EU lockert CO₂-Kosten für energieintensive Industrie
Die EU-Kommission hat vorgeschlagen, der europäischen Industrie zwischen 2026 und 2030 mehr kostenlose CO₂-Emissionszertifikate zuzuteilen. Das finanzielle Entlastungsvolumen wird auf rund 4 Milliarden Euro geschätzt. Der Schritt soll Stahl, Zement, Chemie und andere energieintensive Branchen vor steigendem Wettbewerbsdruck schützen – und zeigt, wie stark das Gleichgewicht zwischen Klimaschutz und Industriepolitik in Brüssel unter Druck geraten ist.
12.06.2026
Das EU-Emissionshandelssystem (ETS) ist das wichtigste klimapolitische Instrument der Union: Es zwingt Kraftwerke, Raffinerien, Stahlwerke und andere Großemittenten, für jede Tonne ausgestoßenes CO₂ Zertifikate zu erwerben – und setzt damit einen Preis auf den Ausstoß von Treibhausgasen. Am 11. Mai präsentierte die EU-Kommission nun einen Vorschlag zur Überarbeitung der ETS-Referenzwerte für die Periode 2026 bis 2030. Kernpunkt: Industrieunternehmen sollen künftig mehr kostenlose Zertifikate erhalten, was laut Kommissionsschätzung einen finanziellen Effekt von rund 4 Milliarden Euro über den Fünfjahreszeitraum haben wird.
Im Schnitt würde die Industrie damit weiterhin kostenlose Zuteilungen in Höhe von rund 75 Prozent ihrer Emissionen erhalten. Die angepasste Berechnungsmethodik bezieht zudem indirekte Emissionen aus dem Stromverbrauch für 14 Produktreferenzwerte ein, was die Kosten bei industrieller Elektrifizierung senken und damit einen Anreiz zur Umstellung auf saubere Prozesse setzen soll. „Heute liefern wir das Versprechen von Präsidentin Ursula von der Leyen, den europäischen Kohlenstoffmarkt zu stärken“, erklärte Klimakommissar Wopke Hoekstra.
Der Vorschlag ist eine direkte Antwort auf Forderungen der Schwerindustrie, die seit Monaten vor den Folgen steigender Energiepreise, schwacher Nachfrage und wachsendem Konkurrenzdruck aus Asien und den USA warnt. Branchenverbände aus Stahl, Chemie und Metallverarbeitung hatten einen sanfteren Übergang gefordert. Umweltorganisationen sehen die Ausweitung kostenloser Zertifikate hingegen kritisch: Sie warnen, dass großzügige Gratiszuteilungen die Investitionsanreize für klimaneutrale Technologien wie grünen Wasserstoff oder CO₂-Abscheidung abschwächen. Zudem könnten günstige Freizertifikate neben dem bereits bestehenden CO₂-Grenzausgleich CBAM internationale Handelspartner wie Indien und China weiter verärgern.
Der Vorschlag liegt nun zur Konsultation mit den Mitgliedstaaten vor; die formelle Annahme der aktualisierten ETS-Benchmarks ist für den 24. Juni 2026 geplant. Für Juli kündigte die Kommission eine umfassende ETS-Überprüfung an. Das Paket steht sinnbildlich für die zentrale Spannung in der europäischen Klimapolitik: Brüssel hält grundsätzlich am CO₂-Bepreisungssystem als Kerninstrument der Dekarbonisierung fest, sieht sich aber gleichzeitig gezwungen, die Belastungen für eine Industrie abzufedern, die ihren Standort zunehmend in Frage stellt.