Regulatorik

Der wahre Preis eines Magneten

Ohne Seltene Erden aus Myanmar keine E-Fahrzeuge, keine Windturbinen, keine hochwertigen Permanentmagnete für Verteidigungstechnologien. 2 Drittel aller schweren Seltenen Erden, die China importiert, stammen aus Myanmar — abgebaut in Bürgerkriegs- und Sonderzonen, mit fatalen Folgen für Bergarbeiter und Umwelt. Ein Investigativbericht von Grist mit dem Pulitzer Center dokumentiert eine tödliche Extraktionsökonomie — und markiert für europäische Beschaffer ein CSDDD-Kernrisiko.

04.09.2026

Der wahre Preis eines Magneten

Teil 3 der UD-Serie „Rohstoff-Sorgfalt vor CSDDD“.

Grundlage der Recherche ist ein Investigativbericht von Emily Fishbein und Jauman Naw für Grist, veröffentlicht in Partnerschaft mit dem Rainforest Investigations Network des Pulitzer Center. Die Reportage zeichnet nach, wie der Militärputsch in Myanmar 2021 eine im Geheimen operierende Bergbauindustrie explodieren ließ. Fünf Rikscha-Arbeiter aus Kachin und Shan State — alle mit Pseudonym geschützt — berichten von Zwangsarbeit, tödlichen Erdrutschen und einer nach ethnischer Herkunft gestaffelten Kompensation im Todesfall.

Die Kernzahlen sind alarmierend. Von 2017 bis 2024 hat China nach Zolldaten mehr als 290.000 Tonnen Seltene Erden aus Myanmar importiert — rund 2 Drittel seiner gesamten Importe. Der Wert dieser Einfuhren zwischen 2021 und 2024, also seit dem Putsch, liegt laut Grist bei 3,6 Milliarden US-Dollar. Nach Angaben der Umweltorganisation Global Witness hat Myanmar 2021 China als weltweit größte Quelle schwerer Seltener Erden abgelöst. Besonders relevant: Dysprosium und Terbium, die für hitzebeständige NdFeB-Permanentmagnete gebraucht werden — verwendet in Elektroautos, Offshore-Windturbinen und Waffensystemen.

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Grist porträtiert Min aus Zentral-Myanmars Sagaing-Region, der nach dem Tod seines Bruders bei einem Erdrutsch in einer Rare-Earth-Miene weiterarbeiten muss. Die Familie hielt religiöse Riten ohne den Leichnam ab — der Körper konnte nicht transportiert werden. „Trotz der Risiken arbeite ich weiter“, zitiert Grist Min. „Es gibt nicht viele andere Berufsoptionen.“ Lokale Medien haben in den vergangenen Jahren mindestens fünf tödliche Erdrutsche an Rare-Earth-Standorten dokumentiert; in einem Fall wurden über ein Dutzend Arbeiter verschüttet.

Die Extraktionsmethode heißt „In-situ-Leaching“ und ist eine der umweltschädlichsten überhaupt: Säuren und chemische Lösungsmittel werden durch die Berge geleitet, die Seltenen Erden in chemischen Pools ausgewaschen und in Öfen verbrannt. „Chemieaustritte und Abwassereinleitungen können Flüsse in toxische Zonen verwandeln, die Biodiversität reduzieren und Gemeinschaften erhöhten Konzentrationen von Seltenen Erden und Schwermetallen in Nahrungsmitteln aussetzen“, zitiert Grist Regan Kwan vom Stimson Center. „Auf menschlicher Ebene kann chronische Exposition Gehirn, Leber, Knochen und Immunsystem beeinträchtigen — und ist besonders schädlich in der kindlichen Entwicklung.“ Wasserprüfungen von Prof. Tanapon Phenrat an der Naresuan-Universität in Thailand haben in Kachin State Wasserproben gefunden, deren radioaktive Elemente und Schwermetallwerte chinesische Grenzwerte deutlich überschreiten.

Auch die ethnische Zweiklassen-Ökonomie ist explizit. „Wenn ein myanmarischer Arbeiter stirbt, ist die Entschädigung auf 80.000 bis 100.000 Yuan (13.000 Euro, Anm. der Redaktion) begrenzt“, zitiert Grist Kaung, der sich vom Arbeiter zum Vorarbeiter hochgearbeitet hatte. „Wenn ein chinesischer Staatsangehöriger stirbt, kann die Entschädigung 1 oder sogar 2 Millionen Yuan übersteigen.“ Kaung habe die Arbeit dieses Jahr wegen der Diskriminierung durch chinesische Vorgesetzte aufgegeben. Frauen berichten von sexuellen Übergriffen: „Einige chinesische Vorgesetzte suchten Zweitfrauen — wenn weibliche Arbeiterinnen ihre Annäherungen ablehnten, wurden sie entlassen.“ Ohne schriftliche Verträge hätten Arbeiter kaum Handhabe gegen Entlassungen.

