GHG-Protokoll und ISO verschmelzen die Emissionsbilanzierung
Die International Organization for Standardization und das Greenhouse Gas Protocol haben angekündigt, ihre Unternehmensstandards zur CO₂-Bilanzierung in einem einzigen, einheitlichen Regelwerk zusammenzuführen. Ein erster Konsultationsentwurf soll im zweiten Quartal 2027 erscheinen – das Inkrafttreten ist für 2028 geplant. Die Zusammenführung beendet eine jahrzehntelange Parallelstruktur, wirft aber zugleich die Frage auf, ob ein einheitliches Format allein schon für vergleichbare Daten sorgt.
05.08.2026
Wer bisher eine Treibhausgasbilanz erstellt hat, kennt das Problem: Zwei Welten, zwei Regelwerke, doppelte Arbeit. Das GHG Protocol, getragen vom World Resources Institute und dem World Business Council for Sustainable Development, hat sich seit den frühen 2000er Jahren als De-facto-Standard für die Emissionsberichterstattung etabliert. Parallel dazu pflegt die ISO mit ihrer Normenreihe 14064 ein eigenes Rahmenwerk, das in 177 Mitgliedsländern verankert ist. Beide Systeme verwenden ähnliche Begriffe – Scope 1, Scope 2, Scope 3 –, unterscheiden sich aber in methodischen Details, Verifizierungsanforderungen und Konsolidierungsregeln. Für berichtspflichtige Unternehmen bedeutete das bislang: doppelte Dokumentation, unterschiedliche Interpretationsspielräume und eine Fragmentierung, die weder Investoren noch Regulierern hilft.
Damit soll nun Schluss sein. Am 29. Juli 2026 gaben ISO und GHG Protocol bekannt, ihre jeweiligen Unternehmensstandards in einem gemeinsamen, co-gebrandeten Regelwerk zusammenzuführen. Das neue Rahmenwerk soll die Scope-1-, Scope-2- und Scope-3-Standards des GHG Protocol sowie den geplanten „Actions and Market Instruments"-Standard (AMI) mit der ISO 14064-1 vereinen. Eine integrierte öffentliche Konsultation ist für das zweite Quartal 2027 vorgesehen, das Inkrafttreten des einheitlichen Standards für 2028.
Strategische Partnerschaft als Vorgeschichte
Die jetzige Ankündigung kommt nicht aus dem Nichts. Bereits im September 2025 hatten beide Organisationen eine strategische Partnerschaft geschlossen, mit dem erklärten Ziel, die Standards zu harmonisieren. ISO-Generalsekretär Sergio Mujica sprach damals von einer „neuen Ära für die CO₂-Bilanzierung". Auch Emmanuel Faber, Vorsitzender des International Sustainability Standards Board (ISSB), begrüsste den Schritt als wesentlich für vergleichbare Klimadaten, die Investoren für fundierte Kapitalallokationsentscheidungen benötigten.
Tim Mohin, seit dem 1. Juni 2026 erster CEO des GHG Protocol, ordnet die Zusammenführung in einen grösseren Kontext ein. Die Emissionsbilanzierung stehe an einem Paradigmenwechsel: weg von einem freiwilligen System, das etwa über die Science Based Targets Initiative funktioniere, hin zu einer verbindlichen Welt, in der immer mehr Rechtsgebiete – von Kalifornien und der EU bis Japan und Singapur – verpflichtende Klimaberichterstattung einführten. „Ein einheitlicher Unternehmensstandard wird die Berichterstattung vereinfachen, Doppelarbeit reduzieren und mehr Konsistenz über Märkte und Rechtsgebiete hinweg schaffen", so Mohin. „Das wird es Unternehmen ermöglichen, mehr Zeit in die eigentliche Emissionsreduktion zu investieren."
Was konkret zusammenfließt
Das neue Regelwerk soll sämtliche wesentlichen Bilanzierungselemente beider Systeme in einer Struktur abbilden: die Unternehmensgrenzziehung, die Berechnung direkter Emissionen (Scope 1), die Bilanzierung von eingekaufter Energie (Scope 2) mit ihrem dualen Ansatz aus standortbasierter und marktbasierter Methode, die Lieferketten-Emissionen (Scope 3) sowie die neuen AMI-Regeln für die Berichterstattung über Klimawirkungen jenseits des eigenen Inventars. ISO bringt dabei die verfahrensbasierte Verifizierungsarchitektur und den formalen Normungsprozess mit 177 Mitgliedsländern ein, das GHG Protocol seine methodische Tiefe und seine Verankerung in der unternehmerischen Praxis.
Beide Organisationen betonen, dass der Entwicklungsprozess den bestehenden Governance-Strukturen beider Seiten folgen werde. Stakeholder beider Systeme sollen über einen koordinierten öffentlichen Konsultationsprozess eine Stimme bekommen – ein pragmatischer Ansatz, der vermeiden soll, dass eine Seite die andere schlicht absorbiert.
