapitalisierung. Das zeigt der neue „State of Sustainability Reporting"-Report. Zwei von fünf großen börsennotierten Unternehmen weltweit nutzen die GRI-Standards. Doch während die Nutzung in Asien und Lateinamerika steigt, geht sie in Europa und Nordamerika zurück.
01.07.2026
87 Prozent aller großen börsennotierten Unternehmen weltweit veröffentlichen inzwischen einen Nachhaltigkeitsbericht – Nachhaltigkeitsberichterstattung ist damit faktisch Marktstandard. Die im Juni 2026 veröffentlichte Studie „The State of Sustainability Reporting: Global Trends in the GRI Standards 2025" der Global Reporting Initiative (GRI) untermauert diesen Befund mit einer Auswertung von 14.682 börsennotierten Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mindestens 250 Millionen US-Dollar. 40 Prozent dieser Unternehmen berichten nach GRI – kein anderes Rahmenwerk erreicht eine vergleichbare Marktabdeckung.
Multi-Framework-Realität statt Einzelstandard
Nachhaltigkeitsberichterstattung ist heute eine Multi-Framework-Praxis. Die meisten Großunternehmen kombinieren GRI mit anderen Standards – TCFD (34 Prozent der Unternehmen), SASB (23 Prozent), CDP (21 Prozent), ISSB (13 Prozent) und ESRS (10 Prozent). Von den Unternehmen, die nach ISSB berichten, nutzen 80 Prozent zugleich die GRI-Standards; bei TCFD-Nutzern sind es 83 Prozent. Diese Zahlen stützen das Argument der Komplementarität: GRI als Impact-Framework und die ISSB-Standards als Financial-Materiality-Rahmenwerk erfüllen unterschiedliche Informationsbedürfnisse und adressieren verschiedene Zielgruppen.
Globaler Süden überholt Europa
Die auffälligste Verschiebung betrifft die geografische Dynamik. 42 Prozent aller GRI-Berichter sind inzwischen im Globalen Süden beheimatet, wo die Nutzungsquote mit 43 Prozent leicht über dem Rest der Welt (38 Prozent) liegt. Noch markanter ist der Unterschied bei der Marktkapitalisierung: 71 Prozent im Globalen Süden gegenüber 60 Prozent anderswo. Die höchsten Berichtsquoten nach Unternehmenszahl verzeichnen Taiwan (95 Prozent), Argentinien (82 Prozent), Kolumbien (79 Prozent), Singapur (76 Prozent), Brasilien (71 Prozent) und Malaysia (70 Prozent). Deutschland liegt mit 42 Prozent der Unternehmen und 77 Prozent der Marktkapitalisierung im oberen Mittelfeld.
Rückgang in Europa und den USA – kein GRI-spezifisches Problem
Im Vergleichszeitraum 2024 bis 2025 sank die globale GRI-Nutzung von 42 auf 40 Prozent. Dieser Rückgang konzentriert sich auf Europa und Nordamerika. In der EU hat die Einführung der ESRS-Standards unter der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) dazu geführt, dass Unternehmen von GRI auf ESRS wechseln – wobei die hohe Interoperabilität beider Standards dafür sorgt, dass Impact-Berichterstattung erhalten bleibt. In den USA haben der politische Zyklus unter der Trump-Administration und regulatorische Unsicherheiten die Berichtsbereitschaft insgesamt gedämpft. Entscheidend ist laut GRI: Der Rückgang betrifft nicht nur GRI, sondern alle großen Rahmenwerke. SASB und CDP verloren jeweils zwei Prozentpunkte, TCFD drei. Selbst die Referenzierung der UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs) sank um vier Prozentpunkte.
Emissionen, Energie, Arbeitssicherheit: Die meistgenutzten Standards
Die Unternehmen nutzen die volle Bandbreite der GRI-Themenstandards. Am häufigsten referenziert werden GRI 305 Emissionen (62 Prozent der Berichte), GRI 302 Energie (61 Prozent) und GRI 403 Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz (60 Prozent). Auch die sozialen Standards zu Diversität, Aus- und Weiterbildung sowie Beschäftigung erreichen jeweils 59 Prozent – ein Hinweis darauf, dass Unternehmen GRI gerade wegen der thematischen Breite schätzen, die andere Rahmenwerke nicht abdecken. Die ersten drei GRI-Sektorstandards für Öl und Gas, Kohle und Agrarwirtschaft werden bereits von 36 Prozent der betroffenen Unternehmen angewendet.
Einordnung: Zwischen Konsolidierung und Gegenwind
Der GRI-Report bestätigt ein zweigeteiltes Bild: Nachhaltigkeitsberichterstattung ist globaler Standard, doch die politischen Rahmenbedingungen verschieben sich. In Jurisdiktionen, die zusammen rund 40 Prozent des globalen BIP repräsentieren, ist Impact-Berichterstattung inzwischen regulatorisch verankert. Zugleich zeigt der Rückgang in Europa und den USA, dass regulatorische Neujustierungen und politischer Gegenwind die Berichtslandschaft schnell verändern können. Für ESG-Verantwortliche in Unternehmen bedeutet das: Die Multi-Framework-Realität bleibt auf absehbare Zeit bestehen, und die Interoperabilität zwischen GRI, ESRS, ISSB und TNFD wird zum operativen Schlüsselthema.