Regulatorik

ESG-Ratings verlieren an Glaubwürdigkeit – Investoren vertrauen lieber der eigenen Analyse

Die Befragung von 53 Senior-Investmentprofis mit zusammen 23,5 Billionen US-Dollar verwaltetem Vermögen zeigt: ESG-Ratings verlieren an Boden. Qualität, Nützlichkeit und Vertrauen sind laut der neuen Studie „Rate the Raters 2026“ des ERM Sustainability Institute gegenüber 2023 spürbar gesunken.

21.10.2026

ESG-Ratings verlieren an Glaubwürdigkeit – Investoren vertrauen lieber der eigenen Analyse

Die zwischen Februar und Juli 2026 durchgeführte Erhebung ist die neueste Ausgabe einer seit über 15 Jahren laufenden Studienreihe, die als längste unabhängige Bewertung der ESG-Ratingbranche gilt. Und ihre Ergebnisse lesen sich wie ein Weckruf. Die Rangfolge, nach der institutionelle Investoren heute ihre Anlageentscheidungen treffen, spricht eine klare Sprache: An erster Stelle steht die hauseigene Analyse, gefolgt vom direkten Dialog mit Unternehmen. Erst danach kommen Rohdaten aus ESG-Quellen – und aggregierte Scores und Ratings rangieren ganz am Ende. Das ist eine bemerkenswerte Verschiebung. Noch vor wenigen Jahren galten die Gesamtbewertungen großer Ratinghäuser als zentrale Entscheidungsgrundlage für nachhaltige Investments. Heute nutzen Investoren die Daten von MSCI, CDP oder EcoVadis zunehmend nur noch als Rohmaterial, das in eigene Risikomodelle einfließt. Scope-1-bis-3-Emissionen, Kennzahlen zur Board-Zusammensetzung oder Arbeitsunfälle werden direkt verarbeitet, statt sich auf die Gesamtnote eines Anbieters zu verlassen.

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Die Gründe für den Vertrauensverlust benennen die Investoren konkret: undurchsichtige Methoden, verzögerte Aktualisierungen nach wesentlichen Unternehmensereignissen und widersprüchliche Bewertungen ein und desselben Unternehmens durch verschiedene Anbieter. Wer je beobachtet hat, wie ein Unternehmen bei MSCI mit AA bewertet wird und bei Sustainalytics gleichzeitig im Risikobereich landet, kennt das Problem. Die Rate-the-Raters-Studie belegt nun systematisch, dass diese Diskrepanzen das Vertrauen der Investoren untergraben.

„Investoren werden deutlich kritischer gegenüber ESG-Ratings. Investmentfirmen priorisieren zunehmend fundamentale Kennzahlen gegenüber intransparenten Methoden. Die Anbieter müssen sich an die Erwartungen hinsichtlich Transparenz, KI-Integration und regulatorischer Aufsicht anpassen.“

Aiste Brackley, Partnerin und Direktorin am ERM Sustainability Institute, Co-Autorin der Studie

Bei den konkreten Anbieterbewertungen ergibt sich ein differenziertes Bild: In der wahrgenommenen Datenqualität führen MSCI, CDP und EcoVadis. Bei der Nützlichkeit über den gesamten Investmentprozess hinweg liegen MSCI, EcoVadis und RepRisk vorne. Auffällig ist dabei, dass spezialisierte Anbieter gegenüber den Generalisten an Boden gewinnen.

„Der Markt verschiebt sich von breiten Nachhaltigkeitsrankings hin zu themenspezifischer Expertise. Investoren erwarten mehr Stringenz, und Anbieter, die hochwertige Rohdaten und eine schnellere Integration in Arbeitsabläufe bieten, werden sich durchsetzen.“

Katie Langemeier, Forschungsspezialistin am ERM Sustainability Institute

Dass die Investoren zugleich immer stärker auf eigene KI-Lösungen setzen, um regulatorische Filings im großen Maßstab zu analysieren, verschärft den Druck auf die klassischen Ratinghäuser zusätzlich. Wenn ein Algorithmus die 10-K-Filings der SEC oder die ESRS-Berichte nach der europäischen Nachhaltigkeitsrichtlinie CSRD schneller und granularer auswerten kann als ein Ratinganbieter, stellt sich die Frage nach dem Mehrwert eines externen Scores neu.

Die Studie reiht sich in eine breitere regulatorische Entwicklung ein. Die EU hat mit der ESG-Rating-Verordnung, die Transparenz- und Governance-Anforderungen an Ratinganbieter in Europa einführt, einen ersten regulatorischen Rahmen geschaffen. Gleichzeitig sorgen verschärfte Offenlegungspflichten durch CSRD und die europäische Taxonomie dafür, dass Unternehmen ohnehin mehr standardisierte Daten veröffentlichen müssen. Beides zusammen könnte die Rolle der klassischen Ratingagenturen mittelfristig weiter verändern: Wenn Rohdaten öffentlich zugänglich und vergleichbar werden, sinkt der Bedarf an proprietären Aggregationsmodellen.

Die Botschaft von „Rate the Raters 2026“ ist eindeutig: ESG-Ratings bleiben Teil des institutionellen Werkzeugkastens, aber ihre Rolle hat sich fundamental gewandelt. Sie sind nicht mehr der Kompass, sondern ein Datenpunkt unter vielen. Für Ratinganbieter heißt das: Wer in einer Welt wachsender Transparenz und hauseigener KI-Kapazitäten relevant bleiben will, muss offenlegen, wie er zu seinen Ergebnissen kommt – und schneller liefern als die Algorithmen der Investoren selbst. Die vollständige Studie „Rate the Raters 2026: Beyond the Score – Investor Views on ESG Ratings“ steht auf der Website des ERM Sustainability Institute zum Download bereit.

Quelle: UD

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