Scope 2: Die Nagelprobe
Wie komplex die technische Harmonisierung wird, zeigt sich bereits am Beispiel der Scope-2-Bilanzierung. Das GHG Protocol hatte im Oktober 2025 eine öffentliche Konsultation zu Änderungen seiner Scope-2-Regeln gestartet und dazu rund 1.100 Stellungnahmen erhalten – fast zwei Drittel davon von Unternehmen, Industrieverbänden und Nachhaltigkeitsberatern. Die Rückmeldungen offenbaren erhebliche Meinungsunterschiede.
Ein zentraler Streitpunkt: der Vorschlag, dass Unternehmen ihren Stromverbrauch auf Stundenbasis und innerhalb derselben Netzregion abgleichen müssen, um marktbasierte Emissionsreduktionen geltend machen zu können. Die Unterstützung dafür fiel gering aus. Gleichzeitig gab es Interesse an einer Regelung, die freiwillige Ökostrom-Claims nur dann zulässt, wenn die zugrundeliegenden Projekte zusätzliche Kapazität in Netzen schaffen, die bisher unterversorgt sind. Viele Stellungnehmende plädierten zudem für eine schrittweise Einführung neuer Regeln.
Mohins Einschätzung: Die Mehrheit der Befragten wolle einen strengeren Standard, aber die Meinungen darüber, wie dieser konkret aussehen solle, gingen weit auseinander. Die Scope-2-Arbeitsgruppe plant für September ein Präsenztreffen, um die Kommentare systematisch aufzuarbeiten. Die Ergebnisse sollen anschliessend in das Gesamtpaket des einheitlichen Standards einfliessen.
Auch auf Produktebene: Gemeinsamer Carbon Footprint
Neben dem Unternehmensstandard arbeiten ISO und GHG Protocol bereits an einem gemeinsamen Standard für produktbezogene Treibhausgasbilanzen, der auf der bestehenden ISO 14067 und dem GHG Protocol Product Life Cycle Accounting Standard aufbaut. Diese Produktnorm ist besonders relevant im Kontext der nationalen CO₂-Grenzausgleichsmechanismen, allen voran dem EU-CBAM, der die CO₂-Intensität von Importprodukten wie Stahl, Aluminium oder Zement bepreist. Eine gemeinsame technische Arbeitsgruppe traf sich Mitte Juli 2026; konkrete Zeitpläne für diesen Produktstandard stehen noch aus.
Einordnung: Richtiger Schritt – mit offenem Ausgang
Die Entscheidung, zwei Parallelsysteme in einem einzigen Regelwerk zu vereinen, ist strategisch nachvollziehbar. In einer Welt, in der immer mehr Rechtsgebiete verbindliche Berichtspflichten einführen, brauchen Regulierer belastbare Ankerpunkte. Ein fragmentierter Bilanzierungsmarkt erschwert genau das. Die Zusammenführung kann unnötige Doppelarbeit in Unternehmen abbauen und die Akzeptanz von Emissionsdaten bei Investoren und Aufsichtsbehörden stärken.
Allerdings greift die Harmonisierung des Formats allein zu kurz. Die eigentliche Bewährungsprobe liegt in den methodischen Details: Wie werden Organisationsgrenzen definiert? Welche Emissionsfaktoren gelten als belastbar? Wie werden Konsolidierungsregeln so gestaltet, dass die Ergebnisse tatsächlich vergleichbar, prüfbar und entscheidungsrelevant sind – und nicht lediglich CO₂-Inventare in einem einheitlichen Layout? Scope 3 bleibt dabei das grösste Minenfeld. Hier sind die Interpretationsspielräume heute am weitesten, und die Datenverfügbarkeit in globalen Lieferketten ist nach wie vor lückenhaft.
Ein einheitlicher Standard wird nur dann einen echten Mehrwert liefern, wenn er Daten produziert, die über Jurisdiktionsgrenzen hinweg tatsächlich verglichen, geprüft und für Investitions- und Steuerungsentscheidungen genutzt werden können. Die Alternative – ein formal harmonisiertes Regelwerk mit anhaltend unterschiedlichen Interpretationen in der Praxis – wäre lediglich eine kosmetische Bereinigung des Status quo.
Der Zeitplan bis 2028 ist ehrgeizig, aber nicht unrealistisch, sofern die Governance-Prozesse beider Organisationen tatsächlich synchron laufen. Die rund 1.100 Stellungnahmen allein zum Scope-2-Teilbereich zeigen, wie gross der Abstimmungsbedarf unter den Stakeholdern ist. Die kommenden Monate werden zeigen, ob ISO und GHG Protocol den politischen Willen und die technische Kapazität haben, aus zwei Standardwelten tatsächlich eine zu machen.