23.04.2019

28.01.2019

Wirtschaftsethik

Nachhaltigkeit ist das Problem - nicht die Lösung

Seit wir im stratum-Büro eine neue LED-Beleuchtung haben, stehen an einigen der neun Lichtleisten Sprüche, die unseren Mindset ausdrücken. Einer dieser Claims sorgt bei neuen Mitarbeitern, Besuchern und Kunden für die meisten Fragezeichen. Er lautet: „Nachhaltigkeit ist das Problem, nicht die Lösung“.

Nachhaltigkeit ist das Problem - nicht die Lösung

Wir stoßen dabei auf die verbreitete, offenkundig völlig internalisierte und unangezweifelte Überzeugung, mit „Nachhaltigkeit“ sei eine Formel in der Welt, die unser zentrales zivilisatorisches Problem per se auflöst und ökonomischen Wohlstand mit einer heilen Umwelt und sozialer Sicherheit in Einklang bringt. Ein Zustand, der ein Garantieversprechen für eine gute Zukunft für uns alle enthält und das Schicksal kommender Generationen im Lichte unserer Glücksvorstellungen phantasiert.

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Und in der Tat werden wir medial ständig auf diese Grundüberzeugung hin getrimmt. Portale wie der UmweltDialog Newsletter oder das forum Nachhaltig Wirtschaften liefern uns regelmäßig die frohe Botschaft. Headlines der letzten Ausgaben waren z.B.:

  • Nespresso setzt auf nachhaltiges Aluminium
  • ALDI Ökogas beziehen und Klima schützen
  • Zukunftsfonds für eine nachhaltige Wende
  • MünchenerHyp emittiert ersten ökologischen ESG Pfandbrief
  • Nachhaltig Weihnachten feiern (oder wahlweise: Grünes Silvester – nachhaltig feiern)
  • Bayer bekennt sich zu Transparenz
  • Deutschlands nachhaltigstes Großunternehmen 2019" ist der Hersteller für Duft- und Geschmacksstoffe Symrise.

„Nachhaltigkeits-Theater“

Regelmäßig werden Unternehmen als „nachhaltig“ prämiert und mit großem Pomp und garniert von vorzugsweise Hollywood-Schauspieler-Prominenz dafür gelobt, dass sie es so wunderbar verstehen, ihre ökonomische Effizienzstrategie in der Sprache der Nachhaltigkeits- und Klimaschutz-Diktion darzubieten. Manchem Vertreter von KMU, die eine intrinsische Motivation zur ökologischen Verbesserung ihrer Produkte haben und an sich selbst hohe Maßstäbe anlegen, fühlen sich von diesem „Nachhaltigkeits-Theater“ ausgeschlossen und abgestoßen. Der Prokurist eines solchen Unternehmens, einer Weberei, schrieb uns jüngst:

„Seit Jahren werden wir trotz intensiver Bemühungen von den Medien aller Art ignoriert. Zu gut macht unbeliebt. Es gibt weltweit kein Unternehmen mehr, das so arbeitet wie wir. Wir sind von Anfang bis Ende Experten für Bio-Baumwolltextilien, flankiert von absoluter Transparenz und Nachvollziehbarkeit von A bis Z. Es ist machbar, wenn man will…. Mit unseren Geweben beliefern wir inzwischen viele mittelständische Firmen (auch Modelabels) europaweit und zunehmend auch darüber hinaus, die auf der sicheren Seite und nicht mehr angreifbar sein wollen. Wer das anstrebt, der kommt an uns nicht vorbei... Aus dem Textilbündnis sind wir ausgetreten. Man hat uns ignoriert, weil unser Niveau für die Schaumschläger schädlich ist.“

Unterschiedliche Ansprüche 

Just dieses Textilbündnis – d.h. die Seite der dort vertretenen Nichtregierungsorganisationen (NGO) – durften wir letztes Jahr an einem Punkt beraten, da die NGO-Vertreter nahe daran waren, das Bündnis von Bundesentwicklungsminister Gerd Müller zu verlassen. Auch die NGO fühlten sich ignoriert mit ihren Ansprüchen an eine nachhaltige Kontrolle von Lieferketten und die Verbesserung der Sozialstandards in Produktionsländern wie z.B. Indien. Außerdem fühlten sie sich – völlig unnötig – in ihrer Kampagnenfähigkeit eingeschränkt durch die Mitarbeit im Bündnis. Während es allerdings für die zitierte Baumwollweberei sinnvoll gewesen sein mag, das Bündnis zu verlassen, wäre dies für die NGO wohl eher ein Fehler und Eingeständnis eigener Schwäche und Strategielosigkeit gewesen. Denn der Austritt der NGO-Seite hätte das gesamte Bündnis in Frage gestellt, aber die Verhandlungsposition der NGO nicht verbessert. Diese Position zu verbessern, würde von den NGO stattdessen erfordern,

  • im Bündnis flexibel zu sein, aber als bissige Kampagnenveranstalter die Medien und die Zivilgesellschaft auf ihre Seite zu holen und den Druck von außen auf das Bündnis zu erhöhen
  • das Projekt als „dickes Brett“ und Langzeitaufgabe zu betrachten, bei dem man mit Zähigkeit dranbleiben und auch mal Roll-backs einstecken muss, um jede neue sich bietende Chance zu nutzen
  • die Illusion über Bord zu werfen, dass in dem Bündnis alle Seiten wirklich dasselbe wollen; auch wenn alle sich auf „Nachhaltigkeit“ verpflichten, ist es nicht dasselbe, weder für die Seite der Produktionsfirmen und des Handels, noch für Verbände, Politik und Staat oder eben auch die NGO-Seite
  • ehrgeizige kleinere Unternehmen wie das oben genannte als Partner im Bündnis halten und mit ihnen zusammen die eigene Expertise in der Sache zu verbessern.
Nachhaltigkeit

Dass die Textilbündnis-NGO im letzten Herbst so enttäuscht und nahe daran waren, hinzuwerfen, hat mit der eingangs erwähnten Illusion zu tun, Nachhaltigkeit sei eine Lösungsformel, die tatsächlich die Welten von Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft harmonisieren könne. Wir täten uns viel leichter, wenn wir die grundsätzlich unterschiedlichen Systemlogiken dieser drei Bereiche anerkennen würden und uns der Aufgabe stellten, unter diesen Bedingungen deren Zusammengänge und Schnittstellen zu optimieren – ohne jedoch z.B. zu glauben, dass die Spannungen und Widersprüche sich völlig auflösen lassen. Aus dieser Perspektive heraus kann es dann z.B. weder in der Landwirtschaft eine Produktionsweise geben, die im absoluten „Einklang mit der Natur“ steht noch im Wirtschaftsleben eine „Gemeinwohlökonomie“.

Zugegeben, das zerstört unsere Neigung zu rigorosen Lösungen und „Heilsformeln“. Ohne diese auszukommen, scheint die evolutionäre Herausforderung für unser Denken und die Organisation der Gesellschaft zu sein. Nachhaltigkeit ist unser Problem und wird unser Problem bleiben.

Quelle: UD
 

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