Arbeitssicherheit im Umbruch: Mehr Einfluss, mehr Stress, mehr KI
Eine Befragung von mehr als 1.000 EHS-Fachleuten zeigt: Umwelt-, Gesundheits- und Arbeitsschutz gewinnt in Unternehmen strategisch an Gewicht. Gleichzeitig steigen Stress, Ressourcendruck und regulatorische Komplexität. Künstliche Intelligenz gilt als wichtigster Veränderungstreiber – doch die Einführung bleibt lückenhaft.
05.08.2026
Der Bereich Environment, Health and Safety (EHS) durchlebt einen grundlegenden Wandel. Das zeigt der 2026 EHS 360 Benchmark Report des Softwareanbieters VelocityEHS, für den das Marktforschungsinstitut Zogby Analytics im März 2026 insgesamt 1.008 EHS-Fachleute aus verschiedenen Branchen und Unternehmensgrößen befragt hat. Die zentrale Erkenntnis: EHS entwickelt sich von einer reinen Compliance-Funktion zu einem strategischen Geschäftstreiber – doch der Übergang erzeugt erhebliche Reibungsverluste.
Insgesamt 80 Prozent der Befragten geben an, optimistisch auf die Entwicklung des Arbeitsschutzes in ihrem Unternehmen zu blicken. Drei Viertel sehen eine deutlich strategischere Haltung der Unternehmensführung gegenüber EHS in den vergangenen zwei Jahren. 82 Prozent sind überzeugt, dass der Arbeitsschutz auf der Vorstandsebene an Einfluss gewinnt. 37 Prozent beschreiben EHS bereits als kritische Risikomanagement-Funktion, weitere 15 Prozent als strategischen Geschäftstreiber.
Doch die Stimmung ist gespalten. Während mehr als 90 Prozent der Führungskräfte Optimismus melden, liegt der Wert bei operativen Managern nur bei 73,4 Prozent. „Die Führungsebene sieht Fortschritt, die Frontline-Teams spüren die Reibung“, heißt es im Report. Mehr als die Hälfte der Befragten (51 Prozent) gibt an, ihr Job sei stressiger als vor einem Jahr. Bei einzelnen Fachkräften ohne Führungsverantwortung liegt der Wert sogar bei 60 Prozent. Als größte Stressquellen nennen die Teilnehmer knappe Ressourcen (31 Prozent), technologischen Wandel (30 Prozent), die Einbindung der Belegschaft (30 Prozent) und regulatorische Komplexität (27 Prozent).
Die Ressourcenfrage bleibt ein Dauerproblem. Fast zwei Drittel der Befragten (64 Prozent) sehen in begrenzten Budgets und Personalkapazitäten eine erhebliche Einschränkung der EHS-Leistung. 63 Prozent stimmen zu, dass die Erwartungen der Führungsebene die verfügbaren Mittel übersteigen. 59 Prozent beklagen, dass Datenqualität und Datenzugang fundierte Entscheidungen behindern – ein Problem, das mit wachsender Unternehmensgröße tendenziell zunimmt, weil mehr Standorte, mehr Beschäftigte und mehr regulatorische Pflichten auch mehr Daten produzieren.
Dabei arbeiten viele EHS-Abteilungen noch mit fragmentierten Systemen. 43 Prozent der Befragten geben an, dass zwischen einem Viertel und der Hälfte ihrer EHS-Prozesse noch manuell oder tabellenbasiert ablaufen. Jeder Zehnte beschreibt sein gesamtes technologisches Ökosystem als überwiegend tabellenbasiert. Der Report sieht darin eine der Hauptursachen für die Datenprobleme und die Schwierigkeit, vom reaktiven Sicherheitsmanagement – das vor allem auf die Nachbereitung von Vorfällen ausgerichtet ist – zu einem präventiven Ansatz überzugehen. Knapp die Hälfte der Befragten räumt ein, dass ihrem Unternehmen dieser Übergang schwer fällt.
Künstliche Intelligenz hat sich zum wichtigsten Veränderungstreiber entwickelt. 44 Prozent der Befragten identifizieren KI und Automatisierung als die stärkste transformative Kraft im EHS-Bereich in den kommenden zwei Jahren, weit vor regulatorischer Komplexität (20 Prozent) und Personalwandel (15 Prozent). 27 Prozent sehen KI-Kompetenz als die kritischste Fähigkeit für EHS-Fachleute in den nächsten drei Jahren, gefolgt von Datenanalytik (17 Prozent) und regulatorischer Expertise (16 Prozent). 76 Prozent glauben, dass KI den Verwaltungsaufwand im Arbeitsschutz spürbar reduzieren kann, 70 Prozent vertrauen KI-generierten Erkenntnissen für ihre Entscheidungsfindung.
Trotz dieser Aufbruchstimmung bleibt die tatsächliche Einführung ungleichmäßig. 38 Prozent melden einen skalierten Einsatz von KI in bestimmten Funktionen, 28 Prozent befinden sich noch in einer begrenzten Einführungsphase. Auffällig ist, dass die größten Unternehmen mit mehr als 15.000 Beschäftigten bei der Integration häufiger Lücken melden als mittelgroße Firmen – ein Muster, das sich auch bei der Technologiekonsolidierung insgesamt zeigt. Ein Großteil der aktuellen KI-Nutzung entfällt zudem auf allgemeine Textgenerierung und Datenbereinigung, nicht auf spezialisierte EHS-Anwendungen wie prädiktive Risikoanalyse oder automatisierte PSIF-Erkennung (Potential for Serious Injuries and Fatalities).
Der Report macht deutlich: Die Transformation des Arbeitsschutzes ist in vollem Gang, aber noch lange nicht abgeschlossen. Die wachsende strategische Bedeutung des Feldes kollidiert mit chronischem Ressourcenmangel, fragmentierten Datenlandschaften und einer lückenhaften Technologieadoption. Unternehmen, die jetzt gezielt in integrierte EHS-Plattformen und spezialisierte KI investieren, verschaffen sich einen Vorsprung.