Politisch verwickelt ist das Ganze mehrfach. Chinesische Unternehmen fördern Rare-Earth-Metalle in autonomen, militarisierten Regionen ethnischer Armeen, die Bergbauoperationen schützen und einen Teil der Gewinne mitnehmen. Das geförderte Material wird über die Grenze nach China transportiert, dort vermischt und verarbeitet, sodass die Herkunft praktisch nicht mehr nachvollziehbar ist. Ryan Castilloux, Gründer der Kritischen-Mineralien-Beratung Adamas Intelligence, vergleicht Chinas Rare-Earth-Verarbeitungsindustrie mit einer Kaffeemühle: „Es sei denn, man verfolgt die Moleküle die Trennlinie entlang und dann zum Metallwerk, wird es wirklich schwierig, den Ursprung zu ermitteln.“ Und dennoch: „Wenn man Magnete aus China kauft oder aus Japan mit Inputs aus China, gibt es einen gewissen Anteil des Materials in diesen Magneten, der in jedem Fall aus Myanmar stammt.“

Für die europäische Beschaffung ergibt sich daraus ein regulatorischer Ernstfall. Das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) verlangt bereits heute risikobasierte Sorgfalt bei mineralischen Vorprodukten. Ab Ende Juli 2027 gilt die Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD): Sie erstreckt die Sorgfaltspflicht ausdrücklich auf die gesamte Aktivitätskette und benennt Zwangsarbeit, Diskriminierung, geschlechtsspezifische Gewalt und schwere Umweltverschmutzung in ihrem Anhang I. Die EU-Konfliktmineralienverordnung (Verordnung 2017/821) erfasst Zinn, Tantal, Wolfram und Gold — und wird flankiert durch die Batterieverordnung (Verordnung 2023/1542) mit expliziten Sorgfaltsanforderungen an Kobalt, Lithium, Nickel und natürliche Grafite. Seltene Erden bleiben regulatorisch bislang weniger explizit erfasst, fallen aber vollständig unter das allgemeine CSDDD-Risikomanagement. Anders formuliert: Wer NdFeB-Magnete aus chinesischer Fertigung bezieht, muss ab 2027 belegen können, welche Sorgfaltsschritte er in einer Kette unternommen hat, die selbst Fachexperten mit einer Kaffeemühle vergleichen.

Ben Hardman, Mekong-Rechtsdirektor bei EarthRights International, formuliert es unmissverständlich: „Ich denke, Unternehmen benutzen Myanmar konsequent als Opferzone.“ Er fordert von Unternehmen, die schwere Seltene Erden in ihren Lieferketten haben, sowohl diese Abhängigkeit zu reduzieren als auch aktiv mit lokalen zivilgesellschaftlichen Gruppen und ethnischen bewaffneten Organisationen zusammenzuarbeiten. „Es ist nicht akzeptabel für Unternehmen zu sagen: ‚Wir werden weiterhin Magnete beziehen, die diese Seltenen Erden enthalten, aber wir können nichts tun, weil es komplex ist.‘“ Ähnliches gilt spiegelbildlich für die politisch-strategische Antwort auf China-Abhängigkeit: Alternative Herkünfte in Alaska, Amerikanisch-Samoa oder dem pazifischen Meeresboden (Teile 1 und 4 der Serie) verlagern das Sorgfaltsproblem, sie lösen es nicht.

Was das für berichtspflichtige Unternehmen heißt

Myanmar ist der Präzedenzfall dafür, wie CSDDD in der Praxis wirkt: Wer Downstream-Sorgfalt ernst nimmt, kann sich nicht mit dem Verweis auf mangelnde Rückverfolgbarkeit entlasten. Für Beschaffungsverantwortliche in Automobil-, Windenergie- und Elektronikketten heißt das: Herkunftsdokumentation, Verifizierung durch Dritte, aktive Reduktion der Abhängigkeit von Regionen ohne verifizierbare Standards — und Berichterstattung nach ESRS S2 („Arbeitskräfte in der Wertschöpfungskette“) mit belastbaren Datenpunkten.

Quelle: UD
 